Frank Kürschner-Pelkmann

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aktuelles --- 08.03.2007 ---

Die Verhinderung des ökologischen Kollaps am Viktoriasee

Ostafrikanisches Seengebiet, Foto: NASA

„Der Staudamm-Komplex zieht den Stöpsel aus dem Viktoriasee.“ So hat Frank Muramuzi von der „Nationalen Vereinigung professioneller Umweltschützer“ in Uganda kürzlich die Wassersituation an Afrikas größtem See zusammengefasst. Zwischen 1998 und 2004 ist der Wasserspiegel des 68.800 Quadratkilometer großen Viktoriasees um 2,3 Meter gesunken. Eine Studie der Kommission für das Viktoriasee-Bassin der Ostafrikanischen Gemeinschaft wies im April 2006 nach, dass Uganda zu viel Wasser aus dem See in den Weißen Nil strömen lässt, um den Energiebedarf des Landes zu decken. Mitte der 1950er Jahre wurde am Ausfluss des Sees der „Nalubaale-Staudamm“ zur Stromerzeugung gebaut, 2002 direkt daneben der „Kiira-Staudamm“. Uganda hat sich vertraglich verpflichtet, die Turbinenleistungen der Kraftwerke so zu regulieren, dass der Wasserstand des Sees stabil bleibt, aber hat diese vertraglichen Vereinbarungen in den letzten Jahren nicht eingehalten.

Luftaufnahme des Viktoriasees, Foto: NASA

Kaum irgendwo in Afrika zeigen sich die Wechselwirkungen unterschiedlichster ökologischer Probleme so deutlich wie am Viktoriasee. Denn es ist nicht allein Ugandas Energiehunger, der zum Sinken des Wasserspiegel führt. Gleichzeitig ist mit den höheren Temperaturen auch die Verdunstung gestiegen. Aus der erwähnten Studie der „Ostafrikanischen Gemeinschaft“ geht hervor, dass sich die Durchschnittstemperaturen in der Region am Viktoriasees seit 1950 um ein Grad erhöht haben. Gleichzeitig sind die Niederschläge um 6,6 Prozent zurückgegangen. Beides hat auch zur Konsequenz, dass die Zuflüsse des Viktoriasees weniger Wasser führen. Die Wassermenge, die aus dem wichtigsten Zufluss, dem Kagera, in den See gelangt, hat sich von 2000 bis 2005 um 22 Prozent vermindert. Gleichzeitig wird der Viktoriasee als Trinkwasserreservoir für die rasch wachsenden Städte am See und für die Bewässerungslandwirtschaft immer stärker genutzt.

Dass der Wasserstand des Sees sinkt, bedeutet eine deutliche Behinderung des Schiffsverkehrs. Das Seeufer in Kisumu, der größten kenianischen Stadt am Viktoriasee, ging bis 2006 um 15 Meter zurück, was zur Folge hatte, dass hier und in mehreren anderen Hafenstädten die Fähren die Anleger nicht mehr erreichen konnten und im See ankern mussten. Weil durch den sinkenden Wasserstand Feuchtgebiete durch ausgetrocknete Sandflächen vom eigentlichen See getrennt werden, verlieren Buntbarsche und andere Fischarten ihre lebenswichtigen Laichplätze. Es gibt bereits Anzeichen für einen Rückgang der Fischbestände. Dabei sind Fischfang und Fischverarbeitung für drei Millionen Menschen am See die Existenzgrundlage und für 30 Millionen in weitem Umkreis ist der Fisch eine wichtige Ernährungsgrundlage.

