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aktuelles --- 19.12.2005 ---

Indiens Dalits fordert ihre Rechte ein

Nirgends auf der Welt gibt es so viele Akademiker als Straßenfeger wie in Indien. Tausende gebildeter Inder kehren die Straßen - sie haben keine Alternative. Früher nannte man sie „Unberührbare“, heute nennen sie sich selbst „Dalits“, gebrochene Menschen. Offiziell ist das indische Kastensystem abgeschafft, aber in der realen Welt ist es so prägend wie vor Jahrhunderten. Zu diesem System gehört es, dass jeder Familie mit der Kaste auch ein Beruf zugeordnet ist. Alle schmutzigen“ Berufe müssen von Dalits wahrgenommen werden, vom Straßenfegen bis zur Reinigung der Latrinen. Kinder „erben“ den Beruf ihrer Eltern und damit auch die Stigmatisierung. Angehörige höherer Kasten vermeiden nicht nur jede Berührung mit ihnen, sondern es gilt schon als „Verunreinigung“, wenn sie versehentlich auf den Schatten eines Dalits treten.

Für den Besucher aus dem Ausland bleibt in den Städten wie Delhi ein Geheimnis, wer zu welcher Kaste oder zu den etwa 200 Millionen Kastenlosen im ganzen Land gehört, aber Inderinnen und Inder haben viele Möglichkeiten dies rasch herauszufinden. Das fängt bei Namen an, die nach Kasten unterschiedlich sind, und hört bei der Befragung von Nachbarn noch längst nicht auf. Schon viele Heiratspläne sind an den Kastengrenzen gescheitert.

In der Vergangenheit haben zahlreiche Dalits versucht, durch den Wechsel in eine andere Religionsgemeinschaft ihrer Diskriminierung und Ausbeutung zu entgehen. So stammt die große Mehrheit der Christen aus Dalit-Familien. Foto von Dr. James MasseyAllerdings, auch in den christlichen Kirchen und anderen Religionsgemeinschaften sind die Dalits oft auf krasse Weise diskriminiert worden, bis hin zu der schockierenden Tatsache, dass die Kirchengemeinde in Tiruchirapalli in Südindien eine hohe Mauer quer durch den Friedhof zog. Auf der einen Seite wurden die Dalits beerdigt, auf der anderen die übrigen Gemeindemitglieder.

Indische Christen wie der bekannte Dalit-Theologe Dr. James Massey lassen sich solche Diskriminierungen nicht länger gefallen. Er prangert nicht nur Missstände an, sondern ist auch daran beteiligt, eine Dalit-Theologie zu erarbeiten. Er sagte mir im Gespräch:

„Wie andere Befreiungstheologien ist die Dalit-Theologie geboren aus der historischen Erfahrung unterdrückter Menschen und aus der Begegnung mit dem Gott der Bibel, der sich immer auf die Seite der Unterdrückten und Armen gestellt hat. Diese Theologie entstand auch aus der Überzeugung der Dalits, dass sie selbst ihre Geschichte gestalten müssen, dass sie also zu Subjekten der Geschichte werden müssen, statt in der Rolle der Objekte zu verharren, in die ihre Gegner sie lange Zeit gedrängt haben.“

Seit der Unabhängigkeit 1947 haben verschiedene Regierungen halbherzige Schritte unternommen, die Situation der Dalits zu verbessern. So wurde ein Stipendiensystem für Dalit-Kinder eingeführt und in Behörden und staatlichen Unternehmen gibt es Quoten für die Beschäftigung von Dalits. Die meisten Dalits blieben trotzdem arm und ohne Schulbildung, und von den wenigen, die den Sprung nach oben schafften, hat ein großer Teil den eigenen sozialen Hintergrund rasch verdrängt.

Im Rahmen des Prozesses der Globalisierung wird die Situation der Dalits noch schwieriger, denn auch in Indien werden wenige reich, während viele Millionen arm bleiben oder noch ärmer werden. Außerdem werden jetzt staatliche Betriebe und Einrichtungen privatisiert, und damit fallen die Quoten weg. In zahlreichen Privatunternehmen haben Dalits aber keine Chance auf einen Job. Ist der Dalit-Hintergrund erst einmal bekannt, geschieht oft das, was der Ökonom Prakash Chauhan aus der Provinzstadt Ahmedabad so beschreibt: „Ich bekam eine Anstellung bei einer Firma als Buchhalter. Dann musste ich Nachweise über meine Qualifikation vorlegen. In einem meiner Schulzeugnisse wurde meine Kastenzugehörigkeit erwähnt. Am nächsten Tag wurde mir gesagt, es sei ein Irrtum passiert. Man brauche mich nicht länger.“ Trotz Universitätsausbildung blieb ihm nichts übrig, als wie seine Vorfahren Straßenfeger zu werden.

