Frank Kürschner-Pelkmann

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aktuelles --- 21.10.2010 ---

Ausverkauf von Ackerland

Der nachfolgende Beitrag von Frank Kürschner-Pelkmann erschien in der Ausgabe 5/2010 der Zeitschrift Securvital - Das Magazin für Alternativen im Versicherungs- und Gesundheitswesen:

Titelseite von Securvital

Eine neue Form von Kolonialismus bahnt sich in Afrika und Asien an: Reiche Investoren sichern sich riesigen Grundbesitz für Export und Rendite. Die einheimische Bevölkerung wird verdrängt. Hunger und Krankheiten nehmen zu.

Zwei Helikopter landen laut knatternd im Norden Mosambiks. Als die ohrenbetäubenden Motorengeräusche verklingen, steigen chinesische Politiker aus den Maschinen. Sie haben gerade das Land überflogen, das China erwerben will, um dort in Afrika arme chinesische Bauern („Kolonisatoren“) anzusiedeln.

In dem Roman „Der Chinese“ von Henning Mankell wird das internationale Geschäft mit dem Ackerland als fiktive Geschichte erzählt - aber mit einem sehr realen Hintergrund. Mosambik hat China tatsächlich große Ackerflächen überlassen. Laut Medienberichten hat Mosambik einen Vertrag mit China geschlossen, der chinesischen Staatsfirmen riesige Ackerflächen sichert, auf denen 10.000 chinesische Landarbeiter Reis und Getreide für die Heimat anbauen sollen. Im Gegenzug soll Mosambik chinesische Militärhilfe im Wert von drei Milliarden Dollar erhalten.

Auch in anderen afrikanischen Ländern bieten die Regierungen ausländischen Investoren große Ackerflächen zum Verkauf oder zur Verpachtung an. In Madagaskar vereinbarte die frühere Regierung mit dem koreanischen Konzern Daewoo die Verpachtung von 1,3 Millionen Hektar, die Hälfte der gesamten landwirtschaftlichen Nutzfläche des Inselstaates. Dort sollten Futtermais und Palmöl für den Export erzeugt werden. Das löste so große Empörung in der Bevölkerung aus, dass die Regierung im Februar 2009 gestürzt wurde. Das Geschäft platzte.

Drei Millionen Hektar

Ganz vorn bei der „Landvergabe“ stehen verantwortungslose Regierungen. Ein Beispiel ist Omar el Baschir, der Präsident des Sudan, der wegen Kriegsverbrechen und Völkermord vom Internationalen Gerichtshof zur Fahndung ausgeschrieben ist. Der Sudan hat bereits 75 Verträge mit ausländischen Unternehmen abgeschlossen, die einen Gesamtwert von schätzungsweise 3,5 Milliarden Dollar haben. Im autoritär regierten Nachbarland Äthiopien sind Ackerflächen in der Größe von drei Millionen Hektar im Angebot, obwohl gleichzeitig mehr als sechs Millionen Einwohner Hunger leiden und von internationaler Nahrungsmittelhilfe abhängen.

Insgesamt wird in wirtschaftlich armen Ländern Ackerland von der Fläche Deutschlands angeboten. Angekurbelt wird dieses Geschäft durch steigende Getreidepreise, den Bedarf der Agrokraftstoff-Branche und eine drohende Verknappungvon Nahrungsmitteln auf der Welt. Vor allem die Regierungen Chinas, der Golfstaaten und Saudi Arabiens wollen ihre Getreide- und Gemüseversorgung langfristig durch die Übernahme von Ackerflächen in anderen Ländern sichern. Hinzu kommt: Investmentgesellschaften haben erkannt, dass steigende Getreidepreise hohe Renditen für einen industriell betriebenen Ackerbau erwarten lassen. 20 Prozent Rendite im Jahr oder auch mehr werden angestrebt.

