Frank Kürschner-Pelkmann

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aktuelles --- 09.09.2009 ---

Gesundheitsrisiken durch den Klimawandel - zunehmend auch in Deutschland

Copyright Foto: Birgit Uhl

„Der Klimawandel ist ein Gesundheitsthema, das Milliarden Menschen angeht. Es ist nicht nur ein Umweltproblem, das sich um Eisbären und Abholzung dreht.“ So beschreibt Professor Anthony Costello von der Universität London die dramatischen Auswirkungen des Klimawandels, „und nicht in einer fernen Zukunft, sondern noch zu unseren Lebzeiten und zu den Lebzeiten unserer Kinder“. Er und Kollegen haben im Mai 2009 in der Medizinzeitschrift „The Lancet“ vor der Ausdehnung von Infektionskrankheiten auf neue Ausbreitungsgebiete gewarnt, ebenso vor den tödlichen Folgen von Hitzewellen und Extremwetterlagen.

Betroffen sind gegenwärtig vor allem arme Länder in tropischen und subtropischen Regionen der Welt. So breitet sich die Malaria z.B. verstärkt in bisher nicht betroffenen Bergregionen Ostafrikas aus. Aber die Gefahrzonen durch den Klimawandel dehnen sich in den Norden der Welt aus. Die britischen Forscher warnen: „Der Klimawandel konfrontiert uns mit einer globalen Gesundheitskrise.“

Hierzulande wird bisher zu wenig wahrgenommen, wie stark auch Deutschland und das übrige Europa von den gesundheitlichen Risiken durch den Klimawandel betroffen sind. Dabei wies beispielsweise das renommierte Robert-Koch-Institut in Berlin schon im letzten Jahr auf eine verstärkte Infektionsgefahr aufgrund des Klimawandels hin. Für manche Insekten, die gefährliche Krankheiten übertragen, sei es inzwischen nördlich der Alpen nicht mehr zu kalt. Die Landeszentrale für Gesundheit in Bayern führte 2008 ein Symposium zum Thema „Globaler Klimawandel und Gesundheit“ durch, bei dessen Eröffnung Professor Johannes G. Gostomzyk, der Vorsitzende der Landeszentrale, betonte: „Wir leben in der nördlichen ‚gemäßigten' Klimazone der Erde. Aber auch wir erleben zunehmend häufiger extreme Wetterlagen wie starke Niederschläge, orkanartige Stürme, Hitzeperioden, Gletscherschwund und anderes als Symptome eines globalen Klimawandels.“

Möglicherweise könnten sich in Zukunft Krankheiten, die bisher nur in Entwicklungsländern bekannt sind, bei uns ausbreiten, fürchtet auch der Präsident des Friedrich-Loeffler-Instituts, Thomas Mettenleiter: „Wir werden andere Krankheiten bekommen.“

Es wird erwartet, dass sich das West-Nil-Fieber bald auch in Süddeutschland auftreten wird, nachdem es bereits in Österreich und Ungarn nachgewiesen wurde. In den USA hat sich die Krankheit bereits binnen weniger Jahre überraschend rasch ausgebreitet. Die Krankheit wird durch Steckmücken auf Menschen übertragen und kann Fieber, Muskelschmerzen und Hirnhautentzündungen auslösen. Besonders in Städten, die ohnehin höhere Durchschnittstemperaturen als die umgebenden ländlichen Gebiete aufweisen, ist es in heißen Sommermonaten zu Ausbrüchen der Krankheit gekommen, so in New York und Bukarest. Es ist zu befürchten, dass die Verschleppung der Krankheiten durch Reisende oder auch Zugvögel plus günstigere Bedingungen aufgrund des Klimawandels eine Ausbreitung der Krankheiten verstärken wird.

Die Überträger auf dem Weg nach Norden

Eine wichtige Ursache für die Ausbreitung bisher tropischer Krankheiten ist, dass Mückenarten ihre Lebensräume verschieben. Anfang September 2009 wurden Forschungsergebnisse der Universität Zürich bekannt, wonach sich die Asiatische Buschmücke, die den West-Nil-Virus auf Menschen überträgt, bereits auf einer Fläche von 1.400 Quadratkilometern in der Schweiz und im angrenzenden Deutschland verbreitet hat. Ursprünglich war die Mücke ausschließlich in Japan, Korea und China zu Hause. Professor Alexander Mathis von der Universität Zürich erläuterte zur Relevanz der Forschungsergebnisse: „Damit ist uns der erste Nachweis der Vermehrung und Ausbreitung einer invasiven Mückenart in Zentraleuropa gelungen.“

