Frank Kürschner-Pelkmann

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aktuelles --- 17.12.2010 ---

Wasser soll frei fließen

Das nachfolgnde Feature von Maurice Malanes wurde vom Ökumenischen Rat der Kirchen veröffentlicht. Der Autor ist freiberuflicher Journalist aus den Philippinen.

Hier wird ein Mega-Staudamm geplant, Foto: ÖRK

Einmal im Leben hat das Schicksal es mit dem Dorfältesten Danilo Torvator und seiner Familie nicht gut gemeint. Das war, als sie die Entscheidung getroffen haben, sich in einem Flusstal in den Ausläufern der Sierra Madre auf der philippinischen Insel Luzon niederzulassen. Torvator, der aus einer kleinen Stadt in der Tiefebene Luzons stammt, heiratete eine Frau vom Stamm der Dumagat, der die Gebirgskette und seine Ausläufer, Täler und Flüsse lange Zeit als seine Heimat angesehen hat. An diesem Land festzuhalten und es zu verteidigen, wurde für Torvator und die Menschen in der Region in den vergangenen 31 Jahren zu einer großen Belastung.

„Ich weiß nicht, was aus uns werden wird; unsere Zukunft ist und bleibt düster und ungewiss“, sagt Torvator. Am 30. November nahm er an einem Gespräch mit einem Besucherteam teil, dem Vertreter/innen verschiedener Kirchen und kirchlicher Organisationen angehörten. Der Besuch war Teil einer regionalen Konsultation, die vom 28. November bis 3. Dezember zum Thema „Recht von Gemeinschaften auf Wasser und sanitäre Grundversorgung in Asien“ stattfand. Mehr als 40 Teilnehmende aus 12 asiatischen Ländern nahmen an dieser Veranstaltung teil.

Die Konsultation wurde vom Ökumenischen Wassernetzwerk (ÖWN), einer vom Ökumenischen Rat der Kirchen unterstützten christlichen Initiative, die sich weltweit für den Zugang der Menschen zu Wasser einsetzt, organisiert. Sie fand in Quezon City im Großraum Manila statt und wurde vom Nationalen Kirchenrat der Philippinen ausgerichtet.

Torvators Ungewissheit über die Zukunft seiner Gemeinschaft geht zurück auf das Wasserversorgungsprojekt III für Manila, ein Joint Venture zwischen Regierung und Privatunternehmen, das den Bau eines 113 Meter hohen Staudamms am Fluss Laiban mitten im Gebiet der Dumagat einschließt.Falls das Projekt realisiert wird, würden in den Provinzen Rizal und Quezon sieben Dörfer und insgesamt 28.000 Hektar Land überschwemmt werden. Torvator und seine Familie würden zu den mindestens 10.000 Stammesangehörigen und Siedlern gehören, die umgesiedelt werden müssten.

Das Projekt wurde 2008 genehmigt und der Bau des Staudamms wurde auf 2009-2010 anberaumt. Ziel ist es, die Versorgung des Großraums Manila mit täglich ca. 2400 Millionen Liter Wasser zu gewährleisten. Die flussabwärts lebenden Bauern befürchten jedoch, dass das Projekt ihnen das Wasser abgraben wird, das sie für die Bewässerung ihre Felder brauchen. Die in dem Gebiet lebenden Menschen fühlen sich seit 1979 bedroht, als der damalige Diktator Ferdinand Marcos das Staudammprojekt startete, um die Strom- und Wasserversorgung für den Großraum Manila zu sichern.

„Wir dachten, unsere Probleme seien gelöst, als Marcos [im Februar 1986] abgesetzt wurde, aber wir haben uns geirrt“, erklärte Torvator, der neun Kinder und vierzehn Enkel hat. Das gegenwärtige Projekt sieht vor, die Pläne von Marcos wieder aufleben zu lassen. Dieser hatte damals bereits einen Betonbau errichten lassen, der die erste Stufe der Dammstruktur darstellte. Torvator hofft nun: „Wenn wir Marcos überlebt haben, können wir vielleicht auch das heutige Projekt überleben.“

Der hartnäckige Widerstand der Bevölkerung in den Dörfern hat jedenfalls einen weiteren Aufschub des Dammbaus bewirkt. Der Widerstand gegen das Projekt hat sich für die Dorfbewohner und ihre Unterstützer als riskant, in einem Fall sogar als tödlich erwiesen. 2006 wurde Noel Capulong von der Umweltbewegung Southern Tagalog Environmental Action Movement, die den Kampf der Dorfbewohner gegen den Laiban-Staudamm unterstützte, von Attentätern von einem Motorrad aus erschossen.

Der andauernde Widerstand der Dorfbewohner hat die Regierung veranlasst, Truppen in den Dörfern zu stationieren. Mitglieder des Besuchsteams, die für die Reise zum Stamm der Dumagat Jeepneys gemietet hatten, mussten zwei Militärkontrollpunkte passieren.

