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aktuelles --- 26.02.2006 ---

Economist: Höhere Gewinne und niedrigere Löhne

Titelseite Economist

"Decoupled" - Entkoppelt - lautet die Überschrift eines Beitrags in der Ausgabe des internationalen Wirtschaftsmagazins The Economist vom 25. Februar 2006. Die Grundthese des Artikels fasst die Redaktion so zusammen:

„Die Gesundheit von Unternehmen und der Wohlstand von Volkswirtschaften hängt nicht länger zusammen.“

Es wird zu Beginn des Beitrages festgestellt, dass früher der Wohlstand eines Landes mit hohen Gewinnen der Unternehmen verknüpft war. Dann heißt es:

„Aber heute erleben wir einen Boom der Gewinne der Unternehmen in Volkswirtschaften wie Deutschland, die stagnieren. Und praktisch überall bleiben die Realeinkommen der Beschäftigten auf dem gleichen Niveau oder sinken sogar, während die Profite stark ansteigen.“

Unternehmen seien nicht länger an die wirtschaftlichen und politischen Bedingungen in den Ländern gebunden, in denen sie offiziell ihren Sitz haben. Weiter wird festgestellt:

„Firmen in Europa liefern stattliche Gewinne, und dies entspricht mehr den Verhältnissen der robusten globalen Wirtschaft als denen in ihrem verkalkten Heimatland. In den letzten zwei Jahren sind die Gewinne pro Anteil der großen an der Börse gehandelten Unternehmen in Deutschland um mehr als 100% gestiegen, in Frankreich um 50%, in Japan um 70% und in den USA um 35%.“

Die Folge war und ist, dass die Aktienkurse gerade in Europa stark gestiegen sind. In dem "Economist"-Beitrag heißt es im nächsten Absatz:

„Zweitens, und das ist beunruhigender, garantiert der Erfolg von Unternehmen nicht länger den Wohlstand der heimischen Volkswirtschaften oder genauer betrachtet der Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer des Landes. Fettere Gewinne sollten, so nahm man bisher an, Firmen dazu ermutigen, mehr zu investieren, höhere Löhne zu bieten und mehr Arbeitskräfte zu beschäftigen. Aber obwohl der Anteil der Gewinne am Nationaleinkommen der G7-Staaten fast einen Höchststand erreicht hat, haben die Unternehmen in den letzten Jahren dort ungewöhnlich wenig investiert. Die Unternehmen waren sehr viel zurückhaltender, neue Beschäftigte einzustellen oder Löhne zu erhöhen als in früheren Aufschwungphasen. In Amerika ist ein größerer Anteil des Zuwachses des Nationaleinkommens in Gewinne gegangen als in jedem anderen Wirtschaftsaufschwung seit 1945.“

Als ein Grund wird im "Economist" angesehen, dass die Unternehmen ihre Aktivitäten immer weniger auf ein Land konzentrieren. Als ein Beispiel werden die 30 größten deutschen DAX-Unternehmen genannt, die nur noch 53% ihrer Arbeitsplätze in Deutschland angesiedelt haben. Viele europäische Unternehmen würden vor allem in anderen Teilen der Welt investieren und nicht im eigenen Land. Diese Analyse stammt wie gesagt nicht von radikalen Globalisierungsgegnern, sondern von einer führenden internationalen Wirtschaftszeitschrift, die sich dem Wirtschaftsliberalismus verpflichtet weiß. Im "Economist"-Beitrag wird weiter festgestellt:

„Die Globalisierung hat auch das Machtgleichgewicht auf dem Arbeitsmarkt zugunsten der Unternehmen verschoben. Sie eröffnet den Unternehmen den Zugang zu niedrig bezahlter Arbeit in Übersee; und die Drohung, die Produktion verstärkt ins Ausland zu verlagern, hilft ihnen, die Löhne zu Hause zu deckeln. Dies ist einer der Gründe dafür, dass trotz Rekordgewinnen die Reallöhne in Deutschland in den letzten zwei Jahren gesunken sind. Das hat seinerseits die heimischen Ausgaben und damit auch des Bruttosozialprodukts geschwächt.“

Zu möglichen Konsequenzen ist im "Economist" nachzulesen:

„Wenn die Profite (und damit auch die Bezahlung der Manager) weiterhin fröhlich nach oben gehen, während die Reallöhne der normalen Beschäftigten stagnieren und die Gesundheitsleistungen, die sie erhalten, sowie ihre Pensionen erodieren, könnten die Beschäftigten wohl erwarten, dass die Regierungen etwas unternehmen, um diese Kluft zu schließen.“

Aber, so die Auffassung der Redaktion des "Economist", Maßnahmen wie eine höhere Besteuerung der Gewinne wären "selbstmörderisch", weil die Unternehmen dann schlicht ihre Firmensitze in andere Länder verlegen würden. Hoffnung wird darin gesetzt, die Beschäftigten an den Unternehmen zu beteiligen, sodass sie auch von den Gewinnen profitieren würden. Außerdem gelte es für die Regierungen, Bildungsangebote zu verbessern und effizientere Arbeits- und Produktionsmärkte zu schaffen, um attraktiver für Investoren zu werden.

So weit der Beitrag des "Economist", und hier noch ein kurzer Kommentar: Es wäre sehr viel gewonnen, wenn hierzulande so offen und klar die "Spielregeln" der Globalisierung dargestellt und diskutiert würden wie im "Economist". Dann würde deutlich, dass die "Verlierer" der Globalisierung nicht nur in abgelegenen Regionen des Südens der Welt leben, die von der Weltwirtschaft "abgekoppelt" wurden. Auch die Beschäftigten in Ländern wie Deutschland haben negative Konsequenzen zu tragen - sinkende Reallöhne, Arbeitsplatzverlust oder erst gar keine Chance, einen festen Arbeitsplatz zu finden. Die Behauptung, alle würden von der Globalisierung profitieren, hat sich längst als Mythos erwiesen.

Und was ist zu tun? Drei Möglichkeiten sind erkennbar: Entweder man beteiligt sich begeistert an diesem Prozess und versucht, zu den "Gewinnern" zu gehören, oder man sieht den Prozess resigniert als unabänderlich an oder man sucht drittens nach Alternativen, weil der gegenwärtige Globalisierungsprozess kein Naturereignis ist, sondern von Menschen geschaffen wurde und von ihnen auch zu verändern ist. Diese Möglichkeit ist um so mehr geboten, als die gegenwärtige Globalisierung verheerende ökologische Folgen hat, was im "Economist" ausgeklammert wird. Insgesamt ist der Redaktion der Wirtschaftszeitschrift sehr zu danken, dass sie so deutlich benennt, was Globalisierung für die Menschen in Industriestaaten bedeutet.

(Frank Kürschner-Pelkmann)

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