Frank Kürschner-Pelkmann

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aktuelles --- 27.07.2010 ---

Wasser zum Jordan tragen

Palästinensische Dorfgemeinschaften im Jordantal leiden unter Wassermangel, Foto: Solidaritätskampagne Jordantal

Der nachfolgende Bericht von Doris R., ökumenischer Begleitperson in Yanoun und des EAPPI-Sommerteams 2010 wurde vom Ökumenischen Rat der Kirchen veröffentlicht:

Vor einigen Tagen verteilte ich Wasserflaschen nur wenige Kilometer von Israel/Palästinas einzigem großen Fluss, dem Jordan, entfernt. Das Dorf Al Fasayel liegt in einem wüstenartigem Gebiet. Im Gegensatz dazu verfügen die nahen israelischen Siedlungen fast unbegrenzt über Wasser. In Al Fasayel kommt seit mehr als sieben Wochen kein Tropfen mehr aus den Wasserhähnen.

Das Jordantal ist von atemberaubender wilder Schönheit. Die Berghänge sind kahl, die illegalen Siedlungen im Tal leuchten in einem satten, fruchtbaren Grün. Aber das Tal ist auch ein Ort der Diskriminierung und bitteren Armut.

Als ich mit anderen Teilnehmenden am Ökumenischen Begleitprogramm in Palästina und Israel (EAPPI) zum ersten Mal nach Al Fasayel kam, wurden uns Gläser mit süßem Tee angeboten. Erst als wir wieder auf der Straße waren und mit Kindern sprachen, zeigten diese uns einen Wasserhahn, aus dem seit fast zwei Monaten kein Wasser mehr fließt.

EAPPI bringt Menschen aus aller Welt ins Westjordanland, um das Leben unter der Besetzung zu erleben. Ökumenische Begleitpersonen bieten eine schützende Präsenz, beobachten und berichten über Menschenrechtsverletzungen und unterstützen Palästinenser und Israelis, die zusammen für den Frieden arbeiten. Wir waren ins Jordantal gekommen, um eine der verletzlichsten Gemeinschaften der Region zu besuchen.

Fehlender Zugang zu Wasser ist seit langem ein Problem für die Palästinenser im Jordantal. Seit Israel 1967 das Westjordanland besetzte, hat es ihnen den Zugang zum Wasser des Jordans verweigert und den Zugang zu anderen Wasserquellen der Region stark eingeschränkt. Das Oslo-Abkommen von 1993 hat Israels Kontrolle über die Wasservorräte im Westjordanland nur noch verfestigt. Israel hat den palästinensischen Wasserverbrauch inzwischen drastisch eingeschränkt.

Einem Bericht von Amnesty International zufolge beträgt der Wasserverbrauch von Palästinenserinnen und Palästinensern in den besetzten palästinensischen Gebieten nur rund 70 Liter pro Tag und Person, von Israelis hingegen 300 Liter. Einige Palästinenser müssen mit knapp 20 Litern pro Tag auskommen, dem von der WHO für kurzfristiges Überleben in Notsituationen errechneten Minimum. Die 450 000 Israelis in den illegalen Siedlungen im Westjordanland verbrauchen genauso viel oder mehr Wasser als die im selben Gebiet lebenden 2,3 Millionen Palästinenser. Die Weltbank berichtete 2009, dass die Palästinenser immer weniger Zugang zu Wasser hätten.

In der Nähe von Al Fasayel liegt das Beduinenlager Ein Al Hilweh. Die 25 Familien, die dort in bescheidenen Zelten leben, müssen ihr Wasser von einem Brunnen holen, der eine Fahrstunde weit entfernt ist. Die Armee verbietet ihnen manchmal, die Straße zu benutzen, und wenn sie es trotzdem tun, um Wasser zu holen, riskieren sie eine Strafe von mehreren Hundert Schekel. Auch die Siedler, die in gemauerten Häusern wohnen und fließendes Wasser haben, schikanieren die Beduinen regelmäßig. Gut 9600 Israelis leben heute in den illegalen Siedlungen, die einen großen Teil des Jordantales einnehmen. Sie bauen zahlreiche Obst- und Gemüsesorten für den Export nach Europa an, den hauptsächlich die israelischen Gesellschaft Agrexco betreibt. Experten schätzen, dass die Siedlungen im Jordantal mit ihren künstlichen Bewässerungsanlagen mehr als die Hälfte des gesamten Wasserverbrauchs im Westjordanland bestreiten. Das stellt eine große Belastung für die knappen Wasservorräte im Tal dar, sagt George Rishmawi vom Rat der Kirchen im Nahen Osten.

„Israel versucht, das Jordantal vom übrigen Westjordanland zu isolieren und dessen palästinensische Bewohner zu vertreiben, indem es ihnen den Zugang zu Wasser verwehrt“, erklärt er.

Ein Großteil der Abwässer aus palästinensischen Städten wird nicht behandelt, weil Israel der palästinensischen Autoritätsbehörde den Bau neuer Kläranlagen nicht erlaubt. Einem neuen Bericht von Amnesty International zufolge zerstört die israelische Armee häufig die von Palästinensern gebaute Wasserinfrastruktur - selbst Auffangsysteme für Regenwasser,

Die Pflichten des Besatzers

Was sollten wir also tun? Wir riefen einen lokalen Geschäftsmann an, Arab Al-Shorafa, den Besitzer von Yanabee, einer Firma, die Wasser in Flaschen verkauft. Er ist auch Bürgermeister der palästinensischen Stadt Beita. Wir hatten ihn über die Telefonnummer auf dem Etikett einer seiner Flaschen erreicht und erklärten ihm die Situation in Al Fasayel.

Umgehend bot er an, 700 Liter Flaschenwasser zu spenden, wenn wir sie am Abend von der Fabrik abholen könnten. Später rief er nochmal zurück, um uns zu sagen, dass er die Spende vervierfachen wolle.

Wir kamen überein, das erste Quantum am selben Abend abzuholen und zu verteilen. Wir fuhren zu der Fabrik und luden einen Lieferwagen voll. Al-Shorafa begrüßte uns und versprach, für den nächsten Tag noch mehr Wasser und einen Lastwagen zur Verfügung zu stellen.

Wir fuhren zurück nach Fasayel. Es war schon dunkel und wir verteilten das Wasser an die Familien, die mit ihren Kindern aus der Dunkelheit auftauchten. Am nächsten Morgen, als die Temperaturen schon bei über 30° Celsius lagen, haben wir eine weitere Ladung verteilt.

Unlängst hat Tony Blair als Sondergesandter des Nahostquartetts Fasayel besucht. Er konnte die israelischen Behörden dazu überreden, den Abrissbefehl für die örtliche Schule aufzuheben. Aber die Wasserhähne des Ortes bleiben weiter trocken.

Unsere Lieferungen nach Fasayel haben die Familien dort eine Woche lang ausreichend mit Wasser versorgt. Doch Al-Shorafas Geste der Nächstenliebe unterstreicht nur noch die Tatsache, dass es die Pflicht der Besatzungsmacht ist, den Zugang zu angemessener Versorgung mit Nahrungsmitteln und Wasser sicherzustellen.

Viele Einheimische glauben, dass Israels Versäumnis, seiner Pflicht nachzukommen, Teil einer Strategie ist, sie aus dem Land ihrer Vorfahren zu vertreiben. Als wir das Flaschenwasser in der brütenden Hitze auslieferten, konnten wir ihren Standpunkt nachvollziehen.

(Frank Kürschner-Pelkmann)

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