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aktuelles --- 31.01.2007 ---

Das Weltsozialforum in Nairobi - eine persönliche Bilanz

Logo des deutschsprachige Informationsportal zur weltweiten Sozialforum-Bewegung Die wichtigsten Eindrücke gleich zu Beginn dieser Bilanz: Es wurde beim Weltsozialforum in Nairobi vom 20.-25. Januar 2007 auf einem hohen Niveau über zahlreiche globale Probleme sowie Lösungsmöglichkeiten diskutiert; es sind vor allem in Afrika neue Netzwerke und Verbindungen entstanden, die die Zivilgesellschaft stärken; afrikanische Stimmen und Themen, die für die Menschen in Afrika wichtig sind, hatten viel Raum bei diesem Forum; es gelang, die Beziehungen zwischen einzelnen globalen Themen und Problemen herauszuarbeiten, zum Beispiel zwischen Klimawandel und Ernährungsproblemen; dass mit etwa 46.000 Teilnehmerinnen und Teilnehmern nur ein Drittel der erhofften Zahl kam, hatte den unschätzbaren Vorteil, dass sich so das organisatorische Durcheinander nicht in ein absolutes Chaos verwandelte; und es blieb offen, wie das Weltsozialforum die einbeziehen kann, um die es in den Debatten immer wieder geht, die Armen.

Themen und Netzwerke

In Nairobi wurde vom 20.-25. Januar über ein breites Spektrum von globalen Themen informiert und diskutiert. Stärker als in früheren Jahren wurden die für Afrika besonders wichtigen Themen Migration und Konflikte um Ressourcen (Diamanten, Öl etc.) berücksichtigt. Zu diesen und verschiedenen anderen Themen trafen sich erstmals Initiativen aus verschiedenen Regionen Afrikas und konnten planen, wie sie in Zukunft zusammenarbeiten wollen. Demgegenüber hatten politisch radikale soziale Bewegungen, die bei den Weltsozialforen in Lateinamerika eine wichtige Rolle einnahmen, in Nairobi eine deutlich untergeordnete Bedeutung. Die Frage der politischen Position zu Chavez zum Beispiel wurde zwar diskutiert, aber hatte für die meisten afrikanischen Teilnehmerinnen und Teilnehmer einen ausgesprochen geringen Stellenwert.

Manche Teilnehmerinnen und Teilnehmer übten Kritik daran, dass Entwicklungsorganisationen aus dem Norden sowie global agierende Organisationen als Veranstalter eines großen Teils der Seminare auftraten. Es ist aber zu berücksichtigen, dass diese Organisationen eine große Zahl von Partnerorganisationen aus dem Süden und vor allem aus Afrika nach Nairobi einluden (Brot für die Welt allein mehr als 70) und dass sie im Rahmen des Möglichen dafür sorgten, dass die angebotenen Seminare trotz des beträchtlichen organisatorischen Durcheinanders (siehe unten) geordnet durchgeführt werden konnten.

Für die Frauenbewegung bot dieses Weltsozialforum die Möglichkeit, sich sehr viel stärker als bei früheren Treffen einzubringen. Die Tansanierin Enough Talk Aloo beschrieb ihre Erfahrungen so: „Anders als bei anderen Foren, wo unsere Stimmen von den größeren und stärkeren Solidaritätsbewegungen übertönt wurden, waren wir hier in Nairobi gewichtig vertreten. Wir waren in allen Gremien präsent, und wir konnten Frauenthemen mit anderen Themen wie Land, Wasser und Gesundheit verbinden. Was besonders wichtig war: Wir sprachen nicht nur zu den bereits von unseren Positionen Überzeugten, sondern engagierten uns auch in Gruppen, die früher Gender-Fragen in ihrer Arbeit nicht berücksichtigt hatten.“

