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aktuelles --- 06.01.2007 ---

Afrika: Kontinent ohne Ärzte

Ärzte und Krankenschwestern in Swasiland sind oft völlig überlastet, weil es an medizinischem Fachpersonal fehlt. Copyright: IRIN

In vielen westlichen Ländern wird der Mangel an einheimischen Gesundheitsfachkräften durch afrikanische Migranten ausgeglichen. Für Afrika ist das Abwandern von Medizinern eine Katastrophe. Der nachfolgende Beitrag erschien am 2. Januar 2007 in der „Süddeutschen Zeitung“

„Swasiland stirbt. Die letzte Krankenschwester, die hier Dienst tut, wird gebeten, die Lichter zu löschen.“ Der handgeschriebene Zettel im Krankenhaus des Wirtschaftszentrums Manzini in Swasiland brachte vor einigen Wochen die ganze Verzweiflung des verbliebenen medizinischen Personals und der Patienten zum Ausdruck.

Eine 28-jährige Krankenschwester, die ihren Namen nicht nennen wollte, erklärte einem für die Vereinten Nationen tätigen Journalisten, warum so viele ihrer Kolleginnen und Kollegen ins Ausland gehen: „Es sind die Arbeitsbedingungen, das Fehlen der grundlegendsten Mittel zur Behandlung der Patienten - und dann all die Menschen, die sterben. Es ist demoralisierend. Es geht nicht nur um das Gehalt, es ist hart, Menschen sterben zu sehen und hilflos dabeizustehen.“

„Der öffentliche Gesundheitssektor in Swasiland ist mit einem gravierenden Mangel an Fachkräften konfrontiert“, stellten vor einigen Monaten Katharina Kober und Wim van Damme in der Zeitschrift Human Resources for Health fest: „44 Prozent der Arztstellen sind unbesetzt, ebenso 19 Prozent der Krankenschwesternstellen und 17 Prozent der Stellen für angelernte Pflegekräfte.“ Die Forscher vom Institut für Tropenmedizin in Antwerpen machten vor allem die Migration und die Folgen der HIV-Infektionen für den Personalmangel verantwortlich.

Swasiland ist kein Einzelfall. In Malawi kommen auf 100.000 Einwohner nur zwei Ärzte. Nach Einschätzung der Weltgesundheitsorganisation WHO sind zehnmal so viele erforderlich, um auch nur ein Minimum an medizinischer Versorgung zu gewährleisten. Hinzu kommt, dass in Malawi eine Million Menschen mit HIV oder der bereits ausgebrochenen Aids-Erkrankung leben - das entspricht einem Zwölftel der Bevölkerung. Eigentlich bräuchten sie alle intensive medizinische Betreuung. Ulrike von Pilar, die für Ärzte ohne Grenzen in Malawi arbeitet und ein großes Aids-Programm leitet, berichtet: „170.000 Menschen bräuchten Aidsmedikamente. Tatsächlich bekommen sie nur 72.000 Menschen. Das ist ein sehr großer Erfolg für Malawi. Es bedeutet aber auch, dass immer noch 100.000 Menschen vergeblich auf die lebensrettende Behandlung warten.“ Und das größte Hindernis einer flächendeckenden Behandlung seien inzwischen nicht mehr die fehlenden Medikamente. „Es ist der katastrophale Mangel an medizinischem Personal.“

Es fehlt schlicht an Geld: Auf umgerechnet 9324 US-Dollar pro Absolventin belaufen sich die staatlichen Aufwendungen von der Grund- bis zur Krankenpflegeschule, berichtete die britische Fachzeitschrift BMC Nursing im November. Besucht eine Krankenschwester noch die Hochschule „Kamuzu College for Nursing“ und absolviert anschließend ein Praxisjahr, betragen die Kosten sogar 31.726 Dollar. Angesichts des durchschnittlichen Pro-Kopf-Einkommens in Malawi von weniger als zwei Dollar am Tag, entspricht das dem Verdienst von 43 Jahren. Bringt der Staat das Geld auf und migriert die Absolventin später in den reichen Norden, ist die Investition verloren Dann kommt zum Geldverlust auch der Verlust an Leben. „In Malawi wird die hohe Müttersterblichkeit - 1.120 Todesfälle auf 100.000 Lebendgeburten - zu einem erheblichen Teil auf das Fehlen ausgebildeter Hebammen zurückgeführt, die bei Geburten eine angemessene Qualität der Versorgung bereitstellen könnten“, heißt es in dem Bericht.

