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aktuelles --- 10.03.2006 ---

UN-Weltwasserbericht: Viele Fakten und einige umstrittene Vorschläge

Die Vereinten Nationen haben den zweiten Weltwasserentwicklungsbericht unter das Thema "Wasser - eine geteilte Verantwortung" (water - a shared responsibilty) gestellt. Der Bericht wurde in Zusammenarbeit von 24 UN-Organisationen und -Einrichtungen verfasst und gibt einen Einblick in globale Wasserprobleme und Konzepte zu deren Überwindung. Ein wichtiger Orientierungspunkt sind dabei die UN-Millenniumsziele für den Wasser- und Sanitärbereich. Bis 2015 soll die Zahl der Menschen ohne Zugang zu Trinkwasser und einer gesundheitlich unbedenklichen Abwasserentsorgung halbiert werden.

Titelseite des Weltwasserentwicklungsberichts

Aktuelle Berechnungen besagen, dass weiterhin 1,1 Milliarden Menschen ohne ausreichend sauberes, in der Nähe zugängliches Trinkwasser leben müssen und sogar 2,6 Milliarden Menschen keinen Zugang zu gesundheitlich unbedenklichen sanitären Einrichtungen haben. Mehr als die Hälfte dieser Menschen leben in Indien und China. Verbesserungen der Trinkwasserversorgung in diesen beiden und einigen weiteren Ländern werden es ermöglichen - so die Einschätzung im Weltwasserentwicklungsbericht -, dass im weltweiten Durchschnitt das Trinkwasser-Millenniumsziel erreicht wird. Allerdings wird es in Problemregionen wie Afrika südlich der Sahara voraussichtlich verfehlt werden. Das Ziel der Halbierung der Zahl der Menschen ohne Zugang zu einer angemessenen sanitären Entsorgung wird auch weltweit nicht erreicht, wenn sich die gegenwärtigen Trends fortsetzen. Dies ist ein Indiz dafür, wie stark das "anrüchige" Thema Toiletten, Abwasserleitungen und Kläranlagen in der Entwicklungsdiskussion und -praxis vernachlässigt worden ist.

Der menschliche Wasserverbrauch hat sich nach Angaben des UN-Berichts im Laufe des 20. Jahrhunderts versechsfacht und ist damit doppelt so rasch gestiegen wie die Weltbevölkerung. Der Bericht enthält eine Fülle von Daten und Analysen, wie dieses Wasser verwendet und zum Teil auch verschwendet wird und wie eine nachhaltige Nutzung etwa in der Bewässerungslandwirtschaft erreicht werden kann.

Laut Bericht sind „Missmanagement, Korruption, das Fehlen angemessener Institutionen, bürokratische Trägheit und ein Mangel an neuen Investitionen zur Ausbildung von Fachkräften und zum Bau von Infrastruktur“ für die Misere in der Trinkwasserversorgung verantwortlich. Deshalb wird in dem Bericht großes Gewicht darauf gelegt, ein verantwortliches Vorgehen der im Wasser- und Abwasserbereich tätigen Institutionen sowie der zuständigen Behörden zu erreichen ("good governance").

Wie groß diese Aufgabe noch ist, wird in dem Bericht u.a. an zwei Details deutlich. In vielen Teilen der Welt gehen weiterhin 30-40% des Leitungswassers durch Leckagen oder Diebstahl verloren, bevor es den Weg vom Wasserwerk zum Wasserhahn zurückgelegt hat. Das Ausmaß der Korruption geht aus einer Untersuchung in Indien hervor, wonach 41% der befragten Kunden von Wasserwerken zugaben, innerhalb der zurückliegenden sechs Monate mindestens einmal eine kleine Bestechungssumme gezahlt zu haben, damit die Wasserzähler (zu ihren Gunsten) falsch abgelesen wurden. Eng verknüpft mit "good governance", so wird im Bericht betont, sind grundlegende Freiheiten der Bevölkerung, so die Meinungsfreiheit und die Freiheit, sich zu organisieren: „Wasserstress entsteht vor allem dort, wo individuelle Rechte und Freiheiten eingeschränkt sind.“ Die Reform des Wassersektors müsse deshalb einhergehen mit Reformen zur Verbesserung des Regierungssystems.

Ein weiteres wichtiges Ziel muss es sein, ausreichend Finanzmittel für den Wasser- und Sanitärsektor zur Verfügung zu stellen. Nach Berechnungen des Weltwasserentwicklungsberichts stagniert aber das Volumen der Entwicklungsgelder für diesen Sektor bei 4,5 Milliarden Dollar im Jahr (einschließlich zinsgünstiger Kredite internationaler Institutionen wie der Weltbank). Die Summe mag noch relativ hoch erscheinen, aber laut UN-Bericht erreichen nur etwa 12% dieser Summe die Menschen, die am dringendsten Unterstützung brauchten.

Die Privatinvestitionen in den Ländern des Südens sind geringer als diejenigen erhofften, die sich wie die Weltbank für die Privatisierung der Wasserversorgung eingesetzt haben. Private Unternehmen bringen nur einen großen Teil der Investitionsmittel auf, die zur Verwirklichung der Millenniumsziele erforderlich sind. In den 1990er Jahren investierten Privatunternehmen insgesamt etwa 25 Milliarden US-Dollar in Entwicklungsländern, davon den größten Teil in Lateinamerika und Asien. Hier müsste in Ergänzung zum Weltwasserentwicklungsbericht kritisch geprüft werden, wie viele dieser Investitionen denen zugute gekommen sind, die unter akutem Mangel an sauberem Trinkwasser leiden. Inzwischen ziehen sich, so wird auch im UN-Bericht konstatiert, die internationalen Unternehmen stärker aus den Ländern des Südens zurück. Obwohl die Leistungen privater Unternehmen oft die Erwartungen der Regierungen der Entwicklungsländer und der Geberstaaten nicht erfüllt hätten, so der Bericht, "wäre es ein Fehler", den Privatsektor abzuschreiben.

Im Bericht werden neben den Problemen auch viele Erfolge im Kampf für eine Wasserversorgung und Abwasserentsorgung für alle Menschen dargestellt. So haben von 1990 bis 2002 zusätzlich 1,1 Milliarden Menschen den Zugang zu sauberem Wasser erhalten. Im gleichen Zeitraum hat sich der Anteil der Weltbevölkerung, der Zugang zu sanitären Einrichtungen hat, von 49% auf 58% erhöht. Als Erfolg ist auch zu verbuchen, dass sich die Nahrungsmittelproduktion pro Kopf der Bevölkerung - nicht zuletzt durch eine intensivere Nutzung von Wasserressourcen - in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts um 25% erhöht hat. Aber von 2000 bis 2030 wäre eine Steigerung der landwirtschaftlichen Produktion um 67% erforderlich, um die wachsende Weltbevölkerung ausreichend zu ernähren.

Die Vorschläge des Weltwasserentwicklungsberichts zu Themen wie Reform des Wassersektors, Ausbau der Bewässerungslandwirtschaft, Bau von Staudämmen zur Energieerzeugung und Umgang mit Naturkatastrophen werden Diskussionen auslösen und in verschiedenen Punkten den Widerspruch von sozialen Bewegungen und Umweltschutzorganisationen hervorrufen. Diese Diskussion muss angesichts der globalen Wasserprobleme und der unzureichenden Umsetzung der UN-Millenniumsziele dringend geführt werden.

(Frank Kürschner-Pelkmann)

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