Zu den Themen, die von Frauen in das Weltsozialforum eingebracht wurden, gehörten unter anderem das Recht auf kostenlose Gesundheitsversorgung, die Probleme häuslicher Gewalt und die wirtschaftlichen Rechte von Frauen. Die iranische Frauenrechtlerin und Friedensnobelpreisträgerin Shirin Ebadi stellte als ein Ziel der Frauenbewegung dar: „Wir haben die Absicht, uns für Frieden und Gerechtigkeit einzusetzen, weil wir als Frauen einen sehr viel größeren Einfluss auf diesen Gebieten nehmen können.“ Die Möglichkeit zum Austausch und zur Vernetzung sowie die Begegnung mit Frauen aus anderen Teilen der Welt beim Weltsozialforum hat die afrikanische Frauenbewegung zweifellos deutlich gestärkt.

Angesichts der weiterhin hohen Verschuldung vieler afrikanischer Länder hatte dieses Thema einen gewichtigen Stellenwert in Nairobi. Die kenianische Nobelpreisträgerin Wangari Maathai erklärte bei einer Veranstaltung: „Die Schuldenkrise bleibt eines der entscheidenden Hindernisse im Kampf gegen die Armut auf dem afrikanischen Kontinent und ebenso in Asien und Lateinamerika.“ Wie andere Rednerinnen und Redner betonte Wangari Maathai den Kampf gegen illegitime Schulden: „Damit die illegitimen Schulden gestrichen werden, müssen Kirchen, Organisationen der Zivilgesellschaft und Parlamentsabgeordnete verstärkt Druck auf die politischen Führer im Norden und im Süden ausüben.“ Charakteristisch für dieses Weltsozialforum war, dass Vertreterinnen und Vertreter der afrikanischen Kirchen und Zivilgesellschaften die eigenen Regierungen deutlich mitverantwortlich dafür machten, dass sich Entscheidungen und Aktivitäten ausländischer Regierungen, internationaler Institutionen wie der Weltbank und multinationaler Unternehmen so negativ auf die afrikanischen Gesellschaften auswirken. Der katholische Bischof von Machakos/Kenia, Martin Kivuvu, erklärte beim WSF: „Während wir Lobbyarbeit in geldgebenden Ländern dafür betreiben, Kenias Schulden zu streichen, sollten Regierung und Verwaltung für Transparenz in der Frage sorgen, wie die öffentlichen Gelder verwendet werden.“

Die Durchsetzung des Rechts auf Nahrung in Afrika

Ein Beispiel für eine gemeinsame Initiative von Organisationen von Nord und Süd ist der Kampf für das Recht auf Nahrung. Afrika ist der Kontinent, wo dieses Recht von besonderer Bedeutung ist, weil hier gemessen an der Bevölkerungszahl die meisten Menschen an Hunger und Mangelernährung leiden. Deshalb haben afrikanische Organisationen unter Mitwirkung von Brot für die Welt und der Menschenrechtsorganisation FIAN ein afrikanisches Netzwerk für das Recht auf Nahrung gebildet, das sich beim WSF vorstellte, Erfahrungen und Einsichten diskutierte und neue Partner gewann.