Für afrikanische Ärzte und Krankenschwestern ist es viel lukrativer, in Europa oder Nordamerika zu arbeiten. Gleichzeitig finden sie dort sehr viel günstigere Arbeitsbedingungen vor. In vielen westlichen Ländern wird der Mangel an einheimischen Gesundheitsfachkräften durch die Migranten ausgeglichen. Dieter Hampel vom Ärzteprogramm der Universität Heidelberg für Medizinstudierende aus Afrika, Asien und Lateinamerika, sagt dazu: „Angesichts der katastrophalen Lage des Gesundheitswesens in vielen Ländern des Südens ist die Rekrutierung von Ärzten aus Entwicklungsländern ein Skandal.“

Welche Ausmaße die Abwanderung angenommen hat, zeigt sich besonders deutlich in Ghana. 1990 praktizierten dort 2.000 Ärzte, 2004 waren es nur noch etwa 800. Dafür hat die Zahl der ghanaischen Ärzte in Großbritannien die 2.000er-Marke überschritten. In Sambia arbeiten nur noch 50 der 600 Ärzte, die seit der Unabhängigkeit unter hohem Finanzaufwand im Lande ausgebildet worden sind.

Insgesamt praktiziert mittlerweile fast ein Viertel aller afrikanischen Ärzte in Industriestaaten. Rekrutierungsfirmen machen ihnen diesen Wechsel leicht. Sie regeln - gegen gute Bezahlung - alles von der Visabeschaffung über die Anerkennung der Ausbildungsabschlüsse bis zur Auswahl eines Arbeitsplatzes.

Auch aus dem relativ wohlhabenden Südafrika wandern ein Drittel bis zur Hälfte der Absolventen medizinischer Ausbildungsstätten in Industrieländer aus. Das verursacht vor allem in den ländlichen Gebieten einen Mangel an Ärzten und Krankenschwestern. Diese Aufgaben übernehmen zunehmend Fachkräfte aus anderen afrikanischen Ländern. Inzwischen stammt jeder sechste in Südafrika tätige Arzt aus Simbabwe, Sambia, Kenia oder einem anderen Staat des Kontinents. Christoph Benn, einer der Direktoren des Globalen Fonds zur Bekämpfung von Aids, Tuberkulose und Malaria, sieht neben der Abwanderung einen weiteren Grund für den Mangel an medizinischen Fachkräften: „Ärzte und Krankenschwestern erkranken und sterben ebenso wie der Rest der Bevölkerung in vielen afrikanischen Ländern an Aids. Insofern muss zweigleisig vorgegangen werden: Investitionen in die Aus- und Weiterbildung und Aids-Behandlung auch und gerade für die heilenden Berufe.“

Um die Abwanderung zu bremsen, hat sich die britische Regierung im August 2006 bereit erklärt, auf das Anwerben von medizinischen Fachkräften in Afrika zu verzichten. Die belgische Regierung bietet allen Ärzten und Krankenschwestern aus der Demokratischen Republik Kongo an, ihre Stellen in Belgien bei voller Bezahlung für mehrere Jahre zu verlassen, um in ihrer Heimat zu arbeiten.

Gleichzeitig setzen sich die Weltgesundheitsorganisation WHO und andere Gremien dafür ein, die Gehalts- und Arbeitsbedingungen der medizinischen Fachkräfte in Afrika deutlich zu verbessern sowie gute Fortbildungs- und Aufstiegsmöglichkeiten zu schaffen. So hat Malawi mit britischer Entwicklungshilfe die Gehälter für Ärzte und Krankenschwestern um 52 Prozent erhöht und neue Stellen eingerichtet, um die Arbeitsbelastung zu vermindern. Das hat nach Einschätzung der Krankenschwestern-Vereinigung Malawis zwar nicht zur Rückkehr von Fachkräften aus dem Ausland geführt, aber doch das Ausmaß der Abwanderung vermindert. Schon das ist ein beachtlicher Erfolg.

(Frank Kürschner-Pelkmann)

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