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aktuelles --- 20.08.2006 ---

„Die Bedrohung durch den Tourismus“

Auf den Malediven sind 83% aller Berufstätigen im Tourismus beschäftigt, hat die World Tourism Organisation berechnet. Aber was auf den ersten Blick als Beweis für die positiven Effekte des Tourismus auf wirtschaftlich arme Länder erscheinen könnte, erweist sich bei genauerer Betrachtung als Beispiel dafür, dass die lokale Bevölkerung beim internationalen Tourismusgeschäft oft bitterarm bleibt. Denn fast die Hälfte der Bewohnerinnen und Bewohner der Malediven müssen mit umgerechnet 1,17 Dollar am Tag oder weniger auskommen. Diese und viele andere Fakten haben den neuseeländischen Theologen Ron O'Grady veranlasst, seinem neuen Buch den Titel „The Threat of Tourism“ zu geben, die Bedrohung durch den Tourismus. O'Grady hat sich viele Jahre dafür engagiert, grobe Missstände im internationalen Tourismus und vor allem im Ferntourismus in ärmere Länder Afrikas, Asiens und Lateinamerikas zu überwinden und zieht nun Bilanz. In dem vom Ökumenischen Rat der Kirchen herausgegeben Buch bemüht O'Grady sich, positive Veränderungen der letzten Jahrzehnte hervorzuheben, aber die Fakten über weiterhin bestehende Missstände bleiben erschreckend und nicht selten auch erschütternd. O'Grady stellt in seinem Buch die Perspektive der Menschen in das Zentrum, die durch den Massentourismus benachteiligt und ausgebeutet werden.

Der Tourismussektor ist mit einem Jahresumsatz von etwa 500 Milliarden Dollar zum größten kommerziellen Wirtschaftszweig geworden. 11% des weltweiten Bruttosozialprodukts werden hier erwirtschaftet. Gab es 1950 erst 25 Millionen internationale Touristen, so stieg diese Zahl bis zum Jahr 2000 auf 689 Millionen und für 2020 werden es nach Prognosen der Welttourismusorganisation 1,6 Milliarden sein. Zu diesem Boom tragen immer größere Flugzeuge und Kreuzfahrtschiffe entscheidend bei. O'Grady schreibt nach der Darstellung einiger Beispiele für die negativen Auswirkungen der Touristeninvasion: „An vielen Orten ist die Rolle, die der Tourismus spielt, in großem Maße eine Konsequenz der großen Zahl der beteiligten Menschen.“

Diese große Zahl hat nicht nur in den einzelnen Urlaubsorten, sondern auch für die globale Umwelt verheerend negative Auswirkungen. Mehr als 60% aller internationalen Flugreisenden sind Menschen auf dem Weg in den Urlaub. Die negativen Auswirkungen der Millionen Flüge auf die Erdatmosphäre sind bekannt. Aber zum Beispiel auch die Erwartung der Touristen, in klimatisierten Bussen durch tropische Länder chauffiert zu werden, wirken sich negativ auf die Ökobilanz des Ferntourismus aus. O'Grady setzt sich auf diesem Hintergrund auch kritisch mit dem Label „Öko-Tourismus“ auseinander, mit dem sich viele Veranstalter schmücken. Es gibt keine international verbindlichen Maßstäbe, die einzuhalten sind, um einem solchen Anspruch gerecht zu werden.

Auch wenn es einige Beispiele für nachhaltige Formen des Tourismus gibt, so O'Grady, bleibt der weitaus größte Teil der Urlaubsangebote weit von diesem Ziel entfernt. Er gibt in seinem Buch erschreckende Beispiele dafür, wie durch den Tourismus intakte Öko-Systeme für immer vernichtet werden. Die Zerstörung von Korallenriffs, die Nutzung der raren Bäume im Himalaja als Brennholz für Lagerfeuer und die rücksichtslose Einleitung von Ölrückständen und Abwässern durch Kreuzfahrtschiffe in die Weltmeere sind nur einige von vielen Beispielen hierfür.

