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aktuelles --- 06.08.2006 ---

Indien: Pestizide in Coca-Cola und Pepsi

„Pestizid-Cocktail in Coke, Pepsi-Marken, besagt Studie“. So lautete am 2. August 2006 eine Überschrift in der indischen Tageszeitung Hindustan Times. Die Zeitung berichtete, dass die Softdrinks der indischen Tochterunternehmen der beiden US-amerikanischen Getränkekonzerne Coca-Cola und PepsiCo große Mengen Pestizide enthalten. Zu diesem Ergebnis ist das Centre for Science and Environment (CSE) in einer wissenschaftlichen Untersuchung gekommen. Das CSE ist eine unabhängige Organisation, die sich seit 1980 für die öffentliche Bewusstseinsbildung zu Fragen der Wissenschaft, Technologie und Umwelt engagiert.

Titelseite der Zeitschrift Down to Earth

Im „Pollution Monitoring Laboratory“ des CSE wurden 57 Proben von 11 Softdrink-Marken untersucht, die in 25 verschiedenen Fabriken in 17 Bundesstaaten abgefüllt worden waren. In allen Proben wurden nach CSE-Angaben 3 - 5 Pestizide nachgewiesen. Die verabschiedeten, aber noch nicht in Kraft gesetzten BIS-Grenzwerte der indischen Regierung (siehe unten) wurden im Durchschnitt um das 24fache überschritten, berichtet das CSE. Pepsi habe diese Grenzwerte sogar um das 30fache überschritten. Eine in Kalkutta gekaufte Flasche Coca-Cola habe die 140fache Menge der zugelassenen BIS-Grenzwerte des besonders schädlichen Lindan enthalten. 71% aller Proben enthielten Heptachlor, ein in Indien verbotenes Pestizid. Die Ergebnisse wurden in einem ausführlichen Beitrag in der August-Ausgabe der indischen Umweltzeitschrift „Down to Earth“ veröffentlicht.

Die Vereinigung der indischen Softdrink-Produzenten erklärte nach der Veröffentlichung der Studie umgehend: „Softdrinks sind absolut sicher.“ Der Industrieverband erklärte weiter: „Die Sicherheit der Verbraucher ist von allergrößter Bedeutung für uns. Die Softdrinks, die in indischen Unternehmen produziert werden, halten die höchsten internationalen Normen und die anzuwendenden nationalen Bestimmungen ein.“ Demgegenüber erklärt Amit Srivastava vom India Resource Centre, einer international aktiven Organisation für Anliegen der indischen Bevölkerung: „Es ist die Verantwortung von Coca-Cola und PepsiCo, sichere Produkte in Indien anzubieten, und sie kommen dem nicht nach, obwohl sie vor drei Jahren über die Giftigkeit ihrer Produkte informiert wurden.“

Das CSE hatte bereits 2003 Softdrinks auf Pestizidrückstände untersuchen lassen. Das Ergebnis war damals, dass die Softdrinks von Coca-Cola und PepsiCo hohe Pestizid-Belastungen aufwiesen. Beide Konzerne bestritten dies und stellten die Behauptung auf, die Vorwürfe beruhten auf unzureichenden Untersuchungsmethoden des beauftragten Labors - und mussten sich Anfang Februar 2004 von einer Untersuchungsausschuss des indischen Parlaments sagen lassen, dass die CSE-Untersuchungsergebnisse korrekt waren. Die Ergebnisse der staatlichen Untersuchungen wurden allerdings nie veröffentlicht, obwohl dies von Umwelt- und Verbraucherschutzorganisationen gefordert worden ist. Immerhin heißt es im Bericht des Parlamentsausschusses: „Der Ausschuss bringt seine Wertschätzung dafür zum Ausdruck, dass das CSE die Alarmglocke geschlagen und die Nation auf ein Problem aufmerksam gemacht hat, das große Auswirkungen auf die Sicherheit von Nahrungsmitteln, die Formulierung von Rahmenbestimmungen für die Regulierungspolitik und für die Gesundheit der Menschen und der Umwelt hat.“ Die Kommission forderte die indische Regierung auf, höhere Sicherheitsstandards für Softdrinks zu verabschieden. Im Restaurant des indischen Parlaments wird seither weder Coca-Cola noch Pepsi verkauft, ein Boykott, dem sich zum Beispiel auch Einrichtungen der indischen Armee angeschlossen haben.

Was in den folgenden zweieinhalb Jahren geschah, lässt sich nur aus den Kompetenzstreitigkeiten indischer Ministerien, der Tendenz, Probleme in immer neue Ausschüsse und Unterausschüsse zu verlagern, und einem dadurch sehr langen Entscheidungsprozess erklären. Aber es spricht auch vieles dafür, dass die Einflussnahme der Softdrink-Branche dazu beitrug, dass erst durch die Veröffentlichung der neuen CSE-Studie wieder Bewegung in die Debatte über Grenzwerte für Schadstoffrückstände in Softdrinks kam.

