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aktuelles --- 01.05.2006 ---

Religion und Entwicklungszusammenarbeit

Titelseite

Die Ausgabe 7-8/2006 der Zeitschrift "eins - Entwicklungspolitik Information Nord-Süd" hat den Themenschwerpunkt "Die Kluft überbrücken - Religion und Entwicklungszusammenarbeit". Im Editorial des Heftes schreibt Klaus Seitz: „Tatsächlich scheinen die Welten der Religion und der Entwicklungspolitik über Jahrzehnte weitgehend getrennt, ungeachtet der prominenten Rolle, die religiöse - in erster Linie christliche - Hilfswerke in der Nothilfe und der Armutsbekämpfung schon immer spielten.“ Inzwischen ist eine "Renaissance des Religiösen" in der Entwicklungspolitik zu beobachten, ein Prozess, der Chancen für einen kritischen Dialog eröffnet, aber auch Gefahren in sich birgt, so zeigen die Beiträge des Heftes.

Katherine Marshall, als Direktorin der Weltbank zuständig für Fragen der Ethik, des Glaubens und der Religionen in der Entwicklungspolitik, stellt dar, wie sich das Verhältnis internationaler Entwicklungsorganisationen wie der Weltbank zu den Religionsgemeinschaften und zu religiösen Fragen in den letzten Jahren verändert hat. In Zeiten, in denen die Entwicklungsdiskussion von ökonomischem Denken beherrscht wurde, gab es eine große Kluft zu den Religionsgemeinschaften. Inzwischen werden Brücken gebaut und es entstehen Allianzen. Katherine Marshall nennt aus dem Blickwinkel der Weltbank dafür zwei Gründe: Die Situation der Trennung und der Konflikte beeinträchtigt die Effektivität von Entwicklungskonzepten und die Qualität von Entwicklungsprozessen wird hierdurch in vielerlei Hinsicht vermindert. Die Autorin nennt dann eine ganze Reihe von Argumenten, die für eine Zusammenarbeit von Entwicklungsorganisationen und religiösen Gemeinschaften sprechen und die erklären, warum die Weltbank den Dialog sucht. Die Weltbank-Direktorin schreibt dann:

Das Argument dafür, bessere Wege zur Zusammenarbeit zwischen religiösen und entwicklungspolitischen Institutionen zu finden, ist zwingend. Das eröffnet Möglichkeiten, Entwicklungsarbeit zu verbessern und bessere Ergebnisse im Kampf gegen Armut und für soziale Gerechtigkeit zu erzielen. Religiöse und entwicklungspolitische Institutionen werden nicht immer eine gemeinsame Basis finden und werden oft sehr unterschiedliche Rollen spielen. Es wird oft Unstimmigkeiten und Auseinandersetzungen geben, aber durch respektvollen, sondierenden Dialog und eine Reihe kreativer Partnerschaften verbessern sich die Chancen deutlich, Entwicklungsziele im allgemeinen und die MDGs (Millennium Development Goals) im besonderen zu erreichen. Entwicklung braucht die gemeinsame Anstrengung der Köpfe, Hände, Herzen und Seelen.

Anne-Marie Holenstein stellt im Beitrag "Elementare Ambivalenz des Religiösen" die bisherigen Ergebnisse des Dialogs von staatlicher Entwicklungszusammenarbeit und Nichtregierungsorganisationen in der Schweiz zu Fragen der religiös-spirituellen Dimension der Entwicklungszusammenarbeit dar. Dabei wird deutlich, wie wichtig die Auseinandersetzung mit der ambivalenten Rolle der Religionen im Prozess einer umfassenden Entwicklung ist, es werden aber auch Defizite in der Entwicklungszusammenarbeit konstatiert:

Technokratische Vorstellungen von nachholender Entwicklung und ein oberflächliches Modernisierungsverständnis haben den Werdegang der Entwicklungszusammenarbeit beeinflusst. Es liegt in der Logik dieser Denkweise, dass Religion, und damit auch die Komplexität und Ambivalenz des Religiösen, auf weite Strecken ausgeblendet wurde ... Die Auseinandersetzung mit den widersprüchlichen Energien des Religiösen muss dringend gefördert und in den Methoden der Entwicklungszusammenarbeit verankert werden.

