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aktuelles --- 05.12.2006 ---

Aufrüstung an den Skipisten

Schneekanonen

Weiße Weihnachten. In den meisten alpinen Wintersportorten sind sie garantiert, jedenfalls auf den Skipisten. „Das Problem ist, dass suggeriert wird: Wir können alles kaufen, sogar den Winter.“ Axel Doering, der Kreisvorsitzende des Bundes Naturschutz in Garmisch-Patenkirchen, ist schlecht zu sprechen auf den Einsatz von Schneekanonen zur Beschneiung von Skipisten. Statt sich ernsthaft mit den Folgen des Klimawandels zu befassen, werde durch das Beschneien die Belastung des Ökosystems in den Alpen noch vergrößert. Allein in Garmisch-Patenkirchen gebe es 30 dieser Kanonen, weitere sind geplant.

Die Aufrüstung hat einen Grund: In den letzten hundert Jahren ist die Durchschnittstemperatur in der Alpenregion um 1,8 Grad gestiegen, bis 2035 könnten es bis zu zusätzlich 3,5 Grad sein. Das bringt die Gletscher zum Schmelzen, und in den nächsten Jahrzehnten wird sich die Schneefallgrenze in den Alpen von 1.200 auf 1.500 Meter erhöhen. Viele Wintersportorte fürchten, bald Schnee und Wintersportgäste zu verlieren. Also wird investiert, selbst wenn eine Schneekanone bis zu 50.000 Euro kostet. Die Geräte erzeugen unter Hochdruck einen Wassernebel. Ein Teil des Wassers verdunstet und entzieht dabei der umgebenden Luft die Wärme, sodass der größte Teil der Tröpfchen gefriert und als Schnee niedergeht. Die laufenden Kosten dieser Schneeproduktion sind beträchtlich, rechnet Axel Doering vor, einen Euro je beschneitem Quadratmeter. Viele Wintersportorte sind ohnehin hoch verschuldet und kämpfen mit sinkenden Gästezahlen.

Die Ökobilanz ist verheerend: Eine Kanone verbraucht etwa 13.000 Kilowattstunden für die Beschneiung von einem Hektar (mehr als doppelt so viel wie ein Vierpersonenhaushalt im ganzen Jahr). Mit 100 Litern pro Quadratmeter ist auch der Wasserverbrauch sehr hoch. Um ihn zu decken, reichen die Gebirgsbäche nicht aus, sodass unter großem Finanzaufwand künstliche Speicherseen mit Kunststoffbeschichtung angelegt werden müssen. Ende November 2005 ging in Mellau und Damüls im Vorarlberg den Kanonen-Beitreibern trotzdem das Wasser aus, Grund genug für die Konkurrenz, noch mehr Teiche und unterirdische Leitungen zu bauen. Aber für den südalpinen Raum prognostizieren Klimaexperten einen Rückgang der Niederschläge als Folge der Klimaveränderungen. Zu alledem ist mit der Schneeproduktion ein großer Lärm verbunden, bis zu 115 Dezibel, die Lautstärke einer Kreissäge. Erzeugt wird ein grobkörniger Kunstschnee.

Dass nun am Ende des Winters zwei oder drei Wochen länger Schnee liegt, verkürzt die Vegetationsperiode und vermindert die Sauerstoffversorgung der Böden. Zudem ist das Wasser aus Bergseen und Bächen, das zu Schnee verarbeitet wird, deutlich nährstoffhaltiger als das Wasser aus natürlichem Schneefall, mit der Konsequenz, dass Pflanzen, die in einer nährstoffarmen Umwelt gedeihen, verdrängt werden. Aber solche Argumente zählen nicht, wenn es um den gnadenlosen Konkurrenzkampf um Wintersportler geht, und so werden in Österreich schon etwa 40 Prozent aller Pisten künstlich beschneit, in Bayern sind es mehr als 25 Prozent. Seit 1992 hat sich dort die beschneite Fläche auf etwa 400 Hektar verzehnfacht. „Disneyland Alpen: Kunstschnee anstatt Wintermärchen“, nennt die Umweltschutzorganisation WWF das Ergebnis des immer massiveren Einsatzes von Schneekanonen.

In Garmisch-Patenkirchen möchte der Bürgermeister die beschneite Fläche vervierfachen und vier beschneite Talabfahrten anbieten, wenn der Ort zum Austragungsort für die Skiweltmeisterschaften 2011 ausgewählt wird. Dann werden unter hohem Wasser- und Finanzaufwand jeden Winter 170.000 Kubikmeter Wasser in Kunstschnee verwandelt. Um die hohen Kosten der Beschneiung zu finanzieren, fürchtet Axel Doering, sind mehr Tagesgäste, mehr Parkplätze und mehr Abgase zu erwarten. Der Bund Naturschutz in Bayern prüft, so die Alpenreferentin Dr. Christine Margraf, rechtliche Mittel, weil er der Auffassung ist, dass diese Ausbaupläne einen Verstoß gegen die Alpenkonvention und andere Naturschutzvereinbarungen darstellen. Angesichts der negativen Erfahrungen anderer Alpenorte betont sie: „Hier kommt nicht nur die Ökologie unter die Räder, sondern auch die Ökonomie.“ Das Geld werde regelrecht „verpulvert“.

Auch in den Mittelgebirgen kommen immer mehr Schneekanonen zum Einsatz. Sankt Andreasberg im Harz nimmt für sich in Anspruch, dass hier bereits 1963 die erste Beschneiungsanlage Europas in Betrieb genommen wurde. Seither hat vor allem im Westharz eine kräftige Aufrüstung mit Schneekanonen stattgefunden. Ähnlich ist die Lage im Sauerland. So hat die nordrhein-westfälische Landesregierung 850.000 Euro für Anlagen zur Beschneiung von Pisten am Kahlen Asten im Sauerland zur Verfügung gestellt. Seit diesem Jahr bietet der benachbarte Ort Willingen mit Unterstützung der hessischen Landesregierung Paroli und investiert 10 Millionen Euro in Kanonen, Speichersee und neue Kabinenbahn. Jörg Wilke, Geschäftsführer der Ettelsberg-Seilbahn, verkündet: „Schnee ist buchbar und planbar.“

Eine „Rüstungskontrolle“ ist nicht in Sicht. Im Gegenteil. Die bayerische Regierung hat in diesem Jahr die Bestimmungen für den Einsatz der Schneekanonen gelockert, die jetzt auch nachts und in ökologisch sensiblen Gebieten eingesetzt werden dürfen. Der Bund Naturschutz in Bayern fordert, statt dessen naturverträgliche Formen des Urlaubs zu fördern und die staatliche Förderung für den Bau von Beschneiungsanlagen einzustellen.

Bisher war eine Beschneiung erst ab minus zwei Grad möglich. In diesem Winter hat das australische Unternehmen „Snow Factories“ das neue System „SF 100“ präsentiert, das selbst in der Hitze der Wüste von Dubai unter hohem Energieaufwand Kunstschnee produziert. Wem all das nicht reicht, hier ein „skurriles Geschenk für das Fest“ (so der österreichische Sender ORF Mitte Dezember): Für 2.990 Euro kann jede und jeder eine Schneekanone für den Hausgebrauch kaufen und den heimischen Garten beschneien und einen Schneemann aus Kunstschnee herstellen. In der Werbung heißt es: „Es braucht nur Strom und Wasser - und schon schneit es.“ Eine Winterlandschaft auf Knopfdruck, Beitrag zur Klimakatastrophe inklusive.

(Frank Kürschner-Pelkmann)



Foto: Pixelquelle.de

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