Frank Kürschner-Pelkmann

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Mythos und Wirklichkeit - Von Babylon lernen heißt Vielfalt schätzen

Buch-Rezension, 9.12.2015, epo.de

Rezension unter www.epo.de, 9.12.2015

Leben wie in Babylon. Das ist heutzutage für manche ein Schreckensszenario. Wie in der biblischen Geschichte vom Turmbau zu Babel wird eine Situation heraufbeschworen, in der Menschen aus vielen Ländern der Welt in einer Stadt zusammenleben, ohne sich zu verstehen. Die Wirklichkeit im antiken Babylon war ganz anders, hat Frank Kürschner-Pelkmann in seinem gerade erschienenen Buch "Babylon – Mythos und Wirklichkeit" plastisch dargestellt. In Babylon lebten Menschen aus vielen Völkern und Kulturen friedlich zusammen, und immer neue Zuwanderer trugen zum Wohlergehen dieser antiken Weltstadt bei.

In dem Buch werden historische Realität, biblische Berichte und die Mythen über die Stadt am Euphrat in Beziehung zueinander gesetzt. Das historische Babylon und seine Darstellung in der Bibel haben wenig gemein. Äußerer Anlass der negativen Aussagen und Verwünschungen in biblischen Texten war die Verschleppung der "oberen Zehntausend" der Jerusalemer Bevölkerung nach Babylonien. Aber tatsächlich ging es den Exilisraeliten an Euphrat und Tigris für damalige Verhältnisse relativ gut. Die große Mehrheit der Nachfahren der Verschleppten wollte deshalb gar nicht in die unbekannte, wirtschaftlich rückständige frühere Heimat zurückkehren, als dies möglich wurde, sondern blieb in Babylonien.

Babylon war offenbar auch für Menschen aus vielen Völkern ein geschätztes Zuhause. Das Neben- und Miteinander von Menschen unterschiedlicher Sprachen und Kulturen führte nicht ins Chaos, sondern war im Gegenteil eines der "Erfolgsgeheimnisse" der Stadt. Das Wissen und das Können der Zugewanderten trugen viele Jahrhunderte lang wesentlich zu ökonomischer Prosperität und kulturellem Reichtum bei. Babylon hat die Kultur, Wissenschaft und Religion der gesamten Region geprägt und vieles, was dort gedacht und entdeckt wurde, wirkt bis heute nach. Wem heute die Stunde schlägt, der richtet sich immer noch nach der babylonischen Zeitmessung, und auch auf mathematischem Gebiet haben die Babylonier lange vor den Griechen Beeindruckendes geleistet. In den heiligen Schriften der Juden und Christen finden sich viele Spuren der Glaubenswelt der Babylonier, so in der Legende von der großen Flut und der Arche des Noah.

EIN MYTHOS ALS ÜBERLEBENSGRUNDLAGE

Babylon bildete nach Überzeugung der Stadtbewohner den Mittelpunkt der Erde und war der Verbindungspunkt zu den Göttern im Himmel und in der Tiefe der Erde. Die Glaubensüberzeugungen haben entscheidend dazu beigetragen, dass die Stadt mindestens ein Dutzend Eroberungen überstanden hat und immer wieder aufgebaut wurde. Babylon war stets mehr als eine Ansammlung von Lehmhäusern, Tempeln und einem großen Turm. Der Mythos dieser Stadt hat ihren Aufstieg und ihren allmählichen Niedergang begleitet. Und dieser Mythos von Babylon wirkt bis heute nach. Er wird weitererzählt in Filmen wie Fritz Langs "Metropolis", Döblins Roman "Berlin Alexanderplatz" und natürlich auch in der Oper "Nabucco". Und selbst die Vorstellung vom "Sündenbabel" zeigt bis heute ihre Wirkung und lebt in der Namensgebung von einschlägigen Etablissements weiter.

Auch die Diffamierungen des antiken Babylons wirken Kürschner-Pelkmann zufolge bis heute nach. Vor allem fundamentalistische US-Theologen ziehen eine Linie von den biblischen Vernichtungsankündigungen und den Kriegen im Irak der letzten Jahrzehnte. Der Irak als Nachfolgestaat Babyloniens ist nach diesem Verständnis dem totalen Untergang geweiht, und die US-Invasion in dem Land war ein Schritt auf diesem gottgewollten, unentrinnbaren Weg der Vernichtung.

BABYLON ALS AUSGANGSPUNKT FÜR EINE ERNEUERUNG DES IRAKS

Irakische Historiker versuchen hingegen, König Nebukadnezar und die anderen bedeutenden babylonischen und assyrischen Herrscher sowie vor allem die großen kulturellen und ökonomischen Leistungen in Städten wie Babylon zum Ausgangspunkt für den Stolz auf und die Identifizierung mit der gemeinsamen Geschichte des ganzen irakischen Volkes zu machen. Das ist eine ebenso mühsame wie notwendige Aufgabe in einem zerrissenen Land. Die Geschichte des historischen Babylons und seines Mythos immer neu zu erzählen, ist deshalb auch ein Schritt zur Bewahrung und zum geistigen Wiederaufbau des Landes. Die Mächtigen des "Islamischen Staates" haben eine ganz andere Tagesordnung und vernichten systematisch alle archäologischen Zeugnisse der antiken Geschichte des Landes. Vielfalt und der Reichtum unterschiedlicher Kulturen und Religionen werden mit großer Brutalität bekämpft.

Babylon, so der Autor, bleibt ein beeindruckendes historisches Beispiel dafür, dass ein Miteinander von Menschen verschiedener Völker in einer Stadt und einer Gesellschaft möglich ist und dem Wohl aller dienen kann. Das historische Babylon ist kein Beleg für einen drohenden Untergang durch ein "Völkermischmasch", sondern weckt die Hoffnung, dass ein gedeihliches Miteinander von Menschen verschiedener Ethnien und Kulturen gelingen kann.

Babylon war kein Multikulti-"Paradies", aber die Stadt ermöglichte die Wahrung von Identität in einem Gemeinwesen, in dem die Menschen sehr planvoll und sehr erfolgreich einen Wohlstand geschaffen haben, der weit höher war als in den meisten Städten und Dörfern der damaligen Welt. Frank Kürschner-Pelkmann plädiert deshalb in seinem Buch dafür, die Geschichte und die großen Leistungen Babylons mit großer Achtung zu begegnen und sich von negativen Zerrbildern zu verabschieden.


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„Babylon. Mythos und Wirklichkeit“
Steinmann Verlag, Rosengarten bei Hamburg
2015, 239 Seiten, 24,80 Euro.
ISBN: 978-3-927043-65-7







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