zur Startseite Frank Kürschner-Pelkmann

Kontakt und Impressum 


aktuelles --- 09.11.2006 ---

„Macht, Armut und die globale Wasserkrise“

Titelseite Bericht über die menschliche Entwicklung

Der „Bericht über die menschliche Entwicklung 2006“ hat den thematischen Schwerpunkt „Nicht nur eine Frage der Knappheit: Macht, Armut und die globale Wasserkrise“. Angesichts von 1,1 Milliarden Menschen ohne Zugang zu sauberem Wasser und 2,6 Milliarden Menschen ohne eine sanitäre Entsorgung analysiert der Bericht der UN-Entwicklungsorganisation UNDP nicht nur die katastrophale Situation und ihre Ursachen, sondern entwickelt auch zahlreiche konkrete Vorschläge, damit der Slogan „Wasser für alle“ endlich zur Realität wird.

Schon im einleitenden Überblickskapitel wird zum Problem der Knappheit klar Position bezogen:

Überall auf der Welt stellen sich Landwirtschaft und Industrie auf immer stärkere Einschränkungen bei der Wasserversorgung ein. Wassermangel ist ein weit verbreitetes Problem, doch nicht für alle ... Das Problem ist, dass manche Menschen - speziell die Armen - durch ihre Armut, ihre eingeschränkten gesetzlichen Rechte oder eine öffentliche Politik, die den Zugang zur Infrastruktur von Wasser zum Leben und von Wasser als Lebensgrundlage beschränkt, systematisch vom Zugriff auf Wasser ausgeschlossen werden. Kurzum, Wasserknappheit wird durch politische Prozesse und Institutionen verursacht, die die Armen benachteiligen.

Fragen der Armut und der Macht haben deshalb einen zentralen Platz in diesem UN-Bericht. Mit deutlichen Worten wird das Ignorieren der Auswirkungen der Wasserkrise auf die Armen verurteilt: „Doch jedes Jahr müssen 1,8 Millionen Kinder sterben, weil sie kein sauberes Wasser und keine ausreichende Sanitärversorgung haben ... Dennoch nimmt die Weltöffentlichkeit kaum von diesem Thema Notiz.“

Im UNDP-Bericht werden grundlegende Prinzipien der sozialen Gerechtigkeit eingefordert. Konkret bedeutet dies, dass alle Menschen gleiche Rechte auf Wasser haben sollen, dass ein Mindestbedarf von 20 Litern pro Tag für alle gedeckt werden muss, dass eine Chancengleichheit beim Zugang zu Wasser erreicht werden muss und Wasser gerecht verteilt werden soll. Ein wichtiger Schritt auf dem Weg zur Erreichung dieser Ziele ist die Anerkennung von Wasser als Menschenrecht. Ebenso gelte es, das Menschenrecht auf eine sanitäre Versorgung in den Verfassungen der einzelnen Länder und international zu verankern.

Der UNDP-Bericht lässt erkennen, dass es in den armen Ländern der Welt um die Abwasser- und Sanitärversorgung noch deutlich schlechter steht als um die Wasserversorgung. Nicht nur ist die Zahl der unversorgten Menschen wesentlich höher, sondern auch die Erfolge auf dem Weg, bis 2015 den Anteil der unversorgten Menschen an der Weltbevölkerung zu halbieren, sind bisher in vielen Ländern unzureichend. So wird im UNDP-Bericht geschätzt, dass Afrika südlich der Sahara dieses Ziel erst im Jahre 2076 erreichen wird. Ein wichtiger Grund dafür ist, dass sanitäre Themen in vielen Gesellschaften weiterhin ein Tabu sind, über das man nicht spricht. Auch Regierungen machen oft einen weiten Bogen um das „anrüchige“ Thema, was zur Folge hat, dass wenige Entwicklungsprogramme dieses existenziell wichtige Thema berücksichtigen. Über die Folgen heißt es im Bericht:

Keinen Zugang zur Sanitärversorgung zu haben, heißt, dass Menschen dazu genötigt sind, sich in Feldern, Gräben und Eimern zu erleichtern. Die ‘fliegenden Toiletten’ von Kibera, einem Elendsviertel von Nairobi, illustrieren dramatisch, was fehlende Sanitärversorgung bedeutet. Weil sie keine Toiletten zur Verfügung haben, verrichten die Menschen dort ihr Geschäft in Plastiktüten, die sie anschließend auf die Straße werfen. Durch das Fehlen von Toiletten sind Gesundheit und Sicherheit insbesondere von Frauen und jungen Mädchen gefährdet. Die menschlichen Kosten der Benachteiligung bei der Sanitär- wie auch bei der Wasserversorgung werden von der Ungleichheit der Geschlechter bestimmt.

