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aktuelles --- 22.01.2006 ---

Indiens Dalits leiden unter Wassermangel

James Massey

„Die Dalits haben schon vor fast drei Jahrtausenden ihre Landrechte verloren, als ihnen das Land von den dominierenden Bevölkerungsgruppen genommen wurde. Mit dem Land haben sie auch die Kontrolle über Wasser verloren.“

So beschreibt Dr. James Massey im Gespräch mit wasser-und-mehr.de die historischen Gründe dafür, dass Dalits in Indien unter Wasserstress leiden, also dem Mangel an ausreichend sauberem Wasser. James Massey gehört zu den bekanntesten Christen der Dalit-Bewegung, die sich für die Gleichberechtigung der etwa 250 Millionen Menschen einsetzt, die früher als "Unberührbare" bezeichnet wurden. James Massey leitet ein Dalit-Studienzentrum in Delhi und engagiert sich auch in Projekten zur Verbesserung der wirtschaftlichen und sozialen Situation dieser auf vielfältige Weise diskriminierten Bevölkerungsgruppe (zur Situation der Dalits vergleiche auch den Bericht Indiens Dalits fordern ihre Rechte ein).

Zu den Wasserproblemen der indischen Dalits sagt James Massey: „Heute besteht eine Hauptsorge der Dalits darin, wie sie sauberes Trinkwasser erhalten können. In den ländlichen Gebieten sind sie meist gezwungen, außerhalb der Dörfer zu leben. In den Städten leben sie in Slums oder in anderen Randgebieten, in denen es meist keinen Zugang zu ausreichend Wasser und vor allem sauberem Wasser gibt. Das verursacht viele Gesundheitsprobleme.“

In den ländlichen Gebieten kommt hinzu, dass den Dalit-Familien dort Land zugewiesen wurde, wo das verschmutzte Wasser des Dorfes hinfließt, also zum Beispiel der Unterlauf eines Baches, der durch das Dorf fließt. Die Familien sind gezwungen, dieses schmutzige Wasser zu verwenden. Auch das hat Auswirkungen auf ihre Gesundheit. James Massey erläutert: „In den Dörfern selbst wird es den Dalits nicht erlaubt, das Wasser aus dem Dorfbrunnen oder von der Quelle zu holen. Sie müssen verschmutztes Wasser aus Bächen und Flüssen nutzen, sich eigene Brunnen graben oder das Wasser aus großen Entfernungen holen. Das Wasser, das die Dalits nutzen müssen, ist oft nicht als Trinkwasser oder auch nur zum Waschen geeignet.“

Ein weiteres Problem der Dalits in ländlichen Gebieten besteht darin, dass Frauen und Männer gezwungen sind, als Tagelöhner in der Landwirtschaft zu arbeiten und während der Pflanzzeit oft in schmutzigem Bewässerungswasser zu stehen. Sie sind so von vielen wasserbedingten Krankheiten betroffen, etwa Hautkrankheiten. Als Tagelöhner besitzen sie im Falle einer Krankheit keine soziale Absicherung, und das macht das Leben noch schwieriger.

Ändern staatliche Entwicklungsprojekte diese Situation?

James Massey ist nach vielen Reisen durch alle Teile Indiens desillusioniert: „Von unserem Entwicklungsprogramm aus besuchten wir vor einigen Jahren ein Gebiet in Rajasthan, in dem Menschen lebten, die von Nichtregierungsorganisationen von Zwangsarbeit befreit worden waren. Die Regierung hatte zugesagt, ihnen bei der Ansiedlung zu helfen. Wir besuchten ein Gebiet mit etwa 30 Dörfern, wo die Regierung den Menschen Land zur Verfügung gestellt hatte. Aber dies war sehr trockenes, ödes Land. Es gab nicht einmal genügend Wasser für den häuslichen Bedarf und keine Möglichkeit zur Bewässerung der Felder. Von der Regierung zugesagte Bewässerungsmaßnahmen waren nie verwirklicht worden. Die Hoffnungen der Menschen, hier von der Landwirtschaft leben zu können, waren bitter enttäuscht worden. Diese Menschen hatten ohne Wasser ein sehr hartes Leben.“

Wo die Regierung große Bewässerungsprojekte verwirklicht, haben reiche Landbesitzer den Nutzen davon, während die Dalits und Adivasi (die ‘Stammesbevölkerung’) mangels Land von diesen Vorhaben nicht profitieren. Im Gegenteil: Oft wird das Bewässerungswasser durch die Ableitung von Flüssen und die Anlage von Stauseen gewonnen. Dies geschieht häufig in Gebieten, die von Adivasi bewohnt werden. James Massey hat beobachtet: „Sie werden gezwungen, das Land zu verlassen, ohne dass es angemessene Alternativen für sie gibt. Viele Projekte, die die Weltbank und andere internationale Organisationen im Namen der ‘Entwicklung’ unterstützen, vergrößern lediglich die Probleme der Dalits und Adivasi. Das ist immer dann der Fall, wenn ihnen kein Land zur Verfügung gestellt wird, das sie besitzen und nutzen können.“

Kirchliche Wasserprojekte haben auf dem riesigen indischen Subkontinent nur einen sehr beschränkten Effekt und helfen nur kleinen Gruppen von Menschen. Die Kirchen können den Wasserbedarf der großen Zahl von Dalit-Gemeinschaften nicht abdecken. Die Wirkung kirchlicher Programme wird noch geringer, wenn sie sich vor allem an die Mitglieder der eigenen Kirche wenden.