Dabei hatte ein Ausschuss des Bureau of Indian Standards (BIS) nach mehr als 20 Sitzungen Grenzwerte für den maximalen Schadstoffgehalt von Softdrinks erarbeitet, die in vielen Punkten den EU-Bestimmungen ähneln. Das BIS ist die oberste Regierungseinrichtung für die Festlegung von Standards und Grenzwerten für indische Produkte. Zur entscheidenden Sitzung im März 2006 traf ein Brief des Gesundheits- und Familienministeriums ein, in dem weitere Untersuchungen gefordert wurden, bevor Grenzwerte festgesetzt werden könnten. Ausschüsse und Unterausschüsse dieses Ministeriums hatten sich in den zurückliegenden Jahren ebenfalls (unter aktiver Mitwirkung von Vertretern der Softdrink-Branche) mit der Frage von Grenzwerten für Pestizidbelastungen von Softdrinks befasst, allerdings ohne ein konkretes Ergebnis. Zwar wurden auf der Sitzung des BIS-Ausschusses die Grenzwerte verabschiedet, aber danach verzögerte die zuständige Behörde die offizielle Veröffentlichung und Inkraftsetzung der Grenzwerte immer wieder, sodass sie bis heute nicht rechtskräftig sind.

Das machen sich jetzt die Softdrink-Produzenten zunutze, indem sie die noch nicht rechtskräftigen Bestimmungen ignorieren und behaupten, alle gesetzlichen Grenzwerte würden eingehalten. Der amerikanische Brancheninformationsdienst Food Production Daily berichtete am 3. August 2006, dass eine „fortdauernde Debatte und Lobbyarbeit dazu geführt hat, dass sie (die Normen) bisher nicht umgesetzt wurden“. Die Vereinigung der indischen Softdrink-Produzenten teilte ihrerseits mit, sie habe in den letzten drei Jahren mit dem Gesundheitsministerium, Wissenschaftlern und Nichtregierungsorganisationen zusammengearbeitet, um auf wissenschaftlicher Basis Normen festzusetzen.

Solche clevere Lobbyarbeit schützt Coca-Cola und PepsiCo vorerst vor rechtlichen Konsequenzen aus den verheerenden CSE-Untersuchungsergebnissen. Aber der Schutz wird vermutlich nicht von Dauer sein. Am 4. August 2006 forderte das Oberste Gericht Indiens die beiden Konzerne auf, binnen vier Wochen mitzuteilen, welche Zutaten und chemischen Komponenten in ihren Flaschen enthalten sind. Hintergrund ist eine Petition des „Centre for Public Interest Litigations“ zu den Schadstoffbelastungen in Softdrinks an das Gericht.

Auch im indischen Parlament wird heftig über die Pestizid-Belastung der Softdrinks debattiert. Am 3. August 2006 forderten Oppositionsabgeordnete ein Verbot der Cola-Getränke in ganz Indien und bekräftigten diese Forderungen dadurch, dass sie demonstrativ den Plenarsaal verließen. In der Hauptstadt Delhi sollen die Schulen von der zuständigen Bildungsbehörde aufgefordert werden, keine Cola-Getränke mehr zu verkaufen. In Rajasthan wurde bereits der Verkauf von Cola-Getränken in Bildungseinrichtungen untersagt. Im Bundesstaat Punjab wurden als erster Schritt die Softdrinks aus der Parlamentskantine verbannt. Es ist zu erwarten, dass weitere regionale Parlamente und Institutionen ähnliche Schritte ergreifen werden.

Besonders Coca-Cola steht seit Jahren in Indien in der Kritik. So löste es landesweite Proteste aus, dass der Coca-Cola-Abfüllbetrieb in Plachimada im südindischen Bundesstaat Kerala mit Tiefbrunnen so viel Wasser förderte, dass die Brunnen der Bauernfamilien in den benachbarten Dörfern trocken fielen. Ähnliche Vorwürfe gibt es auch in der Umgebung anderer Abfüllbetriebe. Der Boom von Flaschenwasser und Softdrinks in Indien wirft für den Produzenten immer größere Schwierigkeiten auf, in dem in vielen Regionen unter Wasserknappheit leidenden Land ausreichend Wasser zum Füllen und zum Reinigen der Flaschen zu beschaffen. Hinzu kommt die starke Schadstoffbelastung vieler Grundwasserquellen. Auch der verwendete Zucker (immerhin etwa 10% des Volumens der Softdrinks) kann mit Pestiziden belastet sein. Das veranlasst die Softdrink-Produzenten in Indien, die Verantwortung für eventuelle Pestizide in den Getränken dem verwendeten indischen Zucker anzulasten, aber den Beweis dafür sind sie nach Auffassung von Kritikern bisher schuldig geblieben. Auch wird der Vorschlag der Branche nicht akzeptiert, nur für Ausgangsprodukte wie Zucker Grenzwerte einzuführen und nicht für Fertigprodukte wie Softdrinks. Es gibt auch in Indien bereits viele solcher Standards für Fertigprodukte, und es ist allzu offenkundig, dass die Softdrink-Branche von der hohen Pestizidbelastung in ihren Getränken ablenken will.

Die Softdrink-Hersteller stehen weiter in der Kritik, und die trifft besonders Coca-Cola und PepsiCo, die zusammen etwa 90% des indischen Softdrinkmarktes beherrschen. Kalkuttas Umweltminister Mohanta Chatterjee kündigte angesichts der öffentlichen Proteste an: „Wir werden in unseren Labors eine Studie durchführen, und wenn wir irgendeine schädliche Substanz in den Proben finden, werden wir handeln.“

(Frank Kürschner-Pelkmann)

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