Frank Kürschner-Pelkmann

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aktuelles --- 16.05.2007 ---

Wasser in den afrikanischen Religionen

Wüste Sahara

Ich möchte diesen Beitrag mit einer religiösen Geschichte der Tuarek beginnen, die im Westteil der Wüste Sahara und in der Sahelzone leben. Während die unendlich scheinende Wüste von vielen als eine gefährliche und tote Region angesehen wird, ist sie für die Tuarek ein wunderbarer Lebensraum. Sie kennen sich dort sehr gut aus und haben sich den Regeln der Wüste und der angrenzenden Trockengebiete angepasst. Viele Jahrhunderte brachten sie mit ihren Kamel-Karawanen wertvolle Waren von Nordafrika nach Westafrika und zurück und wurden dabei wohlhabend. Im Mittelalter entstand in Timbuktu, mitten in der Sahara, ein prächtiges Wirtschafts- und Kulturzentrum. Am Kreuzungspunkt der bedeutendsten Karawanenwege wurden Salz und Getreide, Zucker und Gold gehandelt.

In ihrer Blütezeit hatte die Stadt etwa 100.000 Einwohner, davon 25.000 Studenten. Aber vom Ende des 16. Jahrhunderts an erlebte die Stadt einen Niedergang, und heute leben hier nur noch 36.000 Menschen. Auch die Zeit der großen Karawanen geht zu Ende, seit Schwerlastwagen die Güter durch die Sahara transportieren. Alte Kulturen wie die der Tuarek sind bedroht durch das, was die Regierungen Fortschritt nennen. In „modernen“ Staaten haben Nomaden, die durch die Wüste ziehen, keinen Platz mehr.

Aber die Geschichte, um die es jetzt geht, handelt in einer Zeit, als die Tuarek noch die Sahara beherrschten. Die Geschichte ist zum Internationalen Jahr des Wassers 2003 von der UNESCO auf Englisch veröffentlicht worden, und ich habe sie übersetzt und etwas gekürzt:

Vor langer Zeit ging es den Menschen sehr schlecht, weil der Wassergott Bulane es über viele Monate nicht regnen ließ. Erst trockneten die kleinen Bäche und Flüsse aus, dann auch die großen Flüsse und Seen. Selbst die Brunnen enthielten kein Wasser mehr. Der große Häuptling Rasenke beschloss, dass in einem anderen Gebiet nach Wasser gesucht werden sollte. Er sandte seinen Stellvertreter Mapopo mit einigen Leuten aus und gab ihnen Kürbisgefäße mit, damit sie Wasser zurückbringen konnten. Außerdem bekam Mapopo wertvolle Geschenke mit, damit er sie bei Bedarf gegen Wasser austauschen konnte.

Mapopo und seine Leute reisten sehr lange, ohne auf Wasser zu stoßen. Eines Tages erreichten sie einen Berg, und von dessen Spitze aus konnte sie in der Ferne einen kleinen Fluss erkennen. Sie liefen den Berg hinunter und hielten nicht an, bis sie diesen Fluss erreicht hatten. Aber als Mapopo sich niederbeugte und aus dem Fluss trinken wollte, hielt eine unsichtbare Hand ihn davon ab.

Er befahl seinen Leuten, die Kürbisgefäße mit Wasser zu füllen, aber so sehr sie dies auch versuchten, wurden sie doch immer von einer unsichtbaren Hand daran gehindert. Da rief Mapopo in seiner Verzweiflung den Wassergott an: „Herr, warum erlaubst Du uns nicht zu trinken?“

Der Gott antwortete: „Mapopo, Du musst mit der Tochter des Häuptlings zurückkommen, mit Motsesa, ich möchte sie zur Braut nehmen. Dann könnt ihr so viel Wasser trinken, wie ihr wollt. Aber wenn mein Wunsch abgelehnt wird, werden die Menschen in wenigen Tagen alle sterben.“

„Herr, ich werde meinem Häuptling die Botschaft bringen“, antwortete Mapopo. „Aber bitte lass uns trinken, sonst wird die Botschaft nie ihr Ziel erreichen, weil wir verdursten werden, bevor wir unser Dorf erreichen.“ Der Gott Bulane verstand dies und erlaubte es Mapopo und seinen Leuten, zu trinken und ihre Kürbisgefäße zu füllen. Der Gott Bulane versprach beim Abschied, dass seine zukünftige Frau nie unter Durst leiden werde.