Die menschlichen Kosten der unzureichenden Wasser- und Sanitärversorgung sind in vielen Teilen der Welt hoch. Nicht nur sterben wie erwähnt jährlich 1,8 Millionen Kinder an Durchfallerkrankungen, sondern es gehen durch wasserbedingte Krankheitstage auch 443 Millionen Schultage verloren. Nicht nur einzelne Menschen leiden unter der Misere, sondern ganze Volkswirtschaften nehmen schweren Schaden. In Afrika südlich der Sahara gehen als Folge solcher Krankheiten laut UNDP-Bericht etwa fünf Prozent des Bruttoinlandsprodukts verloren (u.a. Kosten des Gesundheitswesens und Krankheitstage von Beschäftigten). Umgekehrt erbringt jeder Dollar, der im Trinkwasser- und Sanitärbereich investiert wird, über Kostenverminderungen und Produktivitätszuwachs acht Dollar.

Als gravierendes Problem wird im "Bericht über die menschliche Entwicklung 2006" diagnostiziert, dass das Trinkwasser für Arme oft wesentlich teurer ist als für die Reichen. So müssen die Armen in Städten wie Jakarta, Manila und Nairobi ohne Wasseranschluss fünf bis zehn Mal so viel für ihr Wasser an Zwischenhändler zahlen wie die Reichen mit Wasseranschlüssen in den gleichen Städten. Auch zahlen die Bewohner armer Länder einen deutlich höheren Anteil ihres Einkommens für Wasser:

Die ärmsten zwanzig Prozent der Haushalte in El Salvador, Jamaika und Nicaragua geben durchschnittlich über zehn Prozent ihres Haushaltseinkommens für Wasser aus. In Großbritannien gilt alles, was über dem Grenzwert von drei Prozent liegt, als besondere Härte.

Zur Erreichung der Millenniumsentwicklungsziele im Wasser- und Abwasserbereich sind laut UNDP jährlich zusätzlich zehn Milliarden Dollar erforderlich. Diese Summe entspricht dem, was weltweit an nur fünf Tagen für militärische Zwecke aufgewendet wird. Beklagt wird nicht nur die unzureichende Bereitstellung von Entwicklungsgeldern für diese Aufgaben, sondern auch Schieflagen in den Etats vieler der betroffenen Länder: „In Äthiopien werden für militärische Zwecke zehnmal höhere Haushaltsmittel bereitgestellt als für die Wasser- und Sanitärversorgung - in Pakistan sogar das 47-fache.“

Neben Finanzen kommt auch der Verbesserung der Effizienz der Versorgungs- und Entsorgungsbetriebe eine große Bedeutung zu, wenn alle mit Wasser- und Abwasserdienstleistungen erreicht werden sollen. Hierbei spielen öffentliche Versorgungsträger nach UNDP-Auffassung eine Schlüsselrolle. Demgegenüber heißt es in dem Bericht zu den Erfahrungen mit privaten Wasserkonzernen:

Manche Privatisierungsprogramme haben positive Ergebnisse geliefert. Aber die Gesamtbilanz ist nicht gerade ermutigend. Von Argentinien über Bolivien und die Philippinen bis zu den Vereinigten Staaten hat sich die Annahme als verfehlt erwiesen, dass der private Sektor eine Art Wundermittel darstellt, mit dem sich der Ausgleich schaffen und die Effizienz herstellen lassen, die nötig sind, um rasche Fortschritte bei der Wasserversorgung für alle zu erzielen. Die bisherigen Misserfolge bei der Umstrukturierung des Versorgungsgefüges beweisen zwar nicht, dass dem privaten Sektor gar keine Rolle zukommt; sie zeigen jedoch, dass bei den öffentlich-privaten Partnerschaften mehr Vorsicht, Regulierung und Verpflichtung zur Fairness gefordert sind.