Wasserhyazinthe, Fotoquelle: http://encyclopedia.thefreedictionary.com/

Ein weiteres Problem: In den letzten Jahren hat sich die Wasserhyazinthe wieder stärker ausgebreitet. Diese lateinamerikanische Pflanze wurde in den 1950er Jahren von belgischen Kolonialherren in Ruanda eingeführt, um ihre Fischteiche zu verschönern. Über Bäche und Flüsse gelangte die Wasserhyazinthe in den Viktoriasee und breitete sich dort explosionsartig aus. Sie bildet einen undurchdringlichen Teppich, der nicht nur die Schifffahrt beeinträchtigt, sondern auch eine ideale Brutstätte für Malariafliegen und für Schnecken, die die Bilharziose auslösen, bildet. Dass immer mehr Nährstoffe aus der Landwirtschaft und durch ungeklärte Abwässer in den See gelangten, hat das Wachstum der Hyazinthen noch beschleunigt. Nachdem andere Methoden wie das Abfischen der Hyazinthen versagt hatten, sorgten vor einigen Jahren Rüsselkäfer dafür, dass sich die mit Wasserhyazinthen bedeckte Fläche binnen fünf Jahren auf ein Zehntel verminderte. Aber über Flüsse, die in Ruanda und Burundi entspringen, gelangen neue Wasserhyazinthen in den Viktoriasee. Seither sind die Betreiber von Nalubaale- und Kiiri-Staudamm wieder damit beschäftigt zu verhindern, dass die Pflanzenmassen die Turbinen verstopfen. Im Dezember 2006 mussten vor der Nalubaale-Staumauer täglich 20 Bootsladungen Hyazinthen abgefischt werden.

Absterbende Pflanzenteile der Hyazinthen lassen den Sauerstoffgehalt des Sees bedrohlich sinken und verursachen ein Fischsterben. Dabei ist der einstige Fischreichtum ohnehin stark dezimiert worden, seit in den 1950er Jahren der Nilbarsch im Viktoriasee ausgesetzt wurde. Der bis zu 200 kg schwere und 1,80 m lange Raubfisch hat viele der ursprünglichen Fischarten, darunter die Buntbarschbestände, vernichtet oder ihre Bestände minimiert. Damit gehen auch spektakuläre Ergebnisse der Evolution für immer verloren. Die Bundbarsche, so hat der Evolutionsbiologe Professor Axel Meyer von der Universität Konstanz nachgewiesen, sind „Weltmeister der Artenbildung“. Aus wenigen Buntbarscharten entwickelten sich in 100.000 Jahren mehr als 500 Arten, von denen jede sich auf die Lebensbedingungen im jeweiligen kleinen Bereich des Sees angepasst hat. Professor Meyer betont: „Die gedankenlose Einführung des Nilbarsches hat zu einem ökologischen Desaster geführt. Besonders Buntbarcharten, die im offenen Wasser leben, sind in ihren Beständen gefährdet, während die Arten in Ufernähe überlebt haben.“ Der Evolutionsbiologe räumt ein, dass viele Menschen am Viktoriasee von den Nilbarschfängen profitieren und die Vorbehalte der Wissenschaftler gegen die Aussetzung dieses Fisches nicht teilen.

Mittlerweile ist der Nilbarsch zu einer gefragten Delikatesse in Europa avanciert. Mehr als 200.000 Tonnen Barsch werden in 30 Fischfabriken verarbeitet und dann per Flugzeug an europäische Fischhändler geliefert. Das 200-Millionen-Euro-Geschäft geriet allerdings 2004 in die Kritik, als der Dokumentarfilm „Darwins Albtraum“ mit drastischen Bildern zeigte, wie die Fische nach EU-Lebensmittelnormen in ostafrikanischen Fabriken verarbeitet werden, aber die Armen sich von unappetitlichen Fischresten wie Fischköpfen und Gräten ernähren müssen.

Allerdings, nicht nur der Film kritisierte Missstände einer globalen Fischwirtschaft, auch die Filmemacher gerieten in die Kritik. Wenn der Nilbarsch in Verruf gebracht und in Europa gemieden werde, gefährde das einen der wenigen florierenden Wirtschaftszweige in Ostafrika. Immerhin, die Kritik hat einiges bewirkt: Die tansanische Regierung hat Maßnahmen zum Schutz der Fischbestände unternommen und zum Beispiel den Einsatz von Trawlern mit Schleppnetzen verboten, um bedrohte Jungfische zu schützen. Bald soll der Nilbarsch als Produkt mit Gütesiegel auf den deutschen Markt kommen. Daran beteiligt sind unter anderem eine Fischereiorganisation in Ostafrika, die deutsche Entwicklungsfachorganisation Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit (GTZ) und der Ökolandbauverband Naturland. Der Nilbarsch, der inzwischen fast ein Drittel der Anlandungen der Fischer am Viktoriasee ausmacht, soll in Zukunft sozial- und ökoverträglich gefangen und verarbeitet werden. Kai Wiegler, Fachmann für die Förderung einer verantwortlichen Fischerei bei der GTZ, sagt auf die Frage, warum ein eingesetzter Raubfisch, der beträchtliche ökologische Schäden anrichtet, mit Gütesiegel verkauft werden soll: „Der Nilbarsch ist fest etablierter Teil des Viktoriasee-Ökosystems. Man wird diese Einführung einer nicht-endemischen Spezies vor 50 Jahren nicht rückgängig machen können. Ziel sollte es daher sein, den Nilbarsch sozial- und so umweltverträglich wie möglich zu nutzen und dabei zu versuchen, die Lebensbedingungen der Lokalbevölkerung zu verbessern. Dazu gehört die Unterstützung von lokalen Initiativen zum besseren Fischereimanagement auf Dorfebene.“