Der Häuptling Rasenke war nicht glücklich, dass er seine Tochter Motsesa dem Wassergott geben sollte, auch wenn ihm klar war, dass es keine andere Lösung gab. Das Mädchen verließ das Dorf mit einer Karawane voller Geschenke für Bulane. Als die Karawane den Fluss erreicht hatte, ließen die Begleiter Motsesa mit den Geschenken zurück und kehrten traurig in ihr Dorf zurück.

Die junge Frau war verängstigt und schlief lange Zeit nicht ein. Aber schließlich schlief sie doch, und als sie wieder aufwachte, befand sie sich in einem luxuriösen Haus, wo die schönsten Speisen auf sie warteten. Dort lebte sie mit dem zunächst unsichtbaren Gott und bekam ein Kind von ihm. Schließlich zeigte sich der Gott ihr und machte sie zur Prinzessin eines großen und wohlhabenden Ortes, wo sie von den Menschen geachtet und verehrt wurde. Motsesa war so glücklich über dieses Leben, dass sie vor Freude weinte.

So weit diese Geschichte der Tuarek. Sie macht Verschiedenes deutlich. Da ist zunächst einmal die Abhängigkeit der Menschen vom Wasser. Diese Abhängigkeit wird besonders deutlich in Wüsten und Trockenregionen der Welt gespürt. Wenn der Regen ausbleibt, haben die Menschen in diesen Regionen der Welt aber verschiedene Methoden entwickelt, um mit dieser Krise fertig zu werden. Wie in der Geschichte der Tuarek ist es auch heute noch weit verbreitet, dass versucht wird, in Regionen auszuweichen, wo es noch genügend Wasser gibt. Diese Suche scheint keinen Erfolg zu haben, und die Menschen werden an ihre Abhängigkeit von den Göttern und in diesem Falle besonders vom Wassergott erinnert. Um den Wassergott gnädig zu stimmen, muss ihm ein Opfer gebracht werden - ein Opfer allerdings, das sich für die junge Frau eine sehr erfreuliche Wendung nimmt.

Wasser in den traditionellen afrikanischen Religionen

Die Abhängigkeit vom Wasser war und ist allen Völkern in Afrika bewusst. „Mai ni Mwoya“ - Wasser ist Leben. So drückt das Kikuyu-Volk in Kenia diese Erfahrung aus. Es war für die Menschen unübersehbar, dass dort Leben entstand und gedieh, wo Wasser war. Umgekehrt herrschten dort Dürre und Wüste, wo das Wasser fehlte. Es kann deshalb nicht überraschen, dass Wasser eine äußerst wichtige Rolle in afrikanischen Religionen hatte und hat.

Ein Beispiel dafür ist das westafrikanische Volk der Dogon in Mali. In der Schöpfungsgeschichte der Dogon hat der höchste Gott Nommo den Gott des „nassen“ Wassers nach seinem Bilde geschaffen und damit begann die Entstehung der Welt. In den Schöpfungsgeschichten mancher Bantu-Völker in Ostafrika nahm die Welt in einem gewaltigen Wasserstrudel ihren Anfang.

Aus diesen religiösen Vorstellungen sind viele kulturelle Traditionen entstanden. So wird bei einigen westafrikanischen Völkern ein neugeborenes Kind mit kaltem Wasser benetzt. Wenn es dann schreit, ist ihm durch diese Zeremonie die Gabe der Sprache verliehen worden. Bei vielen Initiationsriten hat Wasser eine zentrale Bedeutung, es befreit von Unreinheit und schützt vor den Kräften des Bösen. Bei den Bamileke in Kamerun segnet der Vater die Tochter am Tag der Hochzeit mit Wasser, in das Fefe-Blätter getaucht wurden. Das spinatartige Gewächs symbolisiert Sanftmut und Harmonie.

Wenn Wassermangel herrschte, wurden religiöse Rituale ausgeübt, um die Götter dazu zu bewegen, es wieder regnen zu lassen. Die Bezeichnung „Regenmacher“ ist für die Menschen, die diese Rituale ausüben, allerdings unpräzise. Denn sie machen keine Regen, sondern stimmen die Götter gnädig, damit diese den Regen auf die Erde schicken. Es gab und gibt in Afrika aber auch für den Fall religiöse Rituale, wo es zu viel und zu heftig regnete und so Gefahr entstand.