Der Afrikakoordinator von FIAN International, Kofi Kapko, stellte bei der Veranstaltung dar, wie stark das Recht auf Nahrung dadurch bedroht ist, dass immer mehr Land in Afrika für den Anbau von Exportprodukten genutzt wird und gleichzeitig die Konzentration des Landbesitzes in den Händen Weniger zunimmt. Den Zusammenhang zwischen dem Recht auf Nahrung und Landrechten beleuchtete Lucas Mufamadi, der eine Entwicklungsorganisation in Südafrika leitet, am Beispiel einer marginalisierten südafrikanischen Gemeinschaft. Ihr Land am Fluss Limpopo an der Nordgrenze Südafrikas wurde Anfang der 1970er Jahre enteignet und ist ihnen noch immer nicht zurückgegeben worden. Der Konflikt ist ebenso wenig gelöst wie andere Landkonflikte in Afrika, die bei der WSF-Veranstaltung dargestellt wurden. Mit dem Land ist vielen Menschen auch das Recht auf Nahrung genommen worden. Michael Windfuhr, der das Team Menschenrechte von Brot für die Welt leitet, erläuterte, was international für die Durchsetzung des Rechts auf Nahrung erreicht worden ist. Er erinnerte daran, dass die Hälfte der Hungernden auf der Welt zu Kleinbauernfamilien gehört, die auf sehr kleinen Parzellen überleben müssen. Die Regierungen verweigern diesen Kleinbauernfamilien sehr oft Beratung und Unterstützung, und dies verhindert, dass sie ihr Recht auf Nahrung wahrnehmen können. Michael Windfuhr betonte in seinem Vortrag: „Es gibt zahlreiche Fälle, wo Menschen ihr Recht auf Land und auf Wasser und damit ihre Lebensgrundlage verlieren, und damit geht auch das Recht auf Nahrung verloren. Das Beispiel der Zwangsumsiedlungen von Bauernfamilien zugunsten von Bergbauvorhaben in Ghana zeigt, dass Regierungen oft nichts tun, um die Rechte dieser Bauern zu schützen. Wenn Regierungen bei internationalen Konferenzen in Genf behaupten, sie täten das ihnen Mögliche, um das Recht auf Nahrung durchzusetzen, dann muss von ihnen gefordert werden, dass sie einen maximalen Teil ihrer Ressourcen dafür verwenden, es den Menschen zu ermöglichen, sich selbst zu ernähren. Ebenso müssen sie den Menschen den Zugang zu lebenswichtigen Ressourcen sichern und ihre Landrechte verbindlich gewährleisten.“

Wird aus dem Weltsozialforum ein Kirchentag

In der „Frankfurter Rundschau“ vom 26. Januar hieß es in einem Beitrag über das WSF: „Vielleicht wird aus dem Weltsozialforum ja irgendwann ein Weltkirchentag.“ Nach meiner Auffassung ist dieser Vergleich mit dem Kirchentag unzutreffend. Es gab nur wenige Veranstaltungen, bei denen Spiritualität Thema war oder erlebt werden konnte. Und dies ist bekanntlich ein entscheidendes Merkmal eines Kirchentages. Richtig ist, dass Kirchen und kirchliche Persönlichkeiten prominent bei diesem Weltsozialforum vertreten waren. Das fiel auch dem „Economist“ auf, der einem Beitrag über das Weltsozialforum den Titel gab: „Kingdoms of this world, and otherwise“. Die starke kirchliche Präsenz lag vor allem daran, dass Kenia und das übrige Afrika südlich der Sahara überwiegend christlich geprägt sind und dass dort im Alltag gelebter Glaube eine wichtige Rolle einnimmt. Außerdem ermöglichte es der Zusammenschluss zahlreicher kirchlicher Organisationen und Hilfswerke zu einer „Ökumenischen Plattform“, eigene Zelte für Treffen und Informationen aufzustellen und sich mit einer größeren Zahl von Veranstaltungen am WSF-Programm zu beteiligen. Unter Federführung der protestantischen und orthodoxen Allafrikanischen Kirchenkonferenz und der katholischen Organisation Caritas International wurden Themen aufgegriffen, die von zentraler Bedeutung für Afrika und die übrige Welt sind, zum Beispiel Armut, AIDS, Wasser, Klimawandel, Verschuldung und Ungerechtigkeiten in der Weltwirtschaft.

Kirchen und kirchliche Organisationen waren nicht nur exklusiv, sondern auch gemeinsam mit anderen Bewegungen an vielen Programmangeboten beteiligt. So wirkte die lokale katholische Kirche an der Planung und Durchführung eines Marathonlaufs mit, der von einem Slumgebiet bis zum Uhuru-Park im Zentrum Nairobis führte, wo die WSF-Eröffnungsveranstaltung stattfand.

