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aktuelles --- 03.04.2006 ---

Wasserknappheit in London

beat the drought - so lautet eine Aufforderung von Thames Water an die Kunden

Seit dem 3. April 2006 ist alles anders. Jahrelang stieg der Wasserverbrauch der Einwohner Londons und anderer Kommunen in England, und den privaten Wasserversorgungsunternehmen war dies recht, denn so erhöhte sich der Umsatz. Der Wasserverbrauch der Londoner ist auf 163 Liter pro Tag angewachsen, während er in vielen deutschen Kommunen auf deutlich unter 120 Liter gesunken ist. Aber nach einem trockenen Winter sind die Wasserreservoirs in Südengland nur noch etwa zur Hälfte gefüllt. Wasserunternehmen und Behörden fordern jetzt zum Wassersparen auf. Die Behörden haben ein Verbot des Autowaschens und des Gartensprengens mit Schläuchen erlassen. Wer diese Bestimmungen missachtet, muss mit einer Strafe von umgerechnet 1.500 Euro rechnen. Auch das Baden in der Wanne gilt nun fast schon als Umweltfrevel, Duschen ist angesagt. Der Bürgermeister von London, Ken Livingston fordert sogar dazu auf, die Spültaste nicht mehr nach jedem kleinen Geschäft zu drücken, sondern erst, nachdem das WC mehrfach benutzt worden ist.

Firmen-Signet Thames Water

Ob die Londonerinnen und Londoner die Wassersparappelle beherzigen, bleibt abzuwarten. Darren Johnson, der Vorsitzende des Umweltausschusses des Londoner Stadtrates, wurde in der Zeitung "The Independent" am 14. März 2006 so zitiert: "Es besteht eine ganz reale Gefahr, dass die Öffentlichkeit sich nicht an die offiziellen Wassersparempfehlungen halten wird, wenn sie weiterhin wahrnehmen muss, dass das Wasserunternehmen der größte Übeltäter ist." Vielen Londonerinnen und Londonern ist bekannt, dass der private Wasserversorger Thames Water das Leitungsnetz so stark vernachlässigt hat, dass die Wasserverluste zwischen Wasserwerk und Wasserhahn inzwischen weit über 30% liegen, ein trauriger Rekord. Viele Leitungen stammen noch aus der Zeit von Königin Victoria und hätten längst ersetzt werden müssen. Aber Thames Water und die anderen privaten Wasserversorgungsunternehmen in England und Wales haben seit der Übernahme der Versorgung im Jahre 1989 viel zu wenig investiert und statt dessen Dividenden und Managergehälter erhöht, während die Bürgerinnen und Bürger sich mit immer höhere Wassergebühren abfinden mussten. In dem Gutachten "Down the Drain - London water usage and supply" des Umweltausschusses der "London Assembly" vom März 2005 wird darauf verwiesen, dass zum Beispiel im Jahre 1998 24% der Beträge, die die Wasserkunden zahlten, als Dividenden an die Aktionäre ausgezahlt wurden. Die kommunalen Hamburger Wasserwerke, die ebenfalls mit den Lasten eines alten Leitungsnetzes fertig werden mussten, haben kontinuierlich die Leitungen gut gewartet und bei Bedarf ersetzt, sodass hier die Wasserverluste durch Leckagen deutlich unter 5% liegen. Trotzdem bleibt dank effizienter Arbeit ein erkläglicher Gewinn für die Stadt übrig.