Die Achtung vor dem Wasser ist sicher eine Tradition, die aus den traditionellen Religionen bewahrt werden kann. Man muss sich allerdings bewusst sein, dass religiöse Systeme komplex sind und man nicht einfach einzelne Gedanken und Normen aus ihnen herauslösen kann, während man den Rest ignoriert oder verdammt. Es lässt sich also nur vorsichtig sagen, dass es erstrebenswert ist, in der heutigen Zeit an diese religiösen Vorstellungen von der Heiligkeit des Wassers anzuknüpfen, die zu einem verantwortungsbewussten Umgang mit dem Wasser auffordern.

Es soll nicht verschwiegen werden, dass es auch andere Vorstellungen in Afrika gibt, wie mit den Traditionen im Umgang mit dem Wasser verfahren werden sollte. Philip Mudehwe in Simbabwe ist der Regionalverantwortliche für Wasser und sanitäre Fragen des Internationalen Roten Kreuzes. Im März 2006 sagte er in einem Interview:

Afrika muss sich verändern und neue Methoden der Nutzung und des Managements von Wasser einführen. Es muss die alten Wege aufgeben und ein neues System einführen. Das alte System sollte aufgegeben werden, bei dem die Menschen dasaßen und auf den Regen warteten - und wenn er nicht kam, sagten: Wir sind erledigt.

Der simbabwesche Wasserfachmann fügte hinzu:

Es sollten moderne Bewässerungstechniken eingeführt werden, um der Gemeinschaft zu helfen. Wir können uns heutzutage nicht mehr auf das Wetter verlassen. Früher war es vorhersehbar, heute ist es das nicht mehr und manchmal fällt kein Regen.

Ganz überraschend führen uns diese Überlegungen von Jahrtausende alten Ritualen hin zu Fragen des heutigen globalen Klimawandels. Wenn Philip Mudehwe Recht hat, dann verliert der alte Glaube auch dadurch seine Bedeutung für das heutige Leben, dass westliche Länder unverantwortlich mit diesem Planeten umgehen, indem sie eine Klimakatastrophe auslösen.

Die Göttin Oshun

Entgegen manchen Vorurteilen verändern sich traditionelle afrikanische Religionen in der modernen Zeit und werden dadurch wiederbelebt. Ein Beispiel dafür ist die Verehrung der Göttin Oshun durch Angehörige des Volkes der Yoruba. Oshun gilt als die Göttin des Süßwassers und zugleich der Liebe, Schönheit und Fruchtbarkeit. Sie wurde - und wird wieder - in einem heiligen Hain in der Nähe der Großstadt Oshogbo im Westen Nigerias verehrt.

Oshogbo ist die Hauptstadt des Bundesstaates Osun, der nach der Göttin und dem gleichnamigen Fluss benannt ist. Der Hain gehört zu den letzten Resten des Hochwaldes, der ursprünglich den größten Teil Nigerias bedeckte. Er gilt als Wohnsitz der Wassergöttin und wird von einem Fluss durchquert. An seinen Ufern sind zahlreiche Heiligtümer, Schreine und Skulpturen zu Ehren von Oshun und anderer Yoruba-Gottheiten entstanden.

Es ist der einzig übrig gebliebene heilige Hain der Yoruba. Früher gab es solche heiligen Haine in der Nähe jeden Ortes. Dass dieser Hain erhalten blieb und wiederbelebt wurde, ist vor allem der österreichischen Künstlerin Susanne Wenger zu verdanken. Sie lebt seit einem halben Jahrhundert in Nigeria und wurde als Priesterin der Gottheit Oshun geweiht.