Ein besonders gravierendes Problem wird von Kirchen und Gesellschaft viel zu wenig beachtet. James Massey: „Die Dalits, die historisch dafür bestimmt wurden, die Straßen und die Toiletten zu reinigen, sind bis heute in ländlichen wie städtischen Gebieten die sozial am weitesten unten stehenden Gruppen der Dalit-Gemeinschaft. In einer Stadt wie Delhi haben alle, die die Straßen und Toiletten von Regierungsgebäuden wie privaten Häusern reinigen, einen Dalit-Hintergrund. Nur sehr, sehr selten findet man einen Nicht-Dalit bei dieser Arbeit. Bei dieser Tätigkeit kommt die ganze Frage der Unberührbarkeit ins Spiel. In den 1930er Jahren hatten einige sozialistische Gruppen gehofft, das Problem dadurch zu lösen, dass moderne WC-Anlagen gebaut würden. Aber das hat in Indien nie funktioniert und tut es bis heute nicht. Weiterhin müssen Dalits vor allem in ländlichen Gebieten die Fäkalien in den Händen wegtragen. So entstehen auch Gesundheitsprobleme, und es kommt hinzu, dass sich Menschen, die den ganzen Tag diesem Schmutz und diesen Gerüchen ausgesetzt sind, abends darin flüchten, billigen Alkohol zu trinken oder Drogen zu nehmen, was ihre Gesundheitsprobleme noch erhöht. Diese Menschen fürchten sich davor, diese Probleme anzusprechen. Sie tun im modernen Indien noch immer die Arbeit, die ihre Vorfahren vor Jahrtausenden taten.“ In der Verfassung ist die Unberührbarkeit beseitigt. Aber solange Dalits weiterhin die Toiletten reinigen und die toten Tiere entfernen und niemand sonst diese Arbeiten tut, werden diese Dalits weiterhin mit dem Problem der Unberührbarkeit konfrontiert sein.

Nach der Unabhängigkeit wurden den Dalits in der indischen Verfassung und in Gesetzen bestimmte Rechte eingeräumt, so zum Beispiel eine Quote bei der Vergabe von Regierungspositionen. Aber diese Bestimmungen gelten nur für Dalits, die Hindus, Sikhs oder Buddhisten sind. Christlichen und muslimischen Dalits werden diese Rechte verweigert. In der Praxis werden die Quotenregelungen allenfalls auf der untersten Gehaltsebene eingehalten, aber je weiter oben die Positionen in der Hierarchie sind, desto weniger Dalits findet man hier. Insgesamt sind die reservierten Positionen nie zu mehr als der Hälfte tatsächlich mit Dalits und Adivasi besetzt worden.

Den meisten Dalits fehlt ohnehin die Schul- und Hochschulausbildung, um sich um solche Positionen zu bewerben. James Massey ist überzeugt, dass die Erziehung eine sehr viel größere Rolle bei der Überwindung dieser Probleme spielen könnte. Um so enttäuschter ist der Theologe, dass die Kirchen ihre zahlreichen Bildungseinrichtungen so wenig nutzen, um dieses Ziel zu erreichen: „Die Christen stellen etwa 2,5 Prozent der Bevölkerung. Von diesen etwa 25 Millionen Christen sind 15 Millionen Dalits. Die Kirchen bieten etwa ein Fünftel der qualitativ besten Sekundarschulausbildung im Land an. Aber sie sind nicht in der Lage, den Bildungsbedarf der 15 Millionen Dalit-Christen zu erfüllen. Sie könnten ihnen die beste Erziehung anbieten, damit wenigstens diese kleine Gruppe der Dalits ihre Situation verbessern kann. Aber die Kirchen kommen dieser Verpflichtung nicht nach. Ohne eine gute Ausbildung haben Dalits keine Chance, höhere berufliche Positionen zu erreichen. Dies wäre aber besonders in Zeiten der Globalisierung wichtig. Nur eine berufsorientierte höhere Bildung eröffnet den Zugang zu den Vorteilen dieses Prozesses. Diese Probleme müssen von den Religionsgemeinschaften sehr viel stärker reflektiert werden.“ Ebenso sei ein sehr viel größeres Regierungsengagement erforderlich.

(Frank Kürschner-Pelkmann)


Hinweis: Die Bilder zu diesem Bericht zeigen Dr. James Massey sowie die Arbeit in einem Bildungszentrum für Dalit-Kinder in der Nähe von Delhi. Das Zentrum hat das Ziel, das Selbstbewusstsein der Kinder zu stärken und sie duch Schularbeitenhilfe zu unterstützen (Fotos: Frank Kürschner-Pelkmann).

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