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aktuelles --- 19.02.2006 ---

Konflikte um das Wasser des Viktoriasees

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In einer Studie des International Rivers Network wird der Vorwurf erhoben, dass Uganda heimlich zu viel Wasser aus dem Viktoriasee in den Weißen Nil leitet, um so den Energiebedarf des Landes zu decken.

Der Viktoriasee besitzt nur diesen Ausfluss, und früher wurde die abfließende Wassermenge durch Felsen und Stromschnellen begrenzt. In den 1950er Jahre wurden die Felsbarrieren von den damaligen britischen Kolonialherren gesprengt und durch einen Staudamm ersetzt, der der Stromerzeugung dient. Dieser "Nalubaale-Damm" ist bis heute von großer Bedeutung für die Elektrizitätserzeugung Ugandas. 2002 wurde zusätzlich der "Kiira-Staudamm" fertig gestellt, durch dessen Turbinen weiteres Wasser aus dem Viktoriasee in den Nil fließt. Uganda hat sich vertraglich verpflichtet, den Abfluss aus dem See so zu regulieren, dass bei hohem Wasserstand viel Wasser abfließt und damit viel Energie erzeugt wird, bei niedrigem Wasserstand aber wenig. Hierfür gibt es eine vertraglich "vereinbarte Kurve", die festlegt, wie viel Wasser bei welchem Wasserstand vom See in den Nil geleitet werden kann. An diesem Vertrag ist auch Ägypten als Anrainer des Unterlaufs des Nils beteiligt.

Luftbild  Viktoriasee

In den letzten Jahren ist der Wasserspiegel des Viktoriasees deutlich gesunken (vgl. hierzu den Bericht Wasserspiegel des Viktoriasees sinkt auf dieser Website). Dieser Verlust wird allein für die letzten drei Jahre auf fast drei Prozent geschätzt. Gemessen am Durchschnitt der letzten drei Jahre, so die Studie, ist der Wasserspiegel des Sees um 1,1 Meter gesunken. Dies bedeutet eine deutliche Behinderung des Schiffsverkehrs und gefährdet das ökologische Gleichgewicht des Sees. Die österreichische Umweltschutzorganisation GLOBAL 2000 stellte am 14. Februar 2006 in einer Pressemeldung fest:

„Das Seeufer in Kisumu, der größten kenianischen Stadt am Viktoriasee, ist innerhalb weniger als eines Jahres um bis zu 15 Meter zurückgegangen. Weil Feuchtgebiete vom Hauptsee durch ausgetrocknete Sandflächen abgetrennt wurden, verlieren Buntbarsche und andere Fischarten ihre lebenswichtigen Laichplätze. Es gibt bereits Anzeichen für einen Rückgang der Fischbestände. Dies hätte dramatische Auswirkungen für die bereits in großer Armut lebenden Menschen am See, deren Hauptnahrungs- und Einnahmequelle Fisch ist.“

Nach Auffassung der Elektrizitätsgesellschaft Ugandas, die die Energieerzeugung durch die Staudämme kontrolliert, ist der Wasserverlust allein auf klimatische Veränderungen zurückzuführen, die zur Konsequenz haben, dass weniger Wasser aus den Zuflüssen in den See gelangt und gleichzeitig bei höheren Temperaturen die Verdunstung steigt. Diese Auffassung wird von den ugandischen Behörden geteilt. Sie setzen sich gegen den Vorwurf zur Wehr, der sinkende Wasserspiegel werde durch das zweite Staudamm-Projekt verursacht.

Die kenianische Tagszeitung The East African Standard zitierte am 13. Februar 2006 den Staatssekretär im ugandischen Umweltministerium, Karisa Kabagambe, mit den Worten:

„Die Auswirkungen der lang andauernden Dürre sind sehr ernst. Alle Seen in der Region weisen sinkende Wasserspiegel auf, obwohl sie keine Verbindung zum Kiira-Damm haben."

Aber der ugandische Ingenieur und Hydrologe Hillary Onek wurde in der ugandischen Presse so zitiert:

„Aus Ingenieurs-Perspektive sollte Kiira ein Ersatz für Nalubaale sein, weil erwartet wurde, dass die Leistung von Nalubaale (wegen alter Turbinen) langsam zurückgehen würde ... Als beide Dämme fertig waren, haben die Politiker beschlossen, beide Kraftwerke parallel zu betreiben. Entweder waren sie dabei falsch beraten worden oder sie versprachen sich politische Vorteile."

Frank Muramuzi von der Nationalen Vereinigung professioneller Umweltschützer in Uganda fasst die Situation so zusammen:

„Der Staudamm-Komplex zieht den Stöpsel aus dem Viktoriasee.“

Die Studie des International Rivers Network stellt nun die These auf, dass die Wasserverluste der letzten Jahre zu 45% aus klimatischen Gründen verursacht werden, aber zu 55% dadurch, dass Uganda mehr Wasser durch die Turbinen der beiden Staudamm-Anlagen gejagt hat, als für einen stabilen Wasserstand des Sees zulässig gewesen wäre. Verfasst wurde die Studie von Daniel Kull, einem Hydrologen des Zentrums UN International Strategy for Disaster Reduction in Nairobi. Da Uganda die Daten über den Abfluss von Wasser aus dem Viktoriasee geheim hält, musste der Hydrologe komplizierte Berechnungen anstellen, um zu seinen Ergebnissen zu gelangen. Sie werden von offizieller Seite in Uganda als falsch zurückgewiesen, haben aber die Regierungen in Tansania und Kenia alarmiert und dazu geführt, dass die Frage des Wasserspiegels des gemeinsamen Sees nun im Rahmen der Ostafrikanischen Gemeinschaft der drei Länder beraten wird.