Nach Jahrzehnten der Beschäftigung mit dem Tourismus und seinen Folgen kommt Ron O'Grady auch im Blick auf soziale Folgen dieser neuen Völkerwanderung zu einer ernüchternden Bilanz. Besonders negativ betroffen sind indigene Völker, die sich ohnehin in einem schwierigen Übergangsprozess vom traditionellen Leben zum Leben in modernen Gesellschaften befinden, mit denen sie erst seit kurzer Zeit intensiver in Verbindung stehen. „Wenn Touristen an solche Orte kommen, bringen sie andere, für die dortigen Menschen neue Verhaltensweisen und Normen mit, die sowohl attraktiv als auch abstoßend wirken. Je größer die Zahl der Touristen ist, desto größer wird der Druck, sich zu ändern“, schreibt O'Grady. Besonders junge Leute würden dann die bisherige Lebensweise aufgeben und die Normen und Gewohnheiten der Alten ablehnen. Außerdem sei zu beobachten, dass die "exotischeren" Aspekte der jeweiligen Kultur den Bedürfnissen des Tourismus angepasst würden, was zum Beispiel zur Folge hat, dass Zeremonien, die früher mehrere Stunden währten, jetzt für die Touristen auf 10 bis 15 Minuten verkürzt werden. Noch wesentlich erschreckender sind die sozialen Folgen des Sextourismus und besonders der Kinderprostitution. Peinlich ist, wie Tourismusunternehmen mit massiven Menschenrechtsverletzungen in Ländern wie Burma (Myanmar) umgehen.

Meist haben die Menschen in den Zielländern des Ferntourismus bei all diesen negativen Auswirkungen nicht einmal ökonomisch große Vorteile. Der Autor des Buches verweist darauf, dass die UN-Organisation UNCTAD berechnet hat, dass von jeweils 100 Dollar, die ein Urlauber für eine Reise in ein wirtschaftlich armes Land zahlt, manchmal nur etwa 5 Dollar in diesem Land bleiben. Hinzu komme, dass durch die Ankunft der reichen Touristen die Preise steigen und die ärmere Bevölkerung noch mehr Probleme im Überlebenskampf hat. Auch ein „Öko-Tourismus“-Anspruch macht, so O'Grady, oft keinen Unterschied bei den ökonomischen Effekten im Lande. Deshalb sei es wichtig, Druck auf die Unternehmen auszuüben, die den internationalen Tourismus betreiben, damit mehr einheimisches Personal ausgebildet und mehr einheimische Produkte verwendet werden.

Logo der Ecumenical Coalition on Tourism

O'Grady verweist darauf, dass einige Kirchen im Norden und im Süden wesentlich zur Bewusstseinsbildung über die Problemen des Massentourismus beigetragen haben. Erwähnt wird in diesem Zusammenhang u.a. die Ecumenical Coalition on Tourism, die seit einem Vierteljahrhundert Probleme des internationalen Tourismus analysiert und das Gespräch auch mit den großen internationalen Tourismuskonzernen sucht. Als ein weiteres Beispiel für das kirchliche Engagement erwähnt Ron O'Grady Tourism Watch in Deutschland.

O'Grady zitiert aus ethischen Kodizes für Tourismus und stellt dann fest: „Touristinnen und Touristen müssen für sich selbst herausfinden, wie sie in bestimmten Situationen, denen sie begegnen, reagieren, und wir können nicht alle denkbaren Situationen vorhersehen. Aber wenn wir mit einer Haltung des Respekts vor den Menschen und der Umwelt reisen und zusätzlich die ökonomischen und sozialen Rechte der Menschen anerkennen, die wir besuchen, sind wir in der Lage, die meisten kritischen Situationen zu bestehen, die auftauchen könnten. Das ist es, war wir unter verantwortungsbewussten Touristinnen und Touristen verstehen.“ Und allen, die sich auf die Reise machen, wünscht Ron O'Grady: „Mögen Sie interessante Menschen treffen, mögen Sie überwältigt werden von der Schönheit und Vielfalt unserer Welt, mögen Sie durch ihre Reise zur Bereicherung der Gastgeber beitragen und mögen Sie als bessere Menschen zurückkehren.“

Ron O'Grady: The Threat of Tourism, Challenge to the Church, World Council of Churches, Genf 2006, 97 Seiten, Bezug: Ökumenischer Rat der Kirchen

(Frank Kürschner-Pelkmann)

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