Die Kirchen bekamen auch durch die pointierten Aussagen ihrer Sprecherinnen und Sprecher viel Aufmerksamkeit, allen voran Erzbischof Desmond Tutu. Er sagte beim WSF unter anderem: „Wir können den Krieg gegen den Terror nicht gewinnen, niemals, so lange es eine Welt gibt, die Menschen in Verzweiflung stürzt, so lange es Armut gibt, die andere entmenschlicht, so lange es Krankheiten und Unwissenheit gibt, werden wir nicht gewinnen.“

Zu den radikaleren Stimmen bei einem Workshop des Ökumenischen Rates der Kirchen gehörte der brasilianische Sozialwissenschaftler Marcos Arruda, der sich für eine „Ökonomie der Solidarität“ einsetzte, die eine „Sozialisierung und Demokratisierung des Eigentums“ erfordere. Deutlich war die Kritik vieler kirchlicher Vertreterinnen und Vertreter an den vorherrschenden Strukturen und Bedingungen der Weltwirtschaft. Bischof Nyanseko-ni-Nku, Präsident der Allafrikanischen Kirchenkonferenz, äußerte sich in Nairobi zum Auftreten der westlichen Industriestaaten so: „Wir haben es satt, von den G8 wie Kinder behandelt zu werden. Wir wollen Partner sein.“ Das G8-Treffen in Heiligendamm im Juni 2007 war bei verschiedenen Veranstaltungen ein Thema, ebenso die EU-Bemühungen, viele afrikanische Länder im Rahmen der EPA-Verhandlungen zu einer Öffnung ihrer Märkte zu zwingen.

Große Defizite in der Medienarbeit

Das Weltsozialforum ist nicht in der Lage, irgendwelche substanzielle Informationen zu produzieren, weder vor noch nach dem Treffen. Zu diesem deprimierenden Ergebnis kam nicht ein frustrierter Journalist, sondern der Leiter der Kommunikationsgruppe des Forums, Roberto Savio. Nach der Hälfte des Treffens lautete seine Einschätzung so: „Es gelingt uns nicht, die Medien mit Informationen zu versorgen und auch nicht den großen Kreis der WSF-Unterstützer.“ Hätte das Ziel darin bestanden, den Journalistinnen und Journalisten ihre Arbeit möglichst schwer zu machen, wäre den Organisatoren des Pressezentrums des Weltsozialforums zu gratulieren. Hier einige meiner Erfahrungen: Dass ich auf meine E-Mails für die Akkreditierung nie eine Antwort erhielt, war hinzunehmen. Ich brauchte dann aber einen halben Vormittag, um vor Ort akkreditiert zu werden, wurde dafür von einer Person zur nächsten geschickt und konnte gerade noch verhindern, zu einem vom Pressezentrum weit entfernten Büro laufen zu müssen. Immerhin, schließlich stempelte eine Mitarbeiterin auf meine Teilnehmer-Namenskarte „Accredited Press“. Im Pressezentrum selbst gab es dann eine Reihe von PCs, die zunächst ständig umlagert waren - selbst dann, wenn es gerade wieder einmal keine Elektrizität gab oder das Internet unerreichbar blieb. Es konnte ja sein, dass die Probleme wenigstens zeitweise gelöst würden, und dann galt es, an einem PC zu sitzen und möglichst rasch zu schreiben und E-Mails zu versenden. Die Stimmung unter den Journalistinnen und Journalisten aus aller Welt war entsprechend schlecht, und man konnte sich vorstellen, in welchem Ton ihre Berichte formuliert sein würden. Die Journalistinnen und Journalisten hatten zudem entgegen aller üblichen Praxis für diesen Service eine Teilnehmergebühr von bis zu 80 Euro zahlen müssen. Im Laufe der Tage wurde das Pressezentrum leerer, weil die meisten Journalistinnen und Journalisten, die sich die Taxifahrten leisten konnten, Internetcafés in der Stadt nutzten (wo die globale Kommunikation fast problemlos möglich war) oder in teuren Hotels mit modernsten Telekommunikationsmöglichkeiten wohnten. Dass in afrikanischen Ländern wenige Berichte über das Weltsozialforum erschienen, kann unter diesen Umständen nicht überraschen.