Heute bereichert die Künstlerin den Hain mit immer neuen Skulpturen. Susanne Wenger sagte vor einigen Jahren einem BBC-Journalisten, die Statuen böten den Göttern eine Zuflucht in einer modernen Gesellschaft, wo sie verlassen worden und heimatlos seien. Diese Neubelebung des Glaubens an die Götter ist nicht unumstritten. Etwa dann, wenn Susanne Wenger rät, so berichten ihre Kritiker, nicht zum Arzt zu gehen, wenn Kinder Pocken haben, sondern statt dessen einem Gott ein Opfer zu bringen. Sie selbst sitzt oft an dem kleinen Fluss und spürt seine besondere Energie. Susanne Wenger trug entscheidend dazu bei, dass der Hain vor der Zerstörung bewahrt wurde und heute von der UNESCO als Weltkulturerbe anerkannt ist.

In der überwiegend muslimischen Region wird in den Moscheen der Glaube an die Yoruba-Götter scharf verurteilt. Aber es kommen immer wieder Gruppen von Yoruba in den Hain, um den traditionellen Göttern nahe zu sein und besonders der Göttin des Süßwassers. Einmal im Jahr findet in dem Hain der Wasser-Göttin ein großes religiöses Fest statt. Das Fest dauert eine Woche und wird von Tausenden Menschen besucht. Am Ufer bringen die Menschen der Göttin, die im Fluss wohnt, Blumen und andere Geschenke dar. Die Menschen bitten die Göttin um Gesundheit, Wohlstand und viele Kinder.

Am letzten Tag des Festivals kommen 20.000 und mehr Gläubige zusammen. Die oberste Priesterin streut Futter für die Fische in den Fluss, denn sie sind die Boten der Göttin Oshun. Dann betet sie für die Fruchtbarkeit, und Mütter mit kleinen Babies danken der Göttin. Anschließend wird ein Bund zum gegenseitigen Schutz zwischen Gottheit und Menschen geschlossen. Danach baden alle im Wasser und nehmen heiliges Wasser mit nach Hause. Interessanterweise ist das Fest zu Ehren der Wassergöttin inzwischen so populär, dass es auch von vielen Touristen besucht wird. Feste zu Ehren der Wassergöttin gibt es inzwischen auch in der Stadt Toco auf der karibischen Insel Trinidad. Ebenso ist der Glaube an Oshun in Brasilien und vielen Ländern der Karibik und Mittelamerikas verbreitet.

In Nigeria selbst tragen heiliger Hain und jährliches Fest ganz wesentlich zur Festigung der Identität des Youruba-Volkes im Vielvölkerstaat Nigeria bei. Die Menschen nehmen den Glauben an Oshun mit in den Alltag, selbst in der Millionenstadt Lagos, einer der chaotischten Städte der Welt. Susanne Wenger bleibt an dem kleinen Fluss im heiligen Hain. Sie unterrichtet dort an der Yoruba-Kunstschule mit dem Namen „New Sacret Art“, Neue Heilige Kunst. Sie sagte einer deutschen Besucherin: „Dass ich den Fluss und den Hain verteidigt und beschützt habe, das macht das Leben sinnvoll.“

oo - Wenn die Götter aus der unterirdischen Wasserwelt emporsteigen

Aus einheimischen Religionen und christlichen Gedanken sind in Westafrika verschiedene Formen des Voodoo-Glaubens entstanden. In den Voodoo-Vorstellungen, die auch in der Karibik weit verbreitet sind, hat Wasser eine zentrale Bedeutung. Viele Voodoo-Anhänger sind überzeugt, dass das mythische Afrika neu entsteht, wenn die Geister aus ihrer unterirdischen Wasserwelt auf die Erde emporsteigen. Daher haben Quellen, Flüsse und Wasserfälle eine so wichtige Rolle in der Voodoo-Glaubenswelt. Bei jeder Zeremonie wird zunächst Wasser auf den Altar gegossen, um die Geister aus der Unterwelt herbeizurufen.

mami wata

Eine mit Voodoo verwandte Religion ist der Glaube an mami wata. Der Glaube an die Meeresgöttin mami wata ist beim Küstenvolk der Ge in Togo entstanden und hat sich inzwischen weltweit verbreitet. Es gibt mittlerweile auch in Deutschland eine kleine mami wata-Bewegung, die über eine eigene Website verfügt. Mami wata bedeutet im Pidgin-Englisch „Mutter Wasser“.