Die Gelbfiebermücke Aedes aegypti ist bereits wieder in Madeira aufgetreten, nachdem sie in den 1950er Jahren unter massivem Einsatz von Insektiziden in Europa ausgerottet worden war. Jetzt kommen die Larven zum Beispiel mit importierten Zierpflanzen zurück und finden hier dank Klimaerwärmung gute Überlebensmöglichkeiten. Die Aedes aegypti gilt als „hervorragender“ Überträger von Dengua oder Gelbfieber. Als besonders gefährlich gelten auch die asiatischen Tigermücken, die seit den 19890er Jahren in Italien heimisch geworden sind. Professor Uwe Groß von der Universität Göttingen warnte im Februar 2009 im „Deutschen Ärzteblatt“: „Die asiatische Tigermücke ist auf einem globalen Siegeszug.“ Und da sie tagaktiv ist und meist viele Menschen sticht, ist das Übertragungsrisiko hoch, wenn ein infizierter Wirt vorhanden ist, wenn sich also einer der gestochenen Menschen mit einer tropischen Krankheit infiziert hat.

Globalisierung begünstigt globale Ausbreitung von Krankheiten

Die Globalisierung beschleunigt diesen Prozess, weil Erreger rasch über Tausende Kilometer verschleppt werden können. Ein Beispiel ist der importierte Chikungunya-Virus, der vor allem im östlichen und südlichen Afrika sowie in Indien heimisch ist. Er wird von Mückenarten übertragen, die ursprünglich nur in tropischen Regionen der Welt zu finden waren, aber inzwischen auch in Italien aufgetaucht sind. Wenn Reisende einen Virus mit nach Europa bringen, kann es unter ungünstigen Bedingungen zur Übertragung von Krankheiten kommen.

Im Sommer 2007 brachte ein Rückkehrer aus Indien das Chikungunya-Fieber mit nach Norditalien. Übertragen wurde es dort durch die Tigermücke, mit der Folge, dass etwa 200 Menschen erkrankten, von denen keiner eine Reise in tropische Regionen unternommen hatte. Ähnliche Probleme drohen bei weiter steigenden Durchschnittstemperaturen auch in Deutschland.

Tröstliche Nachricht: Mit einer großflächigen Ausbreitung von Malaria ist bei uns nicht zu rechnen. Neben einer „angenehmen“ Temperatur brauchen die übertragenden Mücken auch große Feuchtgebiete und genügend infizierte Personen, um die Krankheit weiterzutragen. Matthias Niedrig vom Robert-Koch-Institut ist überzeugt: „Eine wirkliche Malaria-Epedimie werden wir in Deutschland nicht bekommen.“ Das hat einen ökologischen Preis: „Aber sollte sich eine exotische Mücke ausbreiten, werden wir großflächig mit Chemikalien gegen sie vorgehen, und das wird erfolgreich sein.“ (Zitiert nach Süddeutsche Zeitung, 30.5.2009) Es ist daran zu erinnern, dass der Kampf gegen die Malaria in Europa vor einem halben Jahrhundert nicht zuletzt durch den großflächigen Einsatz von DDT gewonnen wurde.

Hiesige Krankheitserreger schätzen den Klimawandel

Schwer abschätzbar sind die Auswirkungen des Klimawandels auf hiesige Infektionskrankheiten, die durch tierische Überträger („Vektoren“) wie Schmücken, Wanzen und Zecken übertragen werden. Die Vektoren reagieren auf vielfältige Weise auf Klimaveränderungen. Die Erwärmung verursacht eine zunehmende Vermehrung, eine Verlängerung ihrer jährlichen Aktivitätsperioden und höhere Überlebensmöglichkeiten in den milderen Wintern. Aber dort, wo Feuchtbiotope, die für die Brut z.B. von Stechmücken wichtig sind, austrocknen, nimmt deren Zahl drastisch ab. Hingegen verursachen Überschwemmungen und Starkregenfälle eine sprunghafte Vergrößerung der Stechmücken-Populationen. Steigende Temperaturen haben schon jetzt zur Konsequenz, dass sich Zecken in Deutschland stärker ausbreiten und dank milder Frühlingstemperaturen früher im Jahr aktiv werden. Die Zecken haben sich in den letzten 10 Jahren um etwa 100 Kilometer in Richtung Norden ausgebreitet.

Die Pollenbelastung steigt

Besondere Risiken bedeutet der Klimawandel für Menschen, die eine Pollenallergie haben. Die bereits spürbaren Klimaveränderungen führen dazu, dass stark allergene Pflanzen sich auf neue Gebiete ausdehnen (z.B. in Gebirgsregionen und weiter in den Norden) und dass der Pollenflugkalender früher im Jahr beginnt. Die Zeit des Pollenflugs hat sich in Deutschland in den letzten 30 Jahren um jährlich 10 bis 12 Tage verlängert. Die Pollensaison droht sich nun auch auf den Herbst auszuweiten, weil zugewanderte Pflanzen sich rasch ausbreiten, die ihre Pollen später im Jahr verbreiten als die heimischen Pflanzen.