Vielen der Berichte, die in der kenianischen Presse, aber zum Beispiel auch in Deutschland erschienen, merkt man an, dass es praktisch unmöglich war, mehr als punktuell über das Geschehen zu berichten. Pressemeldungen der Organisatoren gab es nur sehr wenige. Die Online-Pressemappe war zu Beginn des Forums noch nicht verfügbar und ihre spätere Nutzung war zumindest unter den technischen Bedingungen des Pressezentrums praktisch nicht möglich. So wurde von punktuellen Ereignissen und einzelnen Veranstaltungen berichtet, die auf dem Gelände besucht worden waren. Wenn also über die geringe und unzureichende Berichterstattung über das Weltsozialforum geklagt wird, sind die äußeren Bedingungen zu berücksichtigen, bevor man Schlussfolgerungen darüber zieht, ob die internationalen Medien kein Interesse am WSF oder seine Themen mehr haben.

Viele Pannen - wenig Einsicht

Die Journalistinnen und Journalisten waren nicht die einzige Gruppe, die unter der völlig unprofessionellen Organisation litt. Vor allem, weil es hinter den Kulissen bis zuletzt erbitterte Kämpfe darum gab, welche Veranstaltung wo stattfinden durfte, war es häufig eine Überraschung, ob tatsächlich die im Programm ausgewiesene Veranstaltung am vorgesehenen Ort stattfand oder ganz etwas anderes diskutiert wurde. Bei einer Veranstaltung, zu der ich kam, hatten gleich drei Organisatoren die Zusage erhalten, dort zu dieser Zeit ihr Programm durchzuführen. Eine indische Obdachloseninitiative gehörte zu denen, die gehen mussten. Sie setzte sich zu vor die Türen des Veranstaltungsraums und ein Organisator sagte resigniert: „Wir sind es ja gewohnt, dass für uns nur draußen ein Platz ist.“

Die Liste der Pannen ist sehr lang. So gab es zum Beispiel keine deutlich sichtbaren Hinweise auf die vielen Essensangebote unter Zeltdächern am Rande des Stadiongeländes, zur Freude eines Luxusgastronomiebetriebes, der sich einen zentralen Platz beim Stadion gesichert hatte. Dort herrschte zunächst großer Andrang, während die Stühle der kleinen Lokale leer blieben, bis sich der „Geheimtipp“ herumgesprochen hatte, dass man dort schmackhaft und sehr viel preiswerter essen konnte. Es hätte wahrscheinlich weniger als 100 Euro gekostet, ein großes Schild aufzustellen, das zu diesen Essensmöglichkeiten wies - ein Beispiel dafür, wie fragwürdig die Schutzbehauptungen der Organisatoren sind, finanzielle Engpässe hätten die organisatorischen Probleme verursacht.