Uganda befindet sich in diesem Konflikt in einer schwierigen Situation. Der Elektrizitätsbedarf hat sich in den letzten Jahren stark erhöht, ein Ergebnis sowohl des industriellen Wachstums als auch des zunehmenden privaten Verbrauchs. Dabei hat noch immer erst ein Zehntel der Bevölkerung Zugang zu Elektrizität.

Vermutlich unter dem Druck der Veröffentlichung der Studie und weiterer Beiträge entschloss sich die ugandische Elektrizitätsgesellschaft am 6. Februar 2006, die Energieerzeugung aus der Wasserkraft des Viktoriasees von 170 auf 140 MW zu vermindern. Damit erhöht sich die Kluft zwischen Bedarf und verfügbarer Elektrizitätsmenge von 130 auf 170 MW und damit auf fast die Hälfte des Bedarfs. Die Folge ist, dass die Stromsperren von acht auf zwölf Stunden am Tag ausgeweitet wurden. Dies trifft nicht nur private Haushalte hart, sondern auch die Industrie und die übrige Wirtschaft. Wie die Tageszeitung The Monitor (Kampala) am 7. Februar 2006 berichtete, plant Uganda nun den raschen Ausbau der Kraftwerke, die unter Verwendung von Mineralöl Elektrizität erzeugen. Allerdings erfordert dies hohe Investitionen und auch der Erzeugungspreis von Energie ist deutlich höher als bei den Wasserkraftwerken. Es wird deshalb erwartet, dass die Elektrizitätsgesellschaft die Strompreise erhöhen wird.

Der sinkende Wasserspiegel des Viktoriasees wirft auch neue Fragen im Blick auf den geplanten Bujagali-Staudamm auf. Er soll flussabwärts der beiden bestehenden Staudämme entstehen und insgesamt 550 Millionen Dollar kosten. Davon wollte die Weltbank 250 Millionen Dollar als Kredit zur Verfügung stellen - gegen den Protest von Umweltschutzorganisationen, die u.a. darauf hinweisen, dass wertvolles Ackerland im Stausee versinken wird und die Bauernfamilien dann vermutlich weitere Waldgebiete roden, um sich eine neue Lebensgrundlage zu schaffen. Als ein Korruptionsfall in Zusammenhang mit dem geplanten Staudamm bekannt wurde, nahm die Weltbank dies zum Anlass, sich erst einmal aus dem Vorhaben zurückzuziehen. Zu berücksichtigen ist zudem, dass das kanadische Unternehmen Acres International in Lesotho rechtskräftig wegen der Zahlung einer hohen Bestechungssumme in Zusammenhang mit dem Lesotho Highland Water Project verurteilt worden ist. Auch in Uganda selbst gab es eine beachtliche Opposition gegen das Vorhaben.

Interessant ist in diesem Zusammenhang auch ein Bericht der kenianischen Tageszeitung Daily Nation vom 17. Februar 2006, aus dem hervorgeht, dass der East African Business Council, ein Zusammenschluss von Wirtschaftsvereinigungen in Kenia, Tansania und Uganda, fordert, die Abhängigkeit von Elektrizität aus Wasserkraft zu vermindern und stärker andere Energiequellen zu nutzen.

Die zurückgehende Wassermenge des Viktoriasees und damit auch des Nils reduziert automatisch auch die Wassermenge, die die Turbine des neuen Staudammprojekts in Bujagali antreiben wird. Ein Hydrologe der Nationalen Wasser- und Abwassergesellschaft Ugandas, der nicht namentlich genannt werden wollte, wurde in dem erwähnten Artikel von "The Monitor" so zitiert:

„Die Energieproduktion in Bujagali wurde zu einem Zeitpunkt geschätzt, als der Wasserstand ein gesundes Niveau hatte, und nun, wo er stark gesunken ist, muss man damit rechnen, dass die Elektrizitätsproduktion ebenfalls sehr viel geringer ausfallen wird.“

Angesichts der Energieknappheit hat Ugandas Präsident Museveni laut der Tageszeitung New Vision (Kampala) vom 16. Februar 2006 angekündigt, dass der Bujagali-Staudamm sowie ein weiterer Staudamm nun zügig gebaut würden. Wenn keine internationale Finanzierung zur Verfügung stehe, werde Uganda das Vorhaben mit eigenen Mitteln finanzieren. Außerdem würden kurzfristig neue große Dieselgeneratoren installiert werden, die zusammen 150 MW Elektrizität erzeugen könnten. Wer in Solaranlagen investiert, dem sollen staatliche Zuschüsse in Höhe von 45% zur Verfügung stehen.

Luftbild Victoriasee

Nicht übersehen werden darf bei den Problemen am Viktoriasee, dass neben dem hohen Abfluss aus dem See zur Energieerzeugung auch die klimatischen Veränderungen zur gegenwärtigen Krise beitragen. Der Global Nature Fund (GNF) hat beim Tyndall Centre for Climate Change Research in England eine Studie zu den klimatischen Veränderungen in der Region um den Viktoriasee in Auftrag gegeben. Die Studie kommt zum Ergebnis, dass sich die Durchschnittstemperatur in der Region bis 2080 um 3,6 Grad erhöhen wird. Udo Gattenlöhner, Direktor des GNF, erklärte daraufhin kürzlich:

„Wir erleben erste Auswirkungen des Klimawandels am Viktoriasee und an weiteren Seen überall auf der Erde. Ohne eine schnelle Reduktion des Treibhausausstoßes durch die Industrieländer ist die Lebensgrundlage von Millionen Menschen in naher Zukunft bedroht.“

Die Luftaufnahmen zu diesem Beitrag stammen von der NASA.

(Frank Kürschner-Pelkmann)

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