Der Glaube an mami wata entstand in der Kolonialzeit. Darin verschmelzen traditionelle und christliche Überzeugungen, und auch Spuren des Hinduismus sind zu entdecken, vor allem in Abbildungen der Göttin, die hinduistischen Göttinnen ähnelt. Die Darstellungen von mami wata als Meerjungfrau erinnert manchmal den Galionsfiguren alter Segelschiffe, was zur Theorie geführt hat, diese Galionsfiguren hätten Pate gestanden bei der Gestaltwerdung von mami wata.

Eine andere Erklärung für die Darstellung von mami wata als Meeresnixe führt nach Norddeutschland, zu den Völkerschauen des Carl Hagenbeck. Der Name Hagenbeck ist heute mit dem Hamburger Tierpark verbunden. Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts veranstaltete Carl Hagenbeck aber auch so genannte Völkerschauen. Dort wurden Menschen und Tiere aus vielen Regionen der Welt zur Schau gestellt. Eskimos wurden dabei ebenso ausgestellt wie Bewohner von Südseeinseln. Mit einzelnen Motiven der Schauen wurden auch Stoffe bedruckt, so auch vom Motiv „Die Schlangenbändigerin“, vermutlich eine Südseeinsulanerin. Diese Stoffe gelangten in großer Zahl nach Westafrika und auch in die damalige deutsche Kolonie Togo.

Es ist aber unklar, ob diese Südseeinsulanerin oder die Stoffe indischer Händler zur Vorlage für die Abbildungen von mami wata wurde. Eine Orientierung an indischen Göttinnenbildern könnte das dritte Auge der afrikanischen Göttin und ihre vielen Arme auf verschiedenen Abbildungen erklären. Auf jeden Fall hat die Göttin heute einen festen Platz im religiösen Leben vieler Menschen in Westafrika.

Die Anlehnung ihrer Abbildungen an europäische oder indische Vorlagen darf nicht zu dem Irrtum führen, den authentisch afrikanischen Ursprung und Charakter der mami wata-Glaubenswelt zu verkennen. Dass hat die Theologie Amélé Ekué in ihrer Dissertation über den mami wata-Glauben eindeutig nachgewiesen. In dieser Arbeit, die leider vergriffen ist, wird auch deutlich, wie wichtig es für die Frauen war, in dieser Religionsgemeinschaft wieder zentrale Aufgaben übernehmen zu können, während sie im Christentum bis in die jüngste Vergangenheit von der aktiven leitenden Mitwirkung an religiösen Zeremonien ausgeschlossen blieben.

Dass die Frauen nicht nur als Priesterinnen der mami wata-Glaubensgemeinschaft aktiv werden können und zugleich im Alltag diejenigen sind, die für die Versorgung der Familien mit Wasser sorgen, hat vermutlich die Bedeutung des Wassers in der Glaubenswelt der Anhängerinnen und Anhänger der Göttin noch erhöht. Wasser hat in der mami water-Glaubenwelt einen zentralen Platz. Viele Versöhnungsriten werden mit Wasser besiegelt. Wasser steht für Frieden und Solidarität. Es besänftigt und vereint Menschen.

In Togo und anderen westafrikanischen Küstenstaaten werden viele Zeremonien am Meer statt. Meerwasser kommt auch bei vielen anderen Zeremonien eine wichtige Rolle zu. Und mami wata ist inzwischen nach Deutschland zurückgekehrt, in das Land wo vielleicht ihr erstes Bild entstand, und dies auf doppelte Weise. Einwanderer aus Togo und anderen westafrikanischen Ländern verehren mami wata auch hier und bauen ihr Altäre. Und in esoterisch-schamanistischen Kreisen erfreut sich die Göttin großer Beliebtheit.

Wasser im afrikanischen Christentum

Wir verlassen nun die Welt der afrikanischen Wassergöttin und ihrer esoterischen Anhängerschaft in Deutschland und wenden uns dem Verhältnis des afrikanischen Christentums zum Wasser zu. Einige der ersten Gläubigen der neu entstehenden christlichen Gemeinden des ersten Jahrhunderts zogen sich als Einsiedler oder in kleinen Klostergemeinschaften in Wüstengebiete Nordafrikas zurück, um weitab von dem hektischen Geschehen der Welt ganz bei sich und bei Gott zu sein.