Die Regierungen in Afrika, aber auch in ärmeren asiatischen Ländern wie Kambodscha hoffen, dass die internationalen Unternehmen viel Geld investieren und die landwirtschaftliche Produktion sprunghaft steigern. Die Menschen, die bisher auf dem angebotenen Land leben, werden von der Entscheidung überrumpelt. Die Regierungen machen sich dabei zunutze, dass die Eigentümer des Landes in Afrika in den allermeisten Fällen keine schriftlichen Besitztitel vorweisen können. In Kambodscha ist die Situation ähnlich. In den 1970er Jahren wurden alle Nachweise für Landbesitz vom brutalen Pol-Pot-Regimes verbrannt. Da nun vielen Bauern Besitzurkunden fehlen, kann „problemlos“ eine Enteignung erfolgen.

Hohe Bestechungsgelder

„Kaum ein Investor kümmert sich darum, ob das Land aktuell genutzt wird und ob lokale Gemeinden traditionelle Nutzungsrechte daran haben“, erläutert Roman Herre, Agrarreferent der Menschenrechtsorganisation FIAN. „Dieses so genannte Land Grabbing zieht der lokalen Bevölkerung, den Bauern und Hirten, regelrecht den Boden unter den Füßen weg und verletzt ihr Menschenrecht auf Nahrung. Steppen und Wälder spielen für die Gesundheit der ländlichen Bevölkerung eine herausragende Rolle, da sie dort zusätzlich Früchte für eine ausgewogene Ernährung und Heilpflanzen sammeln. Die vollmundigen Versprechen von Investoren, gute Jobs und Infrastruktur zu schaffen, verkehren sich in der Realität zu Vertreibungen, dem Verlust des Zugangs zu Wasser und zu noch mehr Hunger.“

Häufig fließen hohe Bestechungsgelder. Als lokale Partner ihrer Geschäfte suchen sich ausländische Investoren gern Verwandte der politisch Mächtigen. Die Verträge bleiben geheim.Auf die Umwelt wird wenig Rücksicht genommen, sodass auch wertvolle Waldbestände und Feuchtgebiete zerstört werden. Besonders begehrt sind Ackerflächen, die über eine Straßenanbindung verfügen und die gut mit Wasser versorgt werden können. So konnte der westafrikanische Staat Niger ohne Probleme große Ländereien am Fluss Niger verpachten,die sich leicht bewässern lassen. Die riesigen Wüsten- und Halbwüstengebiete des Landes interessieren keinen Investor, hier dürfen die Einheimischen mühsam kärgliche Ernten einbringen. Wen kann es wundem, dass kritische Afrikaner von einem neuen Kolonialismus sprechen - nur dass diesmal die einheimischen Eliten aktiv an der Aufteilung Afrika mitwirken und mitverdienen.

Im Kampf gegen Hunger und Unterernährung sind solche Deals ungeeignet, denn ein großer Teil der Ernte wird gleich nach China oder in die Golfstaaten exportiert. Drei Viertel aller Hungernden auf der Welt leben in Kleinbauern- und Pächterfamilien, die nicht genug zum Überleben haben. Wer den Hunger bekämpfen will, muss diese Kleinbauernfamilien fördern. Sie brauchen mehr Land, intensive Beratung und bessere Vermarktungsmöglichkeiten.

Der Verkauf oder die Verpachtung der besten Ackerflächen an nationale und internationale Großunternehmen hat deshalb sehr negative Auswirkungen auf die Gesundheitssituation in den wirtschaftlich armen Ländern. Inzwischen gibt es mehr als eine Milliarde Menschen, die an Hunger und Mangelernährung leiden. Die Folgen sind dramatisch: Mütter sterben bei der Geburt ihrer Kinder an Entkräftung, die Kleinkindersterblichkeit ist sehr hoch und viele überlebende Kinder erleiden Entwicklungsstörungen, die sie für den Rest ihres Lebens schwer beeinträchtigen. Eines von vier Kindern in Entwicklungsländern leidet an Untergewicht. Nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation WHO sind dies mehr als 100 Millionen Kinder.

(Frank Kürschner-Pelkmann)

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