Frank Kürschner-Pelkmann

Kontakt und Impressum 


aktuelles --- 24.04.2007 ---

Arsen in Trinkwasser

Millionen Menschen sind von erhöhten Konzentrationen von Arsen im Trinkwasser gefährdet - auf allen fünf Kontinenten. Dieser Beitrag von Frank Kürschner-Pelkmann erschien in der „Süddeutschen Zeitung“ vom 24. April 2007. Er ist in dieser Fassung um einige Zitate ergänzt worden.

Logo der Süddeutschen Zeitung

Arsen vergiftet die Welt: „Trotz enormer Anstrengungen sind weiterhin Millionen Menschen weltweit tagtäglich Arsen im Trinkwasser ausgesetzt.“ Zu diesem Ergebnis kommt das eng mit der Weltgesundheitsorganisation WHO kooperierende International Water and Sanitation Centre IRC in einer Studie: Gelöst im Trinkwasser gefährdet das chemische Element die Gesundheit von Menschen in 36 Ländern auf allen fünf Kontinenten.

Zwar ist Arsen in sehr geringer Konzentration in vielen Bodenschichten und natürlichen Grundwasserlagern vorhanden, aber in den betroffenen Ländern entstehen durch eine hohe Konzentration erhebliche Gesundheitsrisiken. Nach der Untersuchung des IRC im niederländischen Delft sind Ungarn, Serbien und Kroatien die europäischen Länder, die besonders stark betroffen sind. In Ungarn trinken mehr als eine Million Menschen Wasser, das den Arsen-Grenzwert der WHO von zehn Milliardstel Gramm je Liter bis zu 30fach überschreitet. In den nächsten Jahren sollen die Wasserwerke so umgerüstet werden, dass das Arsen entfernt werden kann. Von 2009 an sollen die Grenzwerte der Weltgesundheitsorganisation eingehalten werden.

In dem Bericht wird auch Deutschland in der Liste derjenigen Länder aufgeführt, die mit Arsenbelastungen im Trinkwasser zu kämpfen haben. Hermann Dieter, der Leiter der Abteilung Toxikologie des Trinkwassers im Umweltbundesamt betont aber, dass Arsen in Deutschland nur in einigen Regionen Thüringens und Nordbayerns in nennenswerten Mengen vorkommt und dass die Substanz bei der Aufbereitung des Trinkwassers entfernt wird. Der WHO-Grenzwert wird in Deutschland seit 1996 verbindlich von den Wasserwerken eingehalten.

Altlasten aus der Farbenfabrik

Früher wurde Arsen auch in großem Umfang in der Industrie verwendet. Vor einigen Jahren wurden in Schonungen bei Schweinfurt extrem hohe Mengen im Boden und im Grundwasser gemessen. Grund dafür sind Altlasten einer Farbenfabrik, die bis 1930 bestand und das arsenhaltige „Schweinfurter Grün“ herstellte, das lange Jahre zum Beispiel als Schutzanstrich für Schiffe verwendet wurde. Die Untersuchungen ergaben, dass die Arsenaltlasten im Grundwasser den zulässigen Grenzwert bis zu 120-fach überschritten. Dagmar Rottmann, die dem Vorstand der Solidargemeinschaft umweltbewusster Bürger in Schonungen angehört, beschreibt, wie die Arsenfunde ihr Leben verändert haben: „Wir haben über Jahre mit verseuchtem Grundwasser unser Gemüse gegossen. Ich wollte meine Kinder mit eigenem Gemüseanbau gesünder ernähren. Jetzt, nach Jahren, weiß ich nicht, was ich damit meinen Kindern angetan habe. Arsen kann Krebs auslösen. Sollte später einmal einer meiner Kinder krank werden, wird mir als erstes immer unser Altlastproblem einfallen.“ Das Arsen in Boden und Wasser hat auch finanzielle Folgen: „Die Menschen hier waren und sind mit den Nerven am Ende. Unser Haus wurde von heute auf morgen wertlos. Alles wofür wir gespart und gearbeitet haben. Verkauf unmöglich. Weitervererben unmöglich.“

Ende letzten Jahres hat die bayerische Staatsregierung beschlossen, den größten Teil der Kosten für die Sanierung des Wohngebietes von 33 Millionen Euro zu übernehmen. Dagmar Rottmann sagt dazu: „Die Ungewissheit in den letzten sechs Jahren war enorm. Viele klagten über Schlafprobleme und Existenzangst. Im letzten Jahres hat sich endlich die bayerische Staatsregierung dazu bereit erklärt, den Betroffenen zu helfen. Aber nur, weil wir massiven Druck auf den Ministerpräsidenten aufgebaut hatten.“ Dass die Verwendung von Arsen in Deutschland inzwischen in vielen Produktionsprozessen verboten ist, lässt hoffen, dass hierzulande solche Erfahrungen die Ausnahme bleiben und die Arsenbelastungen weiter sinken werden.