Um diesen Prozess zu fördern, haben die am Schweizer Dialog beteiligten Nichtregierungsorganisationen Leitfragen für den Umgang mit Problemen und Risiken religiöser Faktoren erarbeitet, die eine Hilfe für Programmdialoge und Verhandlungen über Projektbeiträge sein sollen. Das evangelische Hilfswerk "Brot für alle" will in den nächsten beiden Jahren mit Partnerorganisationen einen Dialog über die religiösen Dimensionen der Entwicklungszusammenarbeit führen.

Unter der Überschrift "Religion - auch ein Entwicklungshindernis" stellt Frank Kürschner-Pelkmann dar, dass eine fundierte Beschäftigung damit erforderlich ist, dass Religionsgemeinschaften in verschiedenen Situationen eine umfassende Entwicklung behindern. Ein Beispiel dafür ist die massive Diskriminierung von Dalits und Adivasi durch die Hindu-Mehrheit in Indien. Weit verbreitet ist die religiös begründete Benachteiligung von Frauen. Oft sind kulturelle und religiöse Traditionen bei solchen Formen der Diskriminierung aufs Engste miteinander verwoben. Um so wichtiger ist ein kulturkritischer Ansatz der religiösen Gemeinschaften. Der Autor schreibt deshalb:

Religionsgemeinschaften, die zu einer positiven Entwicklung ihrer Gesellschaften beitragen, stellen vorherrschende Kultur und Tradition kritisch infrage, wenn diese den befreienden Botschaften der jeweiligen Religion und dem Streben nach einem Leben in Würde für alle zuwiderlaufen.

In den letzten Jahren hat sich immer stärker gezeigt, wie religiöse Intoleranz sowie gewaltsam ausgetragene Konflikte zwischen Menschen unterschiedlichen Glaubens jegliche Entwicklung behindern oder zunichte machen. Deshalb führt kein Weg daran vorbei, dass sich Entwicklungsorganisationen intensiver mit Fragen der Religion auseinander setzen:

Die Diskussion all dieser Fragen setzt die Bereitschaft der Menschen, die in der Entwicklungsarbeit tätig sind, voraus, sich in religiösen Fragen sehr viel sachkundiger zu machen, aber auch eigene Positionen zu beziehen. Ohne eigenes Nachdenken über die Fragen nach dem Woher und dem Wohin, nach Sinn und Werten kann ein solches Gespräch nicht geführt werden. Es wäre zwecklos zu versuchen, den Religionsgemeinschaften lediglich einen funktionalen Platz in Entwicklungskonzepten einzuräumen. Ein wirklicher Dialog mit Religionsgemeinschaften über Fragen von Gerechtigkeit, Entwicklung und Leben wird diese Gemeinschaften verändern - mit Sicherheit aber auch die Vorstellungen derer, die sich als Expertinnen und Experten mit Fragen der Entwicklung beschäftigen.

Rudolf Ficker macht in seinem Beitrag deutlich, wie der Diskurs über das Verhältnis von Religion und Entwicklung dadurch erschwert wird, das beide Begriffe problematisch sind. Zudem gibt es eine große Vielfalt von Religionen und Richtungen in den Religionsgemeinschaften. Der Autor bezieht dabei klar Position:

Die befreiungstheologischen Ansätze stellen ein kritisches Instrumentarium dar, das es erlaubt, sowohl die christliche Praxis und Theologie als auch den interreligiösen Dialog daraufhin zu befragen, ob sie der Befreiung, der Gerechtigkeit, dem Frieden und der Bewahrung der uns anvertrauten Erde dienen oder nicht ... Befreiungstheologisch beeinflusste Ansätze zu einer Theologie der Religionen verdienen es, unter entwicklungspolitischen Fragestellungen beachtet zu werden.

In weiteren Beiträgen des Heftes werden buddhistisch-islamische Konflikte in Asien analysiert und verpasste Chancen der christlich-muslimischen Entwicklungszusammenarbeit am Beispiel Ugandas dargestellt. In zwei gegensätzlichen Beiträgen wird schließlich das Entwicklungsengagement evangelikaler Organisationen wie World Vision analysiert. Das Heft von "eins - Entwicklungspolitik Information Nord-Süd" bietet einen guten Einblick in die aktuelle Debatte über das Verhältnis von Religion und Entwicklungszusammenarbeit und ermöglicht es, eigene Positionen zu erarbeiten.

Das Heft ist erhältlich bei eins.

(Frank Kürschner-Pelkmann)

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