zur Startseite Frank Kürschner-Pelkmann

Kontakt und Impressum 


aktuelles --- 28.08.2006 ---

Lin zur Online-Ausgabe der Süddeutschen Zeitung.

Wasserkonferenz in Stockholm

Das durstige Drittel

(Der nachfolgende Beitrag ist am 22.8.2006 in der Süddeutschen Zeitung erschienen.)

Die schlimmsten Prognosen wurden übertroffen: Schon heute leiden mehr als 30 Prozent der Weltbevölkerung unter Wassermangel. Damit war eigentlich erst in 20 Jahren gerechnet worden. Wissenschaftler fordern ein radikales Umdenken in der Landwirtschaftspolitik.

Das Wasser wird knapper und knapper: Schon über 30 Prozent der Weltbevölkerung leiden laut einer neuen Studie unter dem Mangel.

Wasser rinnt in Deutschland einfach aus dem Wasserhahn - in Trinkwasserqualität. Aus Sicht eines Drittels der Weltbevölkerung ein unermesslicher Luxus: Denn bereits heute leiden etwa 30 Prozent aller Menschen unter Wasserknappheit.

Der überlebenswichtige Rohstoff fehlt vielerorts, ob als Trinkwasser oder zur Bewässerung von Feldern. So ließen sich die wichtigsten Ergebnisse der Studie „Umfassende Einschätzung des Wassermanagements der Welt“ zusammenfassen, die nun auf der Internationalen Wasserwoche in Stockholm vorgestellt wird.

Die Untersuchung wird wohl die Fachkonferenz prägen, zu der in dieser Woche mehr als 1500 Experten zusammenkommen. Denn schon im Vorfeld der Konferenz waren sich viele Wissenschaftler einig: Ein Umdenken in der Wasser- und Landwirtschaftspolitik ist zwingend erforderlich.

Bittere Prognose ist früher Realität, als erwartet

Die Wasserknappheit, von der so viele Menschen betroffen sind, schlägt auch düstere Prognosen: 2000 seien selbst Pessimisten noch davon ausgegangen, dass erst im Jahr 2025 ein Drittel der Menschheit unter Wassermangel leiden würde, sagt Frank Rijsberman.

Nun sei die bittere Prognose 20 Jahre früher Realität geworden, sagt der Direktor des Internationalen Wassermanagement Instituts in Colombo, Sri Lanka, und Mitautor der in Stockholm vorgestellten Studie.

Herausgeber der Untersuchung sind die „Konsultationsgruppe zur internationalen Agrarforschung“ - ein Zusammenschluss von 15 internationalen Forschungsinstituten - sowie die UN-Welternährungsorganisation FAO und zwei internationale Umweltschutzorganisationen. 700 Wissenschaftler haben dazu in den vergangenen fünf Jahren Daten zusammengetragen.

Demnach leben die Menschen, die an Wassermangel leiden, entweder in Gebieten, in denen Wasservorräte zu intensiv verbraucht werden und der Grundwasserspiegel dadurch absinkt, oder in Gegenden, in denen es keinen Zugang zu Trinkwasser gibt, weil Infrastruktur fehlt.

Verlässlicher Zugang zu sicherem und billigem Wasser sei jedoch der wichtigste Faktor, um Armut vor allem der Landbevölkerung zu bekämpfen, so die Studie. Dabei müsse allerdings Balance gehalten werden: Steige der Verbrauch, etwa durch Bewässerung im Ackerbau, könnten die Grundwasserspiegel fallen und landwirtschaftliche Flächen dadurch veröden - steigende Armut wäre die Folge.

Mit den Problemen allein gelassen

Ein Dilemma, für das die Wissenschaftler in der Studie jedoch einen Ausweg skizzieren: Die Bedeutung des Regenfeldbaus für die Ernährungssicherung der 840 Millionen Menschen, die in den ländlichen Gebieten im Süden der Welt in tiefer Armut leben, sei bislang unterbewertet worden.

Die meisten unterernährten Menschen gehören Kleinbauernfamilien an, die mühsam von den Erträgen ihrer Felder leben. Sie sind weitestgehend vom Regenfeldbau abhängig, also vor allem davon, dass es ausreichend und zur richtigen Jahreszeit regnet.

Diese Betriebe sind in den vergangenen Jahrzehnten oft mit ihren Problemen allein gelassen worden, während Regierungen und viele internationale Entwicklungsorganisationen vor allem die ertragreichere Bewässerungslandwirtschaft gefördert haben.

