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aktuelles --- 16.05.2006 ---

Konflikte um Papierfabriken in Uruguay

Greenpeace-Protestaktion, ©Greenpeace/Valerie Rosenburg

Als sich die Teilnehmerinnen und Teilnehmer des EU-Lateinamerika-Gipfels am 12. Mai in Wien zum Gruppenfoto aufgestellt hatten, gab es eine Überraschung. Die argentinische Greenpeace-Aktivistin und Sambakönigen Evangelina Carroza nutzte in Sambakleidung die vielen Kameras, um gegen den Bau von zwei Zellstofffabriken in Uruguay zu protestieren. Die Aktion sicherte dem Protest weltweite Beachtung. Und diese Beachtung verdient der Konflikt, denn die geplanten Fabriken werden gravierende ökologische Folgen in Uruguay selbst und im Nachbarland Argentinien haben.

Schon seit Ende letzten Jahres wird eine Straßenbrücke über den Fluss Uruguay blockiert, eine der Hauptverbindungen zwischen Uruguay und Argentinien. Die Demonstranten erklären: „Nein zu den Papiermühlen, ja zum Leben!“ Vor allem Einwohner des argentinischen Urlaubsortes Gualeguaychú und umliegender Gemeinden fürchten um ihre Gesundheit und ihre wirtschaftliche Zukunft, wenn jenseits der Grenze zwei große Zellstofffabriken ihre Produktion aufnehmen. Im April 2005 kam es zu einer Großdemonstration an der Grenzbrücke. Auch die argentinische Regierung hat das Nachbarland mehrfach aufgefordert, den Umweltbedenken Rechnung zu tragen und vor einem Bau unabhängige Umweltstudien durchführen zu lassen.

Von der Ablehnung des Projektes im Nachbarland hat sich die Regierung Uruguays allerdings nicht beeindruckt gezeigt, sondern hat das Projekt weiterverfolgt. Der finnische Botnia-Konzern und der spanische Ence-Konzern wollen insgesamt 1,8 Milliarden Dollar investieren (das entspricht 1/10 des Bruttosozialprodukts Uruguays), um zunächst 1,5 Millionen Tonnen Zellstoff zu produzieren, später soll die Menge verdoppelt werden. Zum größten Investitionsvorhaben in der Geschichte Uruguays trägt die Weltbank mit einem Kredit von 400 Millionen Dollar bei. Der Bau der Fabriken hat inzwischen begonnen. Greenpeace kritisiert, dass bei der Produktion die umweltzerstörende Methode der Chlorbleiche angewendet wird. Greenpeace-Umweltexpertin Paula Bufman sagte anlässlich der Aktion in Wien: „Sie wollen den dreckigen Teil der Produktion bei uns in Südamerika machen und den sauberen Teil in Europa.“

In der uruguayischen Stadt Fray Bentos finden die Fabrik-Vorhaben vehemente Unterstützung, denn hier sind durch die beiden Baumaßnahmen bereits Hunderte Arbeitsplätze entstanden, und nach Aufnahme der Produktion hoffen viele Einwohner der Stadt auf 600 relativ gut bezahlte Jobs. Die uruguayische Papierarbeitergewerkschaft rechnet außerdem mit mehreren tausend Jobs, die indirekt durch die beiden großen Fabriken entstehen. Nachdem vor mehr als zwei Jahrzehnten die großen Schlachtbetriebe schließen mussten und die Arbeitslosigkeit hoch ist, hoffen viele in Fray Bentos geradezu verzweifelt auf neue Jobs. Die Nachrichtenagentur "Inter Press Service" (IPS) zitierte im Februar 2006 einen derjenigen, die dringend auf Arbeit hoffen so: „Ich würde eher in 20 Jahren an Umweltproblemen sterben als heute an Hunger als Folge fehlender Arbeit.“ Das Argument neuer Jobs überzeugt in Fray Bentos viele, und die Greenpeace-Aktionen zur Blockade der Anlieferung von Bauteilen findet hier - im Gegensatz zur argentinischen Seite des Flusses - wenig Unterstützung. Dort findet das finnische Unternehmen mit seinen Zusagen Gehör, von der Produktion gingen keine Umweltschäden aus. Die uruguayische Guayubira- Umweltschutzorganisation rechnet allerdings vor, dass mehr als 1.000 Arbeitsplätze im Tourismussektor der Region gefährdet sind durch die Umweltgefahren, die von den Zellstofffabriken ausgehen.

In Uruguay kommen weitere Umweltgefahren hinzu. Sie gehen nicht nur von den Fabriken aus, sondern auch von den Eukalyptusplantagen, die seit den 1980er Jahren angelegt wurden, um die Grundlage für eine Zellstoffindustrie zu schaffen. Bereits 7.000 Quadratkilometer sind mit diesen rasch wachsenden Bäumen bedeckt, die allerdings einen extrem hohen Wasserbedarf haben und dem Boden sehr viel Nährstoffe entziehen. Nur so erklärt sich, dass die Bäume bereits nach 12 Jahren gefällt und in Zellstoff verwandelt werden können. In Uruguay und vielen anderen Ländern der Welt stellen die Eukalyptusplantagen eine ernste Bedrohung für die Wasserressourcen und die Bodenqualität dar.

Wie brisant diese Probleme inzwischen in Lateinamerika sind, zeigte sich Anfang März in Barra de Ribeiro südlich der brasilianischen Großstadt Porto Alegre. Etwa 2.000 Frauen aus Bauernfamilien besetzten die Eukalyptusplantage eines großen brasilianischen Zellstoff- und Papierkonzerns und stürmten eine Fabrik, um dagegen zu protestieren, dass immer mehr Land und Wasser für den Anbau schnell wachsender Bäume für die Papierindustrie eingesetzt wird. Viele landwirtschaftliche Kleinbetriebe verlieren in diesem Prozess ihre Existenzgrundlage, weil das Land in den Händen einiger Agro-Industrieller konzentriert wird und ganze Regionen unter der enormen Umweltzerstörung leiden, vor allem einer Vernichtung der Wasserressourcen. Die Kritikerinnen nennen die Eukalyptusplantagen eine "grüne Wüste" und verweisen darauf, dass ein einziger Baum 30 Liter Wasser am Tag benötigt. Die protestierenden Frauen erklärten: „Die ‘grünen Wüsten’ dringen in Gebiete vor, die für die Landreform vorgesehen werden sollten, und sie sind Symbole für ein Agro-Business, das Profite für wenige bringt, aber Verluste für die Gesellschaft als Ganze.“

Der Konflikt um die uruguayischen Zellstofffabriken ist in den letzten Monaten weiter eskaliert. Die argentinische Regierung hat angekündigt, das Nachbarland vor dem Internationalen Gerichtshof in Den Haag zu verklagen. Die Regierung Uruguays ihrerseits will Schadenersatz von Argentinien einklagen, weil die Brückenblockade die Wirtschaft und vor allem den Tourismussektor erheblich trifft. Der Konflikt zeigt exemplarisch, wie Länder angesichts einer gnadenlosen Konkurrenz um Investitionen so stark unter Druck stehen, dass sie Umweltfragen hintanstellen, wenn die Hoffnung auf Wirtschaftswachstum und Arbeitsplätze besteht. Das erste Opfer dieser Form der Globalisierung ist die Umwelt, aber auch die Auswirkungen auf die Menschen sind unübersehbar. Die Proteste gegen die Fabriken zeigen, dass immer mehr Menschen erkennen, dass eine solche "Entwicklung" in eine lebensbedrohende Krise führt.

(Frank Kürschner-Pelkmann)

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