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aktuelles --- 07.10.2005 ---

Konflikt um Flussableitung in Brasilien

Luis Flávio Cappio, katholischer Bischof der Diözese Barra im Nordosten Brasiliens, ist am 26. September 2005 in einen unbefristeten Hungerstreik getreten.

Der Bischof hat als Ort der Protestaktion die Stadt Cabrobó gewählt, die nahe der Stelle am São Francisco liegt, wo große Mengen Flusswasser abgeleitet werden sollen. Er hat angekündigt, die Aktion so lange fortzusetzen, bis das Projekt endgültig gestoppt ist.

Damit hat der Konflikt um die Ableitung des Wassers des São Francisco eine neue Dimension erreicht. Der São Francisco gilt als der „Nil Brasiliens“, weil er ebenfalls in Süd-Nord-Richtung fließt, durch sehr trockene Gebiete führt und auf großen Strecken schiffbar ist.

Der São Francisco hat eine Länge von 2.800 Kilometern und ist damit der drittwichtigste Fluss Brasiliens. Er gehört im Nordosten des Landes zu den wenigen Flüssen, die das ganze Jahr Wasser führen, und bildet so eine Lebensader für die mehr als 12 Millionen Menschen der Region. Seit Jahrzehnten ist die Wassermenge des São Francisco und seiner Zuflüsse rückläufig, und dies hat die Lebensgrundlage zahlreicher Kleinbauern zerstört oder stark beeinträchtigt. Eine Ableitung großer Teile des verbliebenen Flusswassers wäre für diese Familien eine existenzbedrohende Gefährdung. Stattdessen versuchen Entwicklungsorganisationen seit einigen Jahren, eine Revitalisierung des stark verschmutzten Flusses zu fördern.

Bischof Cappio, 59, lebt seit 40 Jahren in der Region und engagiert sich seit vielen Jahren gegen Großprojekte am São Francisco. 1993 unternahm er eine einjährige Wallfahrt, bei der er zu Fuß den São Francisco entlang von der Quelle bis zur Mündung ging, um auf die Probleme der Menschen am Fluss aufmerksam zu machen. Wie breit die Unterstützung für ihn in der Region ist, zeigt sich darin, dass Tausende sich zu Demonstrationen am Ort des Hungerstreiks versammeln und dass es landesweit Unterstützungsaktionen für den Bischof gibt.

Das Wasser des São Francisco soll durch 700 Kilometer lange Kanäle in sieben Bundesstaaten im äußersten Nordosten umgeleitet werden. Hierfür hat Präsident Lula umgerechnet 1,7 Milliarden Dollar freigegeben. Nach Berechnungen der Regierung sind im Laufe der kommenden fünf Jahre weitere 680 Millionen Dollar für das Vorhaben erforderlich. Die Umleitung des Flusses wäre außerdem mit hohen laufenden Kosten für den Betrieb von Pumpstationen verbunden. Die Regierung erklärt, das Projekt solle den 18 Millionen Menschen in der Region zugute kommen, aber das bestreiten die Gegner des Vorhabens.

Das umgeleitete Wasser soll zu 70 Prozent der Bewässerungslandwirtschaft dienen, wovon vor allem die Agrargroßbetriebe profitieren würden, die für den Weltmarkt produzieren, u. a. Früchte, Blumen und Shrimps. Profitieren würden von den riesigen Investitionen nach Auffassung der Kritiker auch Baukonzerne sowie höhere Staatsangestellte, die sich bei der Vergabe von Aufträgen bestechen lassen.

Das Großprojekt ist seit Jahren international kritisiert worden. So haben die Weltbank und andere Kreditgeber es abgelehnt, das Vorhaben finanziell zu unterstützen. In einem Weltbank-Bericht zu den Ableitungsplänen der letzten Regierung heißt es: „Eine sichere Versorgung der Haushalte mit Trinkwasser könnte für den ganzen Nordosten durch Alternativen gesichert werden, die nur einen Bruchteil der Kosten verursachen würden.“ Auch in den Kirchen gibt es eine breite Ablehnungsfront. Roberto Malvezzi, nationaler Koordinator der Pastoralen Landkommission der katholischen Kirche, erklärte im Juni 2005 zu dem Vorhaben: „Es ist ökonomisch, sozial und ökologisch nicht lebensfähig.“ Stattdessen müsse es um die Speicherung und den gut geplanten Umgang mit dem vorhandenen Wasser gehen. Der Hamburger Erzbischof Werner Thissen, der für das katholische Hilfswerk Misereor zuständig ist, stellte am 6. Oktober zu dem Vorhaben fest: „Dieses neue Milliardenprojekt dient wieder nur der Großindustrie und wird der ländlichen Bevölkerung gravierende Schäden zufügen.“

Renato Cunha, der die „Bahia Umwelt-Gruppe“ leitet, setzt sich für eine kontrollierte Wiederaufforstung der Uferzonen des São Francisco ein, ebenso für einen Stopp der Einleitung von ungeklärtem Abwasser in den Fluss.

Das Umleitungsprojekt kann die brasilianische Bevölkerung weiter spalten. Wie konfliktträchtig solche Vorhaben sind, zeigte sich in den letzten Jahren in Spanien, als die inzwischen abgewählte konservative Regierung versuchte, Wasser des nordspanischen Flusses Ebro durch einen Kanal in den Süden abzuleiten.

Auch das „River-Link-Project“ in Indien und das chinesische Projekt zur Umleitung von Flusswasser aus dem Süden in den Norden des Landes haben massive Auseinandersetzungen ausgelöst.

Mehr Informationen zu diesen Vorhaben zur Umleitung von Flusswasser sowie zur Wassersituation in Brasilien finden Sie im Wasser-Buch.

(Frank Kürschner-Pelkmann)

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