Frank Kürschner-Pelkmann

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aktuelles --- 11.04.2007 ---

Religiöser Fundamentalismus und Kommunikation

Titelseite von Media Development zum Thema Fundamentalismus

Der religiöse Fundamentalismus entstand Anfang des 20. Jahrhunderts in den USA und hat längst in viele Regionen und Religionen Fuß gefasst. Medien haben dazu einen wesentlichen Beitrag geleistet. Die Ausgabe 1/2007 Zeitschrift „Media Development“, die von der Weltvereinigung für Christliche Kommunikation (World Association for Christian Communication - WACC) herausgegeben wird, hat das Thema „Fundamentalism revisited“. In den Beiträgen der internationalen Kommunikationszeitschrift wird fundiert analysiert, warum und wie religiöser Fundamentalismus sich ausbreitet und welche Rolle Medien dabei haben, fundamentalistische Vorstellungen bekannt zu machen.

Drei der Zeitschriftenbeiträge sind ins Deutsche übersetzt und neben den englischsprachigen Aufsätzen auf die WACC-Website gestellt worden. Dennis Smith, der seit vielen Jahren die fundamentalistische Szene in Lateinamerika beobachtet, befasst sich mit dem Thema „Medien, Politik und Fundamentalismus in Lateinamerika“. Er schreibt über die Ursachen dieser Bewegungen:

Fundamentalismus ist eine Strategie, die sich an Gemeinschaften wendet, die von den Unsicherheiten und Vieldeutigkeiten im Leben geprägt sind, sich in ihren Rechten bedroht oder verfolgt sehen und in einer Zeit grundlegender und rascher sozialer Veränderungsprozesse Identität und Selbstbestätigung suchen.

Ein Beispiel dafür, wie Fundamentalisten mit Erfolg die Medien zur Verbreitung ihrer Ideen nutzen, ist Edir Macedo, der an der Spitze der brasilianischen „Universal Church of the Kingdom of God“ steht und gleichzeitig das Fernsehnetz Record besitzt, eines der wichtigsten Fernsehangebote des Landes. Macedo, so erläutert Dennis Smith in seinem Beitrag, nutzt seine Medienmacht nicht nur für die Propagierung seiner religiösen Vorstellungen, sondern nimmt auch Einfluss auf die brasilianische Politik. Bei der Beschäftigung mit dem christlichen Fundamentalismus gelte es aber auch zu erkennen, dass sein Aufstieg eng mit Defiziten der katholischen und der etablierten protestantischen Kirchen zusammenhängt.

Solche Anfragen stellt auch der nigerianische Theologe Ogbu Kalu in seinem Beitrag „Pfingstbewegung, Medien und kultureller Diskurs in Afrika“. Dazu gehört, dass die Bedeutung der traditionellen Kultur für das heutige religiöse und soziale Leben unterschätzt wird:

Die Kraft der traditionellen Kulturen, Verhaltensweisen und politische Entscheidungen im modernen öffentlichen Raum zu bestimmen, nötigt zu einem tief schürfenden Studium ihrer herausragenden Bedeutung und ihrer Veränderungskraft. Der Umgang der Pfingstbewegung mit der Kultur lässt ein Bewusstsein für die kraftvolle Realität dieser Kultur für die Mehrheit der Afrikanerinnen und Afrikaner erkennen. Afrika ist ein Kontinent, wo die meisten Menschen in ländlichen Gebieten wohnen und wo die Stadtbewohner ihre Wurzeln in den Dörfern bewahren ... Die Pfingstbewegung hat gelernt, den Menschen in ihre Dörfer zu folgen, ihre Weltsichten, Ängste und Hoffnungen ernst zu nehmen und das Evangelium eines super-mächtigen Jesus zu predigen, der Hexerei und Verwünschungen von Vorfahren besiegen kann.

Einen ganz anderen sozialen Kontext, in dem christlicher Fundamentalismus wächst, untersucht der indische Medienwissenschaftler Pradip Thomas. Die südindische Stadt Chennai (früher Madras) ist das am schnellsten wachsende Zentrum des Christentums in Südasien. Dazu tragen fundamentalistische Gruppen und Kirchen entscheidend bei. Auf der Grundlage einer Studie, die Pradip Thomas in Chennai durchgeführt hat, schreibt er in dem Beitrag in „Media Development“:

In Chennai und seinen Vororten gibt es inzwischen mehr als 2.500 Kirchen, darunter indigene Kirchen, Hauskirchen und eine Vielfalt pentekostaler und neo-pentekostaler Kirchen, die die Zahl der Christinnen und Christen in der Stadt rasch wachsen lassen ... Eine der Megakirchen, die „New Life AOG“-Kirche in Saidapet, Chennai, hat 35.000 Mitglieder, und 10.000 von ihnen finden Platz in der Kirche ... Es gilt, die Verbindungsleitungen zwischen dem globalen und dem lokalen Strom der Pfingstbewegung und Neo-Pfingstbewegung in Indien zu verstehen, ebenso die Präsenz des neuen Christentums im globalisierten Indien, die Entwicklung der christlichen Religion zu einer Ware in Indien, die Sinnstiftung und die Nutzung von religiösen Produkten, die über die Medien angeboten werden, die politische Ökonomie der christlichen Medienproduktion, die durch Wettbewerb geprägte Natur des Christentums in Indien und nicht zuletzt die Politik der vielen Teilungen im indischen Christentum.

In Chennai wie in vielen anderen Orten der Welt haben religiöse Radio- und Fernsehprogramme eine wichtige Rolle bei der Verbreitung fundamentalistischer christlicher Überzeugungen. Ausgangspunkt vieler dieser Programme sind wiederum die USA, und deshalb verdient der Beitrag von Bill Fore über die Geschichte der US-Fernsehprediger besondere Beachtung. Wie in einem Beitrag von Nabil Echchaibi in „Media Development“ dargestellt, gibt es auch eine enge Verbindung zwischen Medien und Religion im islamischen Fundamentalismus. In der Auseinandersetzung um den richtigen Weg des Islam kommt den Fernsehsendern verschiedener religiös-politischer Richtungen eine ganz entscheidende Rolle zu.

Die Beiträge der Ausgabe von „Media Development“ zum Thema „Fundamentalism revisited“ finden Sie auf der WACC-Website.

(Frank Kürschner-Pelkmann)

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