Maßstab für Wasserbetriebe, seien sie nun öffentlich oder privat, müsse sein, ob sie etwas für die Armen leisten oder nicht. Wasserbetriebe sollen die Aufgabe erhalten, Ungleichheiten beim Zugang zu Wasser- und Abwasserversorgung zu vermindern, Sozialtarife einzurichten, sicherzustellen, dass kein Haushalt mehr als drei Prozent des Einkommens für Wasser aufwenden muss, arme Haushalte zu subventionieren und als Übergang dort Zapfstellen zu errichten, wo individuelle Hausanschlüsse noch nicht angeboten werden können. Auch müssen Möglichkeiten geschaffen werden, Versorgungsträger für schlechte Leistungen zur Rechenschaft zu ziehen. In Verträgen über öffentlich-private Partnerschaften soll die Gleichstellung armer Haushalte beim Zugang zu einer bezahlbaren Wasserversorgung als Bezugspunkt aufgenommen werden. Großes Gewicht wird in dem Bericht auf die Schaffung wirksamer Regulierungsverfahren sowohl für öffentliche als auch für private Wasser- und Sanitärbetriebe gelegt.

Ein weiteres Schwerpunktthema des Berichts ist die globale Wasserknappheit. Es wird an Beispielen dargestellt, wie diese Knappheit zugenommen hat und weiter zunehmen wird. Wichtig sei deshalb vor allem, eine effiziente Nutzung der Wasserressourcen zu erreichen und zum Beispiel widersinnige Subventionen eines übermäßigen Wasserverbrauchs zu beenden. Dies ist um so dringender erforderlich, als der globale Klimawandel zu einer Verschärfung der Wasserknappheit führen wird:

Die erdrückende Beweislast lässt sich aber in einer einfachen Formel zusammenfassen: In vielen Gegenden der Welt, wo schon jetzt die größte Wasserknappheit herrscht, wird es noch weniger Wasser geben und es wird schwerer werden, Wasserströme vorherzusagen, auch weil es häufiger zu Extremereignissen kommen wird.

Die Verknappung wird auch zu einer verschärften Konkurrenz von Landwirtschaft, Industrie und Haushalten um das verfügbare Wasser führen. Auch zwischen landwirtschaftlichen Betrieben sowie zwischen Ackerbauern und Viehzüchtern nehmen die Konflikte zu. In dieser Situation wird es als Aufgabe des Staates angesehen, die Wasserrechte so zu regeln, dass es zu einem Interessenausgleich kommt und nicht die Armen und Kleinbauern noch weiter an den Rand gedrängt werden. Besondere Beachtung verdient die Frage, wie Frauen einen besseren Zugang zu Wasser erhalten können, besitzen sie doch in vielen Ländern keine oder kaum Landrechte (an die die Wasserrechte oft geknüpft sind). Als ein Ziel wird im UNDP-Bericht formuliert:

Gleiches Recht auf Wasser für Frauen und Männer in den Mittelpunkt der nationalen Entwicklung stellen und Maßnahmen umsetzen, um die Mitsprachemöglichkeiten von Frauen bei Entscheidungen in der Wasserbewirtschaftung zu vergrößern.

In einem abschließenden Themenkomplex befasst der UNDP-Bericht sich mit der grenzüberschreitenden Wasserbewirtschaftung. „Zwei Fünftel der Weltbevölkerung leben in Wassereinzugsgebieten, die sich mehrere Staaten teilen.“ Das schafft gerade bei zunehmender Knappheit viele Konflikte, es gibt aber auch zahlreiche Beispiele dafür, wie selbst politisch verfeindete Staaten wie Indien und Pakistan zu vertraglich vereinbarten Formen der Zusammenarbeit bei der Bewahrung und Nutzung der Wasserressourcen gekommen sind.

Der UNDP-Bericht mit dem Schwerpunkt Wasser zeichnet sich gegenüber verschiedenen anderen internationalen Berichten zur Wasserthematik dadurch aus, dass die Frage der Gerechtigkeit in den Mittelpunkt gestellt wird. Wasserkonflikte und Lösungskonzepte werden aus dieser Perspektive analysiert. Das Ergebnis ist insgesamt gesehen überzeugend und kann dazu beitragen, der internationalen Wasserdebatte eine klare Richtung zu geben: Wasser für alle und nicht nur Wasser für alle, die es sich leisten können.

(Frank Kürschner-Pelkmann)

Aktuelle Nachrichten aktuelles-Archiv
Aktuelle Meldungen

wasser-und-mehr.de, Copyright © 2006-2010 Kürschner-Pelkmann