Logo des Globo Nature Fund

So komplex die Probleme am Viktoriasee sind, so kleinteilig sind oft die Lösungen. Ein Beispiel dafür sind die Solarlampen für Fischer, die vom Global Nature Fund propagiert und eingeführt werden. Um die Viktoriasardine zu fangen, locken mehrere Zehntausend Fischer sie bisher nachts mit Kerosinlampen an. Pro Boot und Nacht werden dafür etwa acht Liter Kerosin benötigt. Das kann die Fischer bis zur Hälfte ihrer Einkünfte kosten, belastet die Umwelt, u.a. durch auslaufendes Kerosin, und löst Hautprobleme aus. Deshalb fördert der GNF den Einsatz von Energiesparlampen, die mit Akkus ausgestattet sind und an Land mit Photovoltaiksytemen aufgeladen werden. Bis zu 200 Euro können die Fischer im Jahr so sparen, rechnet die Umweltschutzorganisation aus.

GNF-Geschäftsführer Udo Gattenlöhner, der am letzten Wochenende vom Viktoriasee zurückgekehrt ist, sieht gute Perspektiven für das Projekt: „Lichttechnik und Batterietechnik haben sich in den letzten Jahren dramatisch verbessert. Auch sind die Kosten so günstig, dass sich die Investitionen für die Fischer rasch amortisieren. Vor allem vermindert sich so ihre Abhängigkeit von den ständig steigenden Kerosinkosten.“

Eine weitere gute Nachricht für den See besagt, dass Uganda sich im Februar letzten Jahres unter internationalem Druck entschlossen hat, die Energieerzeugung aus der Wasserkraft des Viktoriasees von 170 auf 140 MW zu vermindern, obwohl es schon vorher zu wenig Elektrizität für die wachsende Wirtschaft gab. Bei voller Leistung könnten die Turbinen 380 MW Elektrizität erzeugen, aber darauf hofft in Uganda schon lange niemand mehr. Folge der Kapazitätseinschränkungen sind häufige Stromsperren, die nicht nur private Haushalte hart treffen, sondern auch die Industrie und die übrige Wirtschaft.

Um diese Probleme zu lösen, will die ugandische Regierung unterhalb der beiden vorhandenen Staudämme einen weiteren Staudamm errichten. Dieses Bujagali-Staudammprojekt ist allerdings umstritten. Im Februar hat die Umwelt- und Menschenrechtsorganisation International Rivers Network eine Studie zu den negativen Auswirkungen des Vorhabens veröffentlicht. Die Autorin der Studie, Lori Pottinger, schreibt: „Es gibt keine Garantie dafür, dass eine nachhaltige Wassermenge aus den beiden Wasserkraftwerken Naluballe und Kiiri ausreichen wird, um Bujagali wirtschaftlich zu betreiben.“ Ann-Kathrin Schneider, IRN-Vertreterin in Deutschland konkretisiert die Besorgnis von Umweltschützern: „Es besteht die Gefahr, dass mit dem neuen Staudamm der Druck wächst, mehr Wasser aus dem Viktoriasee durch die Turbinen strömen zu lassen. IRN plädiert dafür, andere Energiequellen stärker zu fördern, darunter Solar- und Windkraftanlagen.“

Udo Gattenlöhner vom „Global Nature Fund“ sieht nach seiner kürzlichen Reise Anzeichen dafür, dass sich die ökologische Situation am Viktoriasee etwas entspannt: „Die Niederschläge der letzten Monate haben den Wasserspiegel des Sees wieder steigen lassen, und die Wasserhyazinthen konnten zurückgedrängt werden. Dennoch: Für eine Entwarnung ist es zu früh.“

(Frank Kürschner-Pelkmann)

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