Frank Kürschner-Pelkmann

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aktuelles --- 02.02.2010 ---

Assuanstaudamm: Baubeginn vor 50 Jahren

Assuanstaudamm

Am 9. Januar 1960 drückte der ägyptische Präsident Gamal Abdel Nasser auf einen roten Sprengknopf und gab damit das Startzeichen für das größte Bauvorhaben in der neueren Geschichte Ägyptens. Ursprünglich hatte das Vorhaben vor allem mit finanzieller Unterstützung der USA und der Weltbank finanziert werden sollen. Aber als Nasser moderne Waffen in der Sowjetunion und nicht in den USA kaufte und dann die Volksrepublik China diplomatisch anerkannte, waren US-Außenminister John Foster Dallus und das übrige US-Establishment so verärgert, dass sie die Kreditzusage zurückzogen, und da die Weltbank stark unter US-Einfluss stand, schloss sie sich diesem Schritt an.

Der Konflikt eskalierte, als Ägypten den Suezkanal verstaatlichte und daraufhin britische, französische und israelische Truppen die Kanalzone besetzten. Die Intervention wurde zum Fiasko, die Truppen mussten sich zurückziehen - und die Sowjetunion unterstützten den Bau des Assuanstaudamms mit Finanzen, Technik und 2.000 Ingenieuren. Zeitweise wurden mehr als 30.000 ägyptische Bauarbeiter beschäftigt. Präsident Nasser verkündeter selbstbewusst: „Unser Volk kann das Unmögliche möglich machen. Denn wer Pyramiden errichten kann, kann auch einen solchen Damm vollenden.“

Der 111 Meter hohe und 3.600 Meter lange Staudamm wurde am 15. Januar 1971 fertiggestellt, vier Monate nach dem Tod Nassers. Der Stausee hat eine Länge von fast 500 Kilometern und eine Breite von bis zu 35 Kilometern. Für die Flutung mussten etwa 100.000 Menschen umgesiedelt werden, vor allem Angehörige der ohnehin seit langer Zeit benachteiligten Minderheit der Nubier. Mit einer großen internationalen Rettungsaktion wurden zwei Dutzend Tempel abgetragen und an anderer Stelle wieder aufgebaut, um sie davor zu bewahren, in den Fluten des Stausees zu versinken. Darunter war der berühmte Tempel von Abu Simbel.

Die positiven Ergebnisse des Staudamms

Die politische Führung Ägyptens stellte und stellt die positiven Ergebnisse des Staudammbaus heraus. Die Turbinen erzeugten nach der Fertigstellung 79% des damaligen Elektrizitätsbedarfs des Landes. Auch ermöglichte der Damm eine zuverlässige Wasserzufuhr für die ägyptische Landwirtschaft, die schon aus biblischen Zeiten bekannte Gefahr von Dürrejahren („sieben magere Jahre“) wurde also gebannt.

Damit einher ging eine Modernisierung großer Teile der ägyptischen Landwirtschaft, was es erleichterte, die rasch wachsende Bevölkerung des Landes zu ernähren. Außerdem erlaubte die regelmäßige Verfügbarkeit von Flusswasser eine deutliche Ausweitung der landwirtschaftlichen Flächen in bisherigen Wüstengebieten. Zu erwähnen ist schließlich die bessere Schiffbarkeit des Unterlaufs des Nils, was dem Warenverkehr, aber auch dem Tourismus Vorteile brachte.

Den Preis der Modernisierung zahlen die Armen

Aber der Staudammbau war auch mit gravierenden Nachteilen verbunden. So verliert der Stausee, der das zehnfache Volumen des Bodensees fasst, durch Verdunstung große Wassermengen. Dies führt zu früher nicht gekannten heftigen Niederschlägen in der Umgebung und vermindert gleichzeitig die Wassermengen, die unterhalb des Staudamms zur Verfügung stehen.

Dass die jährlichen Fluten des Nils gestoppt wurden, die Jahrtausende lang das Leben rechts und links des Flusses bestimmt hatten, zeitigte die Nebenwirkung, dass der fruchtbare Schlamm, der mit der Überflutung auf die Felder gelangte, ausblieb. Früher hatte er gute Ernten ermöglicht, seither ist ein verstärkter Einsatz von künstlichen Düngemitteln erforderlich.