Aus der Sicht der privaten Betreiber in England war es offenbar billiger, die Wasserverluste in Kauf zu nehmen, als regelmäßig größere Beträge für die Instandhaltung und Erneuerung des Leitungsnetzes aufzuwenden. Die Folgen dieser Unternehmenspolitik zeigten sich bereits bei der Dürre Mitte der 1970er Jahre, als vor allem in Yorkshire die Wasserknappheit so groß wurde, dass der private Betreiber Wasser in Tanklastwagen aus anderen Regionen des Landes beschaffen musste. Thames Water und die anderen privaten Betreiber der Wasserversorgung in England und Wales stehen seit einigen Jahren unter dem massiven Druck von Aufsichts- und Umweltbehörden, endlich die Wasserverluste zu senken. Die Behörden verweigern aber Erhöhungen des Wasserpreises in dem von den Konzernen erwarteten Umfang, um diese Investitionen auf diese Weise vollständig zu refinanzieren. Auch die Öffentlichkeit sieht nicht ein, dass die Konzerne erst dadurch große Gewinne gemacht haben, dass sie das Leitungsnetz vernachlässigt haben und nun erwarten, dass die Kunden die angehäuften Kosten einer Sanierung bezahlen. Thames Water plant inzwischen, Brackwasser aus dem Unterlauf der Themse (als eine Mischung von Süß- und Salzwasser) als Trinkwasser aufzubereiten, um den Wasserbedarf Londons zu decken.

Im März 2005 geriet Thames Water erneut in die Kritik, weil der Umweltausschuss der "London Assembly" die Misere der Wasserversorgung von London schonungslos in der bereits erwähnten ausführlichen Analyse Down the Drain (PDF-Datei) offen legte. Die "London Assembly" ist das zentrale Beratungsgremium des Oberbürgermeisters der britischen Hauptstadt, und befasst sich u.a. mit Umweltfragen. In der Analyse wird dargestellt, dass im Jahre 2004 jeden Tag fast eine Milliarde Liter Wasser durch Leckagen verloren gegangen sind - und schlimmer noch -, dass sich die Wasserverluste in London seit 1999 um 43 Prozent erhöht haben. Inzwischen gehen fast 40 Prozent des Wassers verloren, bevor es die Kunden erreiche, und dies in einer Situation, wo innerhalb der nächsten zehn Jahre mit einem gravierenden Wassermangel in der Region London zu rechnen sei.

Dass Thames Water bis zum Jahre 2010 850 Meilen Wasserleitungen ersetzen will, wird zwar begrüßt, aber es wird daran erinnert, dass das gesamte Leitungsnetz 18.750 Kilometer umfasst, von denen die Hälfte mehr als 100 Jahre alt ist. Die geplanten Erneuerungen würden nicht ausreichen, um die vorhandenen Probleme zu lösen. Es sei ein Plan erforderlich, alle überalterten Leitungen zu ersetzen. Die Analyse und die Schlussfolgerungen der Kommission stellen ein vernichtendes Urteil nach mehr als eineinhalb Jahrzehnten Privatisierung der Londoner Wasserversorgung dar. Thames Water selbst gibt an, dass inzwischen 1.000 Beschäftigte des Unternehmens unterwegs sind, um die täglich 200 Probleme in der Stadt zu beheben - was mehr als deutlich zeigt, wie desolat der Zustand ist.

Um die Wasserverluste zu reduzieren, hat Thames Water vorgeschlagen, den Wasserdruck zu vermindern. Das stieß nicht nur in der Öffentlichkeit, sondern auch bei den Behörden auf Widerstand. Ein Verantwortlicher der Londoner städtischen Wohnungsunternehmen, C. Stephen Cowan, verwies am 25. Januar 2006 in einer Pressemitteilung darauf, dass allein die Londoner Bezirke 90 Millionen Pfund in Pumpen investieren müssten, damit das Wasser trotz des geringeren Drucks auch die oberen Etagen höherer Gebäude erreichen würde. Hinzu kämen große Investitionen zahlreicher privater Hauseigentümer. Es gibt Prognosen der Londoner Stadtverwaltung, wonach eine Milliarde Pfund investiert werden müssten, um alle Gebäude mit mehr als drei Stockwerken mit Pumpen auszustatten, damit dort weiterhin zuverlässig Wasser zur Verfügung steht. Die preiswerte Lösung für Thames Water würde also für zahlreiche Kunden hohe Kosten verursachen.