Ganz anders ist die Situation in einigen asiatischen Ländern. Dort sind es vor allem natürliche Arsen-Vorkommen, die zu einer Belastung von Boden und Grundwasser führen. Kathleen Shordt, eine der Autorinnen der IRC-Studie, erläutert am Beispiel von Bangladesch, wie natürliche und menschen-gemachte Ursachen oft aber auch zusammenwirken und gravierende Gesundheitsrisiken verursachen. „Nachdem das Oberflächenwasser in Bangladesch zu stark belastet war, um es zu trinken, haben seit Ende der 1970er Jahre internationale Hilfsorganisationen Geld für den Bau von mehr als drei Millionen Brunnen zur Verfügung gestellt, die mit Handpumpen betrieben werden." Dieses Wasser habe Millionen Menschenleben gerettet. „Aber durch die Übernutzung der Grundwasservorkommen ist Arsen aus angrenzenden Bodenschichten in die tiefer gelegenen Grundwasserlager eingedrungen.“ Im benachbarten indischen Westbengalen gibt es ähnliche Probleme.

Experten schätzen, dass heute mindestens zwölf Millionen Menschen in Bangladesch arsenbelastetes Wasser trinken. Eine chronische Arsenbelastung ruft Krankheiten der Haut und Schäden an den Blutgefäßen hervor. Das kann zur Folge haben, dass ganze Gliedmaßen wegen schlechter Durchblutung absterben, sowie zu bösartigen Tumoren der Haut, Lunge, Leber und der Harnblase führen. Eine Arsen-Vergiftung kann Blutarmut und schwerwiegenden Stoffwechselstörungen verursachen. Nicht umsonst hat es die Substanz als schleichendes Mordgift zu einiger Berühmtheit gebracht.

Edda Kirleis, Südasienreferentin beim Evangelischen Entwicklungsdienst, hat bei vielen Reisen erfahren: „Viele unserer Partnerorganisationen in Bangladesch und im benachbarten indischen Westbengalen arbeiten mit Menschen, die durch die Folgen der Arsenbelastung des Trinkwassers betroffen sind.“ Häufige Krankheiten und Todesfälle würden allerdings die Erfolge der Entwicklungsanstrengungen gefährden. „Deshalb gehören die Aufklärung über die Gesundheitsrisiken und die Förderung alternativer Quellen der Trinkwasserversorgung zu den Prioritäten vieler Entwicklungsorganisationen in der Region“, sagt Kirleis.

Tiefe Brunnen sind teuer

Auch Vietnam ist von den Problemen betroffen. Schweizer Forscher der Eidgenössischen Technischen Hochschule haben gemessen, dass sowohl das Grund- als auch und das Trinkwasser von Hanoi und weiterer Regionen des Landes stark mit Arsen belastet sind. Elf Millionen Menschen sind durch dieses Wasser gefährdet.Der Grund wurde in mehrjährigen Forschungsarbeiten gefunden: In Sedimenten des Roten Flusses sind Tonmineralien enthalten, die stark eisenhaltig sind. Mit diesem Eisenanteil hat sich das Arsen verbunden, das vom Flusswasser transportiert wird und auch ins Grundwasser gelangt. Die höchste gemessene Arsenbelastung im Trinkwasser liegt 300 Mal über dem WHO-Grenzwert.

Der IRC-Bericht bewertet auch Methoden, um Arsen aus dem Trinkwasser zu entfernen. Shordt betont, dass viele dieser Verfahren in armen Ländern rasch an Grenzen stoßen: „Viele Technologien erfordern eine regelmäßige Wartung der Anlagen und den Kauf von Verbrauchsmaterialien. Das überschreitet die Möglichkeiten armer Familien.“ Tiefbrunnen sind eine mögliche Lösung, aber es wäre viel zu teuer, jeden Haushalt damit auszustatten. Das IRC arbeitet deshalb mit der Entwicklungsorganisation BRAC in Bangladesch zusammen, um von zentral gelegenen Tiefbrunnen aus jeweils eine größere Zahl von Haushalten über ein einfach gestaltetes Leitungsnetz mit sauberem Wasser zu versorgen.

Andreas Kuck, Leiter der Fachabteilung Wasser bei der Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit (GTZ), die im Auftrag des Bundesministeriums für Wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) tätig ist, stellt zu der Studie fest: „Es ist zu begrüßen, dass das IRC sich mit dem gravierenden Problem von Arsen im Trinkwasser befasst hat und das Thema wieder stärker in den Fokus der internationalen Gesundheits- und Entwicklungsdiskussion bringt. Wie die Verfasser der Studie sind auch wir der Auffassung, das die Arsen-Probleme in Ländern wie Bangladesch sich nicht rein technisch lösen lassen (so wichtig preiswerte technische Lösungen sind), sondern dass auch soziale Lösungsansätze gesucht werden müssen. Uns als GTZ ist dabei wichtig, auch die politische Dimension im Auge zu haben und eine staatliche Wasserpolitik zu fördern, die mehr Menschen den Zugang zu einer zuverlässigen und qualitativ sicheren Wasserversorgung eröffnet. Wichtig ist im Blick auf die Studie auch, dass internationale Erfahrungen und Konzepte für die Arsen-Problematik zusammengestellt und ausgetauscht werden.“

Im Internet finden Sie die PDF-Version der Studie Arsenic in Drinking Water (1,05 MB).

(Frank Kürschner-Pelkmann)

Aktuelle Nachrichten aktuelles-Archiv
Aktuelle Meldungen

Copyright © 2006-2010 Kürschner-Pelkmann