Dass die früheren Überflutungen des Landes am Unterlauf des Nils nicht mehr stattfinden, hat tief greifende Konsequenzen für die Kleinbauern am Fluss. Die nun eingeführte moderne Bewässerungslandwirtschaft ist vor allem für die Bauern von Vorteil, die über große Ländereien und Kapital zum Kauf von leistungsfähigen Pumpen verfügen. Während die größeren Wasserkanäle von Regierungsstellen verwaltet werden, ist die Verteilung des Wassers auf die lokalen Felder eine Sache der dörflichen Gemeinschaften. Aber angesichts knappen Wassers gilt inzwischen das Gesetz des Stärkeren, also des Bauern, der am meisten politischen Einfluss auf die Verteilung des Wassers nehmen kann und der die stärksten Pumpen hat, um das Wasser vom Kanal auf seine Felder zu leiten.

Wer wenig Land hat und sich keine Pumpen leisten kann, sondern sie sich leihen muss, gerät in Abhängigkeit von Großbauern und ist schließlich in vielen Fällen gezwungen, sein weniges Land zu verkaufen. Die Umverteilung des Wassers zugunsten der markt- und exportorientierten Landwirtschaft und der Städte hat nach den Gesetzen der Marktwirtschaft ihre Logik und ihren Sinn, für die armen Kleinbauern bedeutet dieser Prozess aber, dass sie ihre Lebensgrundlage verlieren. Diese Familien ziehen in die Armenviertel am Rande der großen Städte. Die Hoffnung, dort eine bezahlte Anstellung zu finden, erfüllen sich oft nicht.

Konkurrenz um das Wasser gibt es nicht nur zwischen den Bauern, sondern auch zwischen der Landwirtschaft und den großen Städten. Der städtische Wasserverbrauch in Ägypten hat sich seit den 70er Jahren mehr als verzehnfacht. Es ist zu befürchten, dass der weiter wachsende Wasserbedarf von Landwirtschaft, Industrie und Haushalten in den kommenden Jahren zu großen sozialen und politischen Verteilungskonflikten führt.

Dass jetzt kaum noch Schlamm und Sedimente den Unterlauf des Flusses erreichen, hat auch Folgen für das dicht besiedelte Nildelta. Während sich früher das Delta durch den Nilschlamm vergrößerte, schrumpft es jetzt, weil die Brandung sich ungehindert und ohne Gegenkraft in den Küstenstreifen frisst. Dieser Prozess wird durch den steigenden Meeresspiegel als Folge des Klimawandels noch beschleunigt.

Ohne die Überschwemmungen vermehren sich Ratten und Mäuse stark, und Schnecken, die die Wurmkrankheit Schistosomiasis übertragen, finden in den nun ständig mit Wasser gefüllten Bewässerungskanälen ideale Lebensbedingungen.

Konflikte um das Wasser des Nils

Die politische Führung Ägyptens steht angesichts einer rasch wachsenden Bevölkerung, hoher Arbeitslosigkeit und zunehmender Konsumerwartungen unter großem Druck, wirtschaftliches Wachstum zu fördern. Sonst ist mit einer weiter zunehmenden Unzufriedenheit und heftigen sozialen und politischen Auseinandersetzungen zu rechnen. Angesichts der Integration Ägyptens in weltweite Wirtschaftsstrukturen gilt es, eine bessere Position im globalen Wettstreit um Exporte und Investitionen zu erreichen. Das Nilwasser ist für all das unabdingbar, und so achtet die politische Führung Ägyptens sorgsam darauf, dass Länder wie der Sudan und Äthiopien keinen hohen Anteil des Nilwassers für sich in Anspruch nehmen. Neue Projekte zur Schaffung großer landwirtschaftlicher Flächen in bisherigen Wüstenregionen erhöhen den Wasserbedarf noch - und damit auch das Konfliktpotenzial.

Mehr Informationen zum Nil finden Sie in „Das Wasser-Buch“ von Frank Kürschner-Pelkmann (Verlag Otto Lembeck).

Foto: Dieter Schütz/pixelio.de

(Frank Kürschner-Pelkmann)

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