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aktuelles --- 22.07.2006 ---

Neues Weltkulturerbe: Bewässerungssysteme in Oman

Sandsturm über Oman, Foto: NASA

Das Sultanat Oman gehört zu den trockensten Regionen der Welt. Um hier dennoch ausreichend Wasser für Menschen und Landwirtschaft zur Verfügung zu haben, wurden bereits vor etwa 4.500 Jahren die ersten Bewässerungssysteme gebaut. Vor etwa 2.500 Jahren entstanden technisch anspruchsvolle aflaj-Bewässerungssysteme. Aflaj (Singular falaj) bedeutet im klassischen Arabisch das Aufteilen in Anteile sowie besonders das gerechte Teilen knapper Ressourcen wie Wasser. Und in der Tat ist dieses Teilen die Grundlage eines komplexen Versorgungssystems, das über Jahrtausende nicht in schriftlicher Form festgehalten, aber als traditionelles Recht von einer Generation zur nächsten weitergegeben wurde. Grundlage sind die gegenseitige Abhängigkeit und gemeinsame Werte der örtlichen Bevölkerung.

Von den ursprünglich 4.000 Wassersystemen sind heute noch über 3.000 voll funktionsfähig und versorgen große Teile der ländlichen Bevölkerung und der Landwirtschaft Omans mit Wasser. Ein falaj kann 40 Liter Wasser pro Sekunde liefern und damit den Bedarf von etwa 1.000 Menschen einschließlich der von ihnen betriebenen Landwirtschaft decken. Größere Ortschaften werden durch bis zu 16 aflaj versorgt. Die heute noch bestehenden aflaj bilden eines der größten Bewässerungssysteme der Welt und haben die Besiedlung Omans und seine wirtschaftliche und kulturelle Entwicklung erst ermöglicht. 2006 hat die UNESCO fünf dieser Bewässerungssysteme in das Weltkulturerbe aufgenommen.

Die Bewässerungssysteme in Oman entstanden vor Jahrtausenden und funktionieren auch heute noch, Copyright des Fotos: UNESCO

Grundlage für die Wasserversorgung sind wadi (Flüsse, die nur zeitweise Wasser führen), Quellen und unterirdische Wasservorräte, die durch bis zu 60 Meter tiefe Brunnen erschlossen werden. Das Wasser wird unter Ausnutzung des natürlichen Gefälles durch bis zu 14,8 Kilometer lange Tunnel zu der Ortschaft geleitet, in der es genutzt werden soll. In den Orten selbst wird es oft oberirdisch verteilt. Wegen der unregelmäßigen Wassermenge, die besonders mit den wadi gewonnen werden konnte, wurden Wasserspeicher angelegt, um möglichst eine ganzjährige Versorgung zu sichern.

In den einzelnen Orten gibt es ein seit Jahrtausenden bewährtes System der Wassernutzung und -verteilung. Die Familie haben traditionelle Ansprüche darauf, dass für eine festgelegte Zeit Wasser zu ihrem Haus sowie in ihre Gärten und Felder geleitet wird. Dieser Anspruch kann von eineinhalb Minuten bis zu 12 Stunden pro Woche reichen. Die Menge richtet sich vor allem nach der Größe der Felder und nach dem Anteil, den eine Familie ursprünglich an den Bauarbeiten für das Versorgungssystem geleistet hat. Tagsüber wurde die Zeit der Wasserzufuhr früher mit einer Sonnenuhr gemessen. Nachts orientierte man sich am Lauf der Sterne, ein Beispiel für die profunden astronomischen Kenntnisse, die es in diesem Teil der Welt schon in der Antike gab. Heute nutzt man für diesen Zweck moderne Uhren.

Ein Teil des ankommenden Wassers ist für die Moschee reserviert, um es den Gläubigen zu gestatten, sich vor dem Moscheebesuch zu reinigen. Ein weiterer Teil des Wassers wird bei Wasserauktionen verkauft, was es Familien ermöglicht, über ihr Kontingent hinaus Wasser zu beschaffen.

Grundprinzip der Wasserverteilung ist es, dass zuerst der Wasserbedarf der Menschen gedeckt wird, bevor Wasser für landwirtschaftliche Zwecke verwendet werden kann. Und auch bei der landwirtschaftlichen Nutzung gibt es ein wohl überlegtes Prioritätensystem. Zunächst werden langlebige Pflanzen wie Dattelpalmen mit Wasser versorgt, weil ihr Verlust eine anhaltende Katastrophe bedeuten würde, dann erst kommen Felder mit Getreide, Tomaten und anderen einjährigen Pflanzen an die Reihe. Bei Dürren ist also dafür gesorgt, dass sowohl die Menschen als auch die für das längerfristige Überleben wichtigen Pflanzen bevorzugt versorgt werden.

Das System des Wasser-Teilens ist fest in der Kultur Omans verwurzelt. Damit alle zu ihrem Recht kommen und die Tunnel und übrigen Anlagen ausreichend gewartet werden, wählen die Nutzer eines Wassersystems einen Verantwortlichen für die Versorgung, den Wakil, der dann vom lokale Sheikh in sein Amt eingesetzt wird. Zusammen mit seinen Untergebenen überwacht der Wakil u.a. die Einhaltung der Zeiten, zu denen die einzelnen Familien Wasser auf ihre Grundstücke und Felder leiten dürfen und nutzt die Einnahmen aus den Wasserversteigerungen sowie Zahlungen der beteiligten Familien für Wartungs- und Reparaturarbeiten. Diese Arbeiten wurden früher allein von den Nutzergemeinschaften getragen, inzwischen erhalten sie für größere Arbeiten Regierungsgelder.

Die UNESCO-Fachleute waren davon beeindruckt, dass Technologien und Kanalsysteme, die vor über 2.000 Jahren entstanden, noch immer voll funktionsfähig sind. Auch haben sich die Regelungen zur Verteilung des Wassers und zur Erhaltung der Systeme über viele Jahrhunderte bewährt und sorgen noch heute dafür, dass alle ausreichend Wasser erhalten. Die fünf als Weltkulturerbe ausgewählten aflaj sind besonders gut erhaltene Beispiele für diese Wasser-Kultur in Oman. Gefährdet ist dieses Kulturerbe durch den wachsenden Wasserbedarf, der zu einem Absinken der Grundwasserspiegel führt, sowie durch die Auswirkungen des globalen Klimawandels auf Oman. Die durchschnittlichen Niederschläge haben in den letzten zehn Jahren abgenommen, und wenn es regnet, dann oft so heftig, dass selbst die seit Jahrtausenden bestehenden Bewässerungssysteme beschädigt werden. Aber noch funktionieren die aflaj und sind ein einzigartiges Beispiel dafür, wie Menschen Wasser so teilen können, dass niemand einen Überfluss hat, während andere verdursten.

Weitere Informationen (u.a. einen ausführlichen Evaluierungsbericht) finden Sie auf der Website der UNESCO unter:http://whc.unesco.org/en/list/1207.

(Frank Kürschner-Pelkmann)

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