Auch die Abwasser-Leistungen von Thames Water gerieten immer wieder in die Kritik, vor allem, weil Millionen Tonnen ungeklärten Abwassers in die Themse eingeleitet werden, vor allem dann, wenn es in London regnet und das Regenwasser die Abwasserkanäle belastet. John Perry, der Vorsitzende des "Richmond Environment Information Centre", wurde am 16. Februar 2006 in der Zeitung "London News" so zitiert:

„Wenn das (Fluss-)Wasser stark mit Abwässern belastet wird, dauert es zwei Tage, bevor die Abwässer fortgespült sind. Da dies 60 Mal im Jahr passiert, ist der Fluss an 120 Tagen im Jahr in einem ungesunden Zustand.“

Im Mai 2005 reichte die britische Europaabgeordnete Sarah Ludford eine Petition beim Europaparlament ein, das Parlament möge sich damit befassen, dass Thames Water durch diese Einleitungen das Europaumweltrecht verletzt. Die Abgeordnete hatte herausgefunden, dass im Vorjahr 57,4 Millionen ungeklärtes Abwasser in die Themse geleitet worden waren. Sie stellte am 27. Mai 2005 öffentlich fest:

„Ich bin angewidert, dass die britische Regierung weiterhin nicht die notwendigen Schritte unternimmt, damit fertig zu werden. Je länger diese Situation fortbesteht, desto schlimmer wird es.“

In den britischen Medien wurde damals befürchtet, dieser zum Himmel stinkende Zustand könne die Aussichten Londons bei der Auswahl des Austragungsortes der Olympischen Spiele 2012 drastisch vermindern. Aber auch nachdem London den Zuschlag erhalten hat, bleibt das Problem bestehen. Ein hoher Regierungsangestellter, der ungenannt bleiben wollte, wurde mit der Bemerkung zitiert:

„Es besteht das Risiko, dass der Tag der Eröffnungszeremonie dadurch geprägt sein könnte, dass Dreck den Fluss auf- und abgeschwemmt wird und überall Fische sterben.“

Thames Water war seit Anfang des Jahrhunderts im Eigentum des deutschen RWE-Konzerns. Angesichts der enttäuschenden Ergebnisse des internationalen Engagements von Thames Water von Chile bis Indonesien und vor allem des großen Investitionsbedarfs in England hat RWE sich kürzlich entschlossen, das britische Unternehmen wieder zu verkaufen. Es besteht die Gefahr, dass RWE sich aus der Verantwortung stiehlt und für die nun erforderlichen Milliardeninvestitionen nicht aufkommen will. Verantwortliches unternehmerisches Handeln, wie es RWE gern für sich in Anspruch nimmt, kann nicht darin bestehen, rasch zu verkaufen, wenn der angehäufte Investitionsstau zu groß wird. Zumindest hat RWE die Verantwortung, einen Investor zu finden, der sich verpflichtet, den entstandenen Schaden zu beseitigen und Milliardenbeträge zu investieren. Das würde allerdings bedeuten, dass RWE auf den maximalen Verkaufserlös verzichten müsste. Für die Londonerinnen und Londoner bleibt spannend, wer nun für ihre lebenswichtige Wasserversorgung zuständig wird. Der Preis der Privatisierung, so haben sie seit 1989 gelernt, kann sehr hoch sein.

Hinweis: Mit der Illustration "beat the drought" wird auf der Website von Thames Water zum Wassersparen augefordert. Die Krise der Wasserversorgung der britischen Hauptstadt wird einseitig auf die Dürre der letzten Monate zurückgeführt.

Weitere Informationen zur Privatisierung der Wasserversorgung in London finden Sie in "Das Wasser-Buch" von Frank Kürschner-Pelkmann, das im Verlag Otto Lembeck erschienen ist.

(Frank Kürschner-Pelkmann)

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