Die Ambrosia-Pflanze („Beifußblättrige Traubenkraut“) stammt ursprünglich aus Nordamerika, blüht im Spätsommer und verfügt über ein hohes allergenes Potenzial. Die Pollen können also heftige Allergien auslösen. Eine Ambrosie kann bis zu drei Milliarden Pollen freisetzen. Aber schon zehn Pollen reichen aus, um einen Allergie-Anfall zu verursachen.

Extreme Wetterverhältnisse

Extreme Wetterverhältnisse lösen vor allem bei ohnehin geschwächten Menschen gravierende Gesundheitsrisiken aus. Hohe Temperaturen belasten vor allem das Herz-Kreislauf-System. Dem „Hitzesommer“ 2003 fielen in Europa etwa 40.000 Menschen zum Opfer. Allein für Deutschland wird von etwa 7.000 zusätzlichen Todesfällen berichtet. Hinzu kommt eine große Zahl von Erkrankungen, die durch die Hitzewelle mit verursacht wurden. Vor allem über 75-Jährige waren gefährdet, und die Zahl der Toten wäre noch gestiegen, wenn im Sommer 2003 die Luftfeuchtigkeit höher gewesen wäre. Der „Deutsche Wetterdienst“ hat nach dieser Erfahrung einen „Hitzewarndienst“ eingerichtet.

Zwar wird als Folge der zukünftig milderen Winter die Zahl der kältebedingten Erkrankungen und Todesfälle etwas sinken, aber das wird vermutlich mehr als ausgeglichen durch die Zahl der Menschen, die als Folge extremer Hitze erkranken und sterben. In Deutschland sind vor allem städtische Ballungsgebiete sowie der Oberrheingraben gefährdet.

Ein „schöner“ Sommer mit strahlendem Sonnenschein freut die Urlauber, erhöht aber auch das Hautkrebsrisiko. Die UV-Strahlung hat in Deutschland nachweislich zugenommen. Die vermehrte Blaualgenblüte aufgrund höherer Temperaturen im Sommer zwingt vermehrt dazu, Badestrände zu sperren. Zudem nimmt die Bedrohung durch Bakterien im Meerwasser zu, wenn dessen Temperatur auf mehr als 20 Grad Celsius steigt, in Binnengewässern ist es ähnlich.

Was kann getan werden?

Im April 2009 erschien ein Ratgeber des Umweltbundesamtes zum Thema „Gesundheitliche Anpassung an den Klimawandel“. Während Hitzeperioden wird vom Umweltbundesamt eine ausreichende Flüssigkeits- und Nahrungsaufnahme empfohlen. Besonders bei älteren Menschen stellt der Flüssigkeitsmangel ein hohes Risiko dar. Größere Mengen Alkohol und Koffein sollten bei Hitze vermieden werden, denn durch sie wir das Risiko von Sonnenstich und Hitzeschlag deutlich erhöht.

Das Risiko von Hautkrebs kann durch einen zurückhaltenden Umgang mit dem Sonnenlicht erreicht werden. Das Umweltbundesamt empfiehlt u.a. den Aufenthalt im Schatten, das Tragen von Sonnehut und Sonnenbrille sowie die Verwendung von Sonnenschutzmittel mit dem Lichtschutzfaktor 15 oder mehr.

Häuser sollten über eine gute Isolierung und passive Kühlungsmöglichkeiten verfügen. Außer für Krankenhäuser, Pflegestationen u.ä. wird vom Einsatz von Klimaanlagen abgeraten, weil sich die Klimaprobleme noch erhöhen.

In der Stadtplanung sollte Wert auf unverbaute Frischluftkorridore, Parks und Grünflächen gelegt werden, die als „Kälteinseln“ wirken.

Angesichts von mehr Hochwasser- und Extremniederschlags-Ereignissen sind große Investitionen in Deiche, Rückstaubecken und andere Schutzmaßnahmen erforderlich. Das Leben der Menschen an der Nordsee und auf den deutschen Inseln lässt sich nur doch Milliardeninvestitionen in den Küstenschutz schützen. Höhere Meeresspiegel und stärkere Sturmfluten bedrohen das Leben der Küstenbewohner. In Ländern wie Bangladesch, wo man solche Investitionen nicht finanzieren kann, sterben jedes Jahr viele Tausend Menschen in den Fluten oder erkranken schwer an dem verseuchten Wasser, das ihnen bei Flutkatastrophen buchstäblich bis zum Hals steht.

Das wirksamste Mittel zur Begrenzung der gesundheitlichen Risiken durch den Klimawandel besteht darin, diesen Klimawandel selbst zu begrenzen. Vorbeugung ist auch hier die beste Antwort auf Risiken.

Foto: Birgit Uhl

(Frank Kürschner-Pelkmann)

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