Die meisten unterernährten Menschen gehören Kleinbauernfamilien an. Sie sind davon abhängig, dass es ausreichend und zur richtigen Jahreszeit regnet.

Doch hier lasse sich am ehesten die Effektivität erhöhen. „Wir müssen mehr Ertrag aus jedem Tropfen Wasser pressen“, sagt Studienleiter David Molden. Denn die Investitionskosten zur Verbesserung des Regenfeldbaus „sind in der Regel niedriger als diejenigen für die großflächige Bewässerungslandwirtschaft“, heißt es in der Studie.

Es sei etwa denkbar, Regenwasser systematisch aufzufangen und das Risiko von Missernten durch lange Dürreperioden so deutlich zu vermindern. Auch könne vermehrt Brauchwasser gereinigt und zur ergänzenden Bewässerung genutzt werden. Positiv wirke sich aus, dass der Regenfeldbau dem Land kein Wasser entziehe.

In manchen Ländern, wird in der Studie ausgeführt, habe die Bewässerungslandwirtschaft zu hohen Erträgen, steigendem Einkommen der Bauernfamilien und sinkenden Nahrungsmittelpreisen für die städtische Bevölkerung geführt.

Keine Patentrezepte

Allein in Asien hat sich die bewässerte Landwirtschaftsfläche in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts verdreifacht und damit die Ernährungssituation ganz wesentlich verbessert. Doch vielerorts hätten große Bewässerungsprojekte zur Vertreibung ärmerer Bevölkerungsgruppen geführt, und inzwischen sind viele Systeme in einem maroden Zustand.

Doch pauschale Urteile vermeidet die Studie, Patentrezepte werden keine angeboten. So wird zwar für eine stärkere Förderung des Regenfeldbaus plädiert, es werden aber auch dessen Risiken aufgezeigt. Etwa die, dass wegen der globalen Klimaveränderungen in vielen Weltregionen Zeitpunkt und Umfang von Niederschlägen immer unberechenbarer werden.

Auch die Bewässerungslandwirtschaft wird nicht insgesamt negativ bewertet. Aber es wird dafür plädiert, sich darauf zu konzentrieren, bestehende Systeme effizienter zu gestalten, statt immer neue Flächen zu bewässern: „Eine Hauptaufgabe besteht darin, die Bewässerungssysteme von gestern dem Bedarf von morgen anzupassen“, so die Forscher.

Die Studie präsentiert auch unangenehme Einsichten: Angesichts zunehmender Wasserknappheit gebe es keineswegs nur Situationen, in denen alle Beteiligten profitieren - obwohl diese gerade in der internationalen Debatte über landwirtschaftliche Wassernutzung immer wieder beschworen werden.

David Molden betont: „Es ist möglich, die Wasserknappheit zu vermindern, die Menschen besser zu ernähren und die Armut zu bekämpfen, aber der größte Zielkonflikt besteht dann in der Vereinbarkeit mit dem Umweltschutz.“

Gewinner und Verlierer

In den meisten Fällen werde es Gewinner und Verlierer geben. Dass diese Gefahr wächst, verrät ein Blick auf die Prognosen für den Wasserbedarf der Landwirtschaft: Aktuell liegt der weltweite Verbrauch bei 7200 Kubikkilometern Wasser pro Jahr. Bis 2050 rechnen die Wissenschaftler damit, dass der Verbrauch um 5000 Kubikkilometer jährlich steigen wird. Und das angesichts vielerorts sinkender Grundwasserspiegel und steigender Schadstoffbelastung von Gewässern.

Als wichtige Grundlagen zur Lösung dieser Probleme werden in der Studie unter anderem eine Erhöhung der Effizienz staatlicher Einrichtungen und gleichzeitig eine demokratische Mitwirkung aller Bevölkerungsgruppen an Debatten und Entscheidungen angesehen.

Zudem wird betont, dass erst eine Vielzahl aufeinander abgestimmter Maßnahmen die Aussicht eröffnet, Armut und Wasserknappheit zu überwinden. Dies im Detail dargelegt zu haben, ist Verdienst der Studie.

(Frank Kürschner-Pelkmann)

Aktuelle Nachrichten aktuelles-Archiv
Aktuelle Meldungen

wasser-und-mehr.de, Copyright © 2006-2010 Kürschner-Pelkmann