Auch manche Veranstaltungszelte waren ausgesprochen schwer zu finden. Viele Veranstaltungen, die eine große Beachtung verdient hätten, waren sehr schlecht besucht, weil zahlreiche Teilnehmer nach schlechten Sucherfahrungen mit einer schlecht lesbaren Karte und fehlenden Hinweisschildern nur noch zu den Veranstaltungen im direkten Stadionbereich gingen oder in das Zelt mit dem Themenschwerpunkt Menschenrechte. Dort stand vor dem Eingang eine große Tafel, auf der zu lesen war, was wann stattfinden würde - und was dort dann auch tatsächlich stattfand. Besonders ärgerlich war die bei vielen Veranstaltungen sehr schlechte Qualität der Tontechnik, über die sich auch die Musiker bitter beklagten. In einem Beitrag der kenianischen Tageszeitung „Nation“ nach dem Ende des Weltsozialforums kam ein halbes Dutzend Künstlerinnen und Künstler zu Wort, die unter schlechter Tonqualität und Organisation gelitten hatten. Oliver Mtukudzi, ein über seine Heimat Simbabwe hinaus bekannter Popmusiker, sagte: „Es war großartig, hier zu sein, aber es war enttäuschend, wie alles organisiert war.“ Auch bei vielen Rednerinnen und Rednern war höchste Konzentration gefordert, um sie trotz der schlechten Tonqualität zu verstehen. Erschwerend kam hinzu, dass die Veranstaltungsorte oft so dicht nebeneinander lagen, dass gegenseitige Störungen nicht zu vermeiden waren. All das war eine Zumutung für Vortragende und Zuhörerschaft.

Die Gefahr besteht, dass nach dem ersten Weltsozialforum in Afrika der Eindruck zurückbleibt, die Afrikaner seien eben nicht in der Lage, eine solche Großveranstaltung zu organisieren. Aber erstens waren auch viele Nicht-Afrikaner für das Debakel mitverantwortlich und zweitens gibt es viele organisatorisch begabte Menschen in Kenia, nur waren offenbar nur sehr wenige von ihnen an der Vorbereitung und Durchführung des Weltsozialforums beteiligt. Dass die meisten Organisatoren in Interviews keinerlei Einsicht zeigten, gehörte zu den deprimierenden Erfahrungen. Kann so aus eklatanten Fehlern gelernt werden? Es besteht die Gefahr, dass die Weltsozialforums-Bewegung an organisatorischem Dilettantismus scheitert. Eine andere Globalisierung braucht eine hohe Kompetenz, auch bei der Organisation von internationalen Versammlungen.

Die Armen sind Thema - aber haben sie einen Platz beim Forum?

Ausgesprochen schwer taten sich die Organisatoren, aber auch die meisten Teilnehmerinnen und Teilnehmer des Weltsozialforums damit, in einer Stadt zusammenzukommen, in der die Mehrheit der Bevölkerung in tiefer Armut lebt. Das nächste Slumgebiet war nur einige Kilometer vom WSF-Gelände entfernt. Ein Marsch vieler Teilnehmerinnen und Teilnehmer von einem der Slumgebiete zur Eröffnungsfeier in der Innenstadt konnte nur symbolisch die Solidarität mit den Armen ausdrücken, die schon wegen der Eintrittspreise dem Treffen fernblieben. An diesen Preisen entzündete sich der Streit zwischen den Organisatoren und einer kleinen Gruppe militanter Aktivisten, die zusammen mit 100 bis 200 Slumbewohnern einen der Einlasspunkte stürmten und durchsetzten, dass die Armen an den letzten Tagen kostenlos auf das Gelände konnten. Auch plünderten sie das erwähnte besonders teure Restaurant. Inwieweit die Slumbewohner hierfür von einer kleinen Gruppe von Aktivisten instrumentalisiert wurden, blieb offen. Deutlich war hingegen, dass die Armen, die nun Zugang zum Gelände hatten, vor allem daran interessiert waren, Souvenirs, Wasser und anderes zu verkaufen, denn davon leben sie, sodass sich das Weltsozialforum teilweise in einen afrikanischen Markt verwandelte. In den Seminaren wurde weiterhin über die Armen gesprochen, und realistischerweise muss man sagen, dass die meisten Armen, von denen viele kaum Englisch sprechen, sich kaum in den meist intellektuellen Debatten zuhause gefühlt hätten.

Inzwischen ist in Nairobi der Alltag zurückgekehrt, aber immerhin hat das Weltsozialforum einige Tage lang gezeigt, dass eine andere Welt möglich ist - selbst wenn der Weg dorthin noch weit zu sein scheint.

(Frank Kürschner-Pelkmann)

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