Sympathie und Unterstützung

Pastor Daniel Gnanasekaran von der Lutherischen Arcot-Kirche in Indien kann das Leid der Dumagat und anderer Siedler gut nachempfinden. „Lange Zeit“, sagte er, „haben wir Dalits ebenfalls um das Recht auf unser Land und ein lebenswichtiges Gut - Wasser - gekämpft.“ Die Dalits, sagte er, hätten aufgrund ihrer Landlosigkeit viel Angst und Demütigungen erlitten. Unter der Dorfbevölkerung, die von dem Projekt des Laiban-Staudamms betroffen sei, habe er die gleiche Angst gespürt. Sie hätten, so die Dorfbewohner, das Land gehegt und gepflegt, mit Hackfrüchten, Obst, Reis und Getreide bebaut und es sei schon so lange ihr Lebensmittelpunkt, dass sie durch das Staudammprojekt ihre Wurzeln verlieren würden.

Hans Petter Hergum vom norwegischen Hilfswerk Norwegian Church Aid ermutigte die Kirchenverantwortlichen vor Ort, den Dumagat und weiteren Betroffenen immer wieder zu zeigen, dass „sie nicht allein sind“ und dass es innerhalb und außerhalb der Philippinen Menschen gibt, die sie unterstützen. Bischof Joselito Cruz von der Philippinischen Unabhängigen Kirche hat eine der Kapellen in den betroffenen Dörfern als „Zufluchtsstätte“ angeboten, in dem Planungstreffen abgehalten werden können.

Einige Teilnehmende schlugen vor, in ihren eigenen Ländern Kampagnen zur Unterstützung des Kampfes der Dorfbewohner gegen den Laiban-Staudamm zu initiieren. Andere informierten über eigene Initiativen, mit denen sie die Gemeinschaften in ihrem Kampf um eine bessere Versorgung mit sauberem Trinkwasser und sanitären Einrichtungen unterstützen.

Lebendiges Wasser

Die Amity-Stiftung, eine chinesisches christliches Werk, hat ein Projekt mit dem Namen „Lebendiges Wasser“ ins Leben gerufen. Zielgruppe sind die Dorfgemeinschaften auf den Plateaus und Hügeln, denen das Projekt Hilfe zur Selbsthilfe beim Bau von Brunnen und der Gewinnung von Wasser aus Bergquellen leistet. Laut Tong Su von der Amity-Stiftung liegt eine Stärke des Projekts darin, dass es gemeinschaftsbasiert ist und nicht von Gebern angetrieben wird. Dorfbewohner, einschließlich Studierender und junger Menschen, wirken selbst in dem Projekt mit, entweder indem sie ihre Arbeitskraft zur Verfügung stellen oder aber mithelfen, innerhalb der eigenen Gemeinschaft Mittel zu mobilisieren. „Mit diesem Projekt haben wir einen konkreten Weg gefunden, wie wir den Dorfbewohnern helfen können, Zugang zu Wasser zu bekommen - denn Handeln ist Liebe und die Liebe endet nie“, schloss sie.

Andere Wasseraktivisten, z.B. aus Indien, Bangladesch, Nepal und Indonesien, berichteten von ihren eigenen Wasserversorgungsprojekten, wie dem Bau von Rohrbrunnen. Viele dieser Initiativen konzentrieren sich darauf, die Armen und Ärmsten mit einzubeziehen.

In einigen Ländern, in denen die Realisierung von Wasserprojekten nicht nur durch bürokratisches Chaos, sondern auch durch Korruption behindert wird, haben Wasseraktivisten das Konzept der „good governance“ (verantwortungsvolle Regierungsführung oder Projektleitung) in ihre Initiativen integriert. Als Beispiel sei hier die in Kambodscha geleistete Fürsprachearbeit genannt.

Die Koordinatorin des Ökumenischen Wassernetzwerks, Maike Gorsboth, gab den Teilnehmenden konkrete Empfehlungen, wie sie das universale Menschenrecht auf Wasser in ihrem jeweiligen lokalen Kontext als schlagkräftiges Argument vorbringen können. „Lasst uns dieses grundlegende Instrument nutzen, um uns mit mehr Nachdruck für gerechte Wasserversorgung einzusetzen“, erklärte Gorsboth.

Im Schlussgottesdienst der fünftägigen Konsultation tauschten die Teilnehmenden kleine Fläschchen mit Wasser aus verschiedenen Teilen der Welt aus. Damit symbolisierten und besiegelten sie die von ihnen eingegangene Verpflichtung, sich mit aller Kraft dafür einzusetzen, dass Wasser frei fließen kann und für alle, insbesondere die Ärmsten und Marginalisierten, zugänglich wird.

(Frank Kürschner-Pelkmann)

Foto: ÖRK

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