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aktuelles --- 29.10.2006 ---

Todeszonen im Ozean

Das UN-Umweltprogramm meldet 200 Gebiete ohne jedes Leben. Der nachfolgende Beitrag von Frank Kürschner-Pelkmann erschien in der Süddeutschen Zeitung vom 28.10.2006.

Foto: UNEP

Sie können bis zu 70.000 Quadratkilometer groß werden, die „toten Meereszonen“, in denen alle Lebewesen sterben, weil es an Sauerstoff mangelt. Nach Angaben des Umweltamtes der Vereinten Nationen UNEP ist die Zahl dieser unbelebten Gebiete in den Weltmeeren auf 200 gestiegen, 2004 waren es noch 149. Die Größe dieser Gebiete variiert zwischen einigen wenigen und einigen zehntausend Quadratkilometern. Manche Zonen bestehen das ganze Jahr, andere für jeweils einige Monate. Betroffen sind zahlreiche Meere von der Ostsee über das Schwarze Meer bis zum Pazifik vor der Küste Neuseelands.

Die Zunahme der toten Meereszonen hat verschiedene Gründe. Eine zentrale Rolle spielen die großen Mengen Stickstoff und Phosphat aus der Landwirtschaft, die über die Flüsse in die Meere und Ozeane gelangen. Wegen des intensiven Düngereinsatzes im Mittleren Westen der USA fließen große Menge Stickstoff in den Mississippi und seine Zuflüsse. Das Ergebnis ist, dass sich im nördlichen Teil des Golfs von Mexiko eine der weltweit größten toten Meereszonen gebildet hat.

Der Stickstoff fördert ein rasches Wachstum von Phytoplankton und Algen. Wenn sie sterben, sinken sie auf den Meeresboden. Um sie zersetzen, verbrauchen Bakterien so viel Sauerstoff, dass der Sauerstoffgehalt der Umgebung auf ein Minimum sinkt. Fische und andere Meerestiere gehen zugrunde. Dieser Prozess ist vor den Mündungsgebieten vieler großer Flüsse erforscht worden, zum Beispiel vor dem chinesischen Perlfluss und dem südamerikanischen Rio de la Plata. Auch können ungeklärte Abwässer den Sauerstoffmangel verursachen, indem sie das Algenwachstum fördern. Besonders in Afrika, Asien und Lateinamerika gelangen nach Analysen des UNEP 80 Prozent der Abwässer und mehr ungeklärt ins Meere. Auch Stickstoffverbindungen aus Industrie- und Autoabgasen in der Atmosphäre gelangen über Niederschläge in die Meere und fördern dort das Phytoplanktonwachstum.

Es gibt auch positive Entwicklungen. UNEP nennt als ein Beispiel, dass die Stickstoffbelastung des Rheins von 1985 bis 2000 um 37 Prozent vermindert werden konnte. Allerdings: Der Nordsee hat dies wenig geholfen, denn inzwischen stammt mehr als 90 Prozent der Stickstoff- und Phosphatanreicherung aus dem Atlantik, wo sie sich als Folge eines gedankenlosen Umgangs mit Düngemitteln in vielen Ländern sammeln. In dem gerade erschienen UNEP-Bericht „The State of the Marine Environment“ wird festgestellt: „Die Bemühungen um eine Verminderung der Phosphat- und Nitrateinleitungen an den Orten, wo diese Stoffe genutzt werden, waren in manchen Fällen recht erfolgreich. Den Bemühungen muss aber eine größere Priorität gegeben werden.“

Die Oregon State University hat inzwischen erste Forschungsergebnisse über die toten Meereszonen vor der Nordamerikanischen Pazifikküste veröffentlicht. In dieser Region gibt es sauerstoffarme Regionen seit 1992 tote Meereszonen. Wie sie entstehen, ist bislang unklar, da Stickstoff in diesem Fall als Ursache ausscheidet. Die Wissenschaftler sind nun zu dem Ergebnis gekommen, dass sich die Windrichtungen und somit auch die Meeresströmungen vor der Küste verändert haben, sodass jetzt große Mengen an nährstoffhaltigem, sauerstoffarmem Tiefseewasser in die flachen Küstengewässer gelangen. Als Folge wachsen dort große Mengen Phytoplankton, die über den bereits bekannten Mechanismus den Sauerstoffgehalt des Wassers weiter reduzieren. In diesem Sommer ergaben Messungen vor Oregon einen Sauerstoffgehalt von lediglich 0,5 bis 0,05 je Liter Meerwasser. Weite Uferregionen der Bundesstaaten Oregon und Washington waren mit verendeten Krabben übersät, ebenso wie der Meeresboden der toten Zonen. „Dies ist die schlimmste Situation, die wir jemals festgestellt haben“, erklärte der Meeresökologe Francis Chan.

Die Wissenschaftler der Oregon State University sind noch zurückhaltend, diese Entwicklung eindeutig Klimaveränderungen und damit verbundenen Änderungen der Strömungsverhältnisse im Pazifik zuzuordnen. Beunruhigend ist, dass das früher ungekannte Phänomen nun schon im fünften Jahr hintereinander auftritt. „Ehrlich gesagt wissen wir nicht, wo dies hinführen wird“, sagt der Meeresbiologe Jack Barth aus Oregon.

(Frank Kürschner-Pelkmann)

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