Die rasche „Modernisierung“ Indiens hat noch einen Effekt für die arme Mehrheit der Dalits: Sie werden auch räumlich noch weiter an den Rand gedrängt. Das fällt dem Besucher in der Millionenstadt Delhi besonders auf. Dort, wo früher Slumgebiete die Straße vom Flughafen in die Innenstadt säumten, stehen jetzt die Glaspaläste der vielen Konzerne, die vom Wirtschaftsboom profitieren. Dalit-Familien findet man jetzt noch häufiger in dorfähnlichen Armensiedlungen außerhalb der Stadt. Der Weg in die Stadt ist weit und die Busfahrkarte teuer. So bleiben viele arme Dalits „unsichtbar“, zur Freude der alten und neuen Reichen.

Aber immer mehr Dalits setzen sich gegen das Unrechtssystem zur Wehr. Es gibt eine wachsende Zahl von Dalit-Organisationen. Sprechern dieser Bewegung wie James Massey ist es wichtig, Dalits aus allen Untergruppen und allen Religionsgemeinschaften einzubeziehen. In der Vergangenheit waren die Dalits in mehrere hundert Untergruppen aufgesplittert worden, abgestuft nach dem Grad ihrer „ Unreinheit“. Teile und Herrsche hieß das Motto der oberen Kasten. Immer mehr Dalits erkennen, dass sie nur gemeinsam ihre Situation verbessern können. Auch international finden die Dalits mehr Unterstützung für ihre Anliegen. So hat die UN-Menschenrechtskommission in diesem Frühjahr zwei Sonderberichterstatter berufen, die das Unrecht an dieser Gruppe religiös und sozial Verfolgter systematisch untersuchen sollen.

Ein zentraler Teil des Kampfes der Dalits für ein Ende ihrer Unterdrückung ist die Verbesserung der Bildungs- und Ausbildungsmöglichkeiten. Denn Millionen Dalits sehen keine berufliche Alternative dazu, weiterhin die Latrinen zu reinigen oder andere erniedrigen Arbeiten auszuführen. Viele Familien haben sogar das demütigende Leben so verinnerlicht, dass sie zögern, Risiken auf sich zu nehmen und etwas anderes zu versuchen. Besonders Dalits in den Dörfern haben ihr Selbstbewusstsein verloren und glauben mittlerweile selbst daran, dass sie zu Recht für ein schlechtes Verhalten im letzten Leben bestraft werden.

Dalit-Bildungsprogramme legen deshalb großen Wert darauf, neben schulischen oder beruflichen Qualifikationen auch das Selbstbewusstsein zu stärken, ebenso die Konfliktbereitschaft. Selbstbewusst fordern Dalits jetzt, selbst Träger solcher Bildungs- und Entwicklungsprogramme zu werden. Bisher haben Entwicklungsorganisationen im Ausland oft mit indischen Organisationen zusammengearbeitet, die für die Ausgegrenzten der Gesellschaft arbeiten, aber von Mitgliedern der oberen Kasten geleitet wurden.

Radikale Hindus reagieren auf den Emanzipationsprozess der Dalits mit brutaler Gewalt. Die „Unberührbaren“ sollen in ihre alte Rolle zurückgezwungen werden. Dafür werden Dalits ermordet, die sich entschieden für ihre Rechte einsetzen oder auch nur Widerspruch wagen. So berichtete die Tageszeitung „Indian Express“ am 12. Juli 2005, dass drei Mitglieder einer Dalit-Familie in der Nähe von Bhopal von acht Angehörigen einer Familie aus einer höheren Kaste brutal ermordet und zerstückelt worden waren. Angeblich hatten sie versucht, einen Büffel zu stehlen. Hintergrund war nach dem Zeitungsbericht, dass die Familien schon vorher Streit hatten und die Dalit-Familie offenbar nicht bereit war, sich wie früher üblich unterzuordnen und Unrecht zu erdulden.

Jedes Jahr gibt es nach den Erkenntnissen einer Regierungskommission mindestens 10-15.000 schwere Übergriffe gegen Dalits. Die Dunkelziffer ist hoch, weil Dalits wenig Aussicht haben, durch eine Anzeige bei der Polizei zu ihrem Recht zu kommen. So nehmen hinter der glänzenden Fassade des Wirtschaftsriesen Indien die Gewalt, die Vergewaltigungen und die Morde an Dalits eher noch zu. „Es wird noch ein sehr langer Weg sein, bis es eine kastenlose Gesellschaft gibt“, stellt Annie Namala fest, eine Dalit-Aktivistin aus dem südindischen Andhra Pradesh. Sie bleibt aber optimistisch im Blick auf grundlegende Veränderungen: „Solch ein Prozess kommt schließlich nicht nur den Dalits, sondern der ganzen Nation zugute, sowohl in wirtschaftlicher als auch in sozialer Hinsicht: Er kann eine lebendige Demokratie hervorbringen.“

(Frank Kürschner-Pelkmann)


Hinweis: Das Foto von Dr. James Massey entnehmen wir dem Internet-Angebot von missio Aachen. Der indische Theologe gehörte zu den wichtigsten indischen Gästen beim katholischen „Monat der Weltmission 2005“ und hat in vielen Gemeinden über die Situation der Dalits informiert.

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