Diese Tradition lebt auch nach fast zwei Jahrtausenden fort. Raphael Deillon vom Orden der Weißen Väter hat zwei Jahrzehnte lang in einem Kloster in der algerischen Wüste gelebt. In der Schweizer Missionszeitschrift „Wendekreis“ schrieb er 2003 über diese Erfahrung:

Die Wüste bietet einen Raum voller Geheimnisse, die sich verbinden, um uns zu helfen, uns selbst zu finden. Wenn wir die Regeln akzeptieren. Weil es da nichts gibt, muss man in sich selbst die Elemente finden, die uns erlauben, für die anderen zu sein. Die Zeit, die wir in der Welt nicht finden, um zuzuhören oder gehört zu werden - hier gibt es sie im Überfluss ... In der Wüste haben die Nomaden die Gastfreundschaft erfunden und aus ihr ein göttliches Gebot gemacht. Denn die Wüste ist so lebensfeindlich, dass man sich nur auf das Teilen und die Gastfreundschaft verlassen kann. In der Wüste wird ein Nomade niemals einen Brunnen ohne Seil und Kessel hinterlassen, die es den nächsten ermöglichen zu trinken. Die Wüste zwingt jeden, in jedem Augenblick auf den anderen zu zählen und immer auf Gott. In der Wüste lernt man zu sagen: Gott ist größer als alles!

Das heilige Wasser der Kimbanguisten

Vor allem vom 19. Jahrhundert an entstanden überall in Afrika christliche Gemeinden. Die Gläubigen brachten ihre Kultur, Traditionen und Glaubensüberzeugungen mit in diese Gemeinden ein. Das führte nicht selten zu Konflikten mit den Missionaren, nicht selten mit der Konsequenz, dass sich unabhängige afrikanische Kirchen bildeten.

Diese Kirchen bemühen sich darum, christlichen Glauben und das Verwurzeltsein in der eigenen Kultur miteinander zu verknüpfen. Dabei kommt dem lebensspendenden Wasser eine zentrale Bedeutung zu. Das hat auch Konsequenzen für das Lesen und das Verständnis der Bibel.

In Kirchen in Afrika werden die Texte der Bibel, in denen es um Heilung in einem umfassenden Sinne geht, intensiv gelesen und ausgelegt. Dabei wird die Verbindung von Heilung und Wasser besonders stark wahrgenommen, denn hier lässt sich in Afrika an viele einheimische Traditionen anknüpfen. Die Kimbanguisten, eine der traditionsreichsten und größten unabhängigen Kirchen Afrikas, haben in N'kamba in der Demokratischen Republik Kongo ihr religiöses Zentrum, ihr neues Jerusalem.

Das Wasser der heiligen Quelle von N'kamba reinigt und erneuert die Gläubigen. Viele Kranke suchen in diesem Wasser Heilung. Und die meisten Kimbanguisten nehmen ein Fläschchen dieses heiligen Wassers mit nach Hause und tragen es ständig bei sich. Bei der Segnung eines neuen Hauses oder auch eines neuen Autos durch einen Pfarrer ist heiliges Wasser aus N'kamba unverzichtbar. Damandji Banga Wa Banga, Pfarrer der Kimbanguistischen Fakultät in Lutendele (Kongo), hat die Bedeutung des heiligen Wassers in seiner Kirche so dargestellt:

Den Gläubigen wird immer wieder gesagt, dass es Jesus ist, der heilt, dass es Jesus ist, der beschützt. Ohne den Glauben an ihn bleibt das Wasser ohne Wirkung.

Er fügte hinzu:

Das Wasser ist unsere Mutter, da sie die Erde trägt, auf der wir leben, und hierfür schulden wir ihm Dankbarkeit. Seine Wichtigkeit darf nicht vernachlässigt werden, weder im täglichen, noch im religiösen Leben. Das Wasser von N'kamba symbolisiert für die Kimbanguisten Gesundheit, Genesung, Sicherheit, Schutz, Reinigung und Heil.

Gesegnetes Wasser einer unabhängigen Kirche in Uganda

Ähnliche Erfahrungen machen auch die Gläubigen der „Holy Church of Christ“ in Kubiri in Uganda. Die Kirche geht auf einen inzwischen verstorbenen Evangelisten aus Ghana zurück. Sie wird heute von dem Propheten Kakande geleitet und legt großes Gewicht auf Heilungen. Nach den Gottesdiensten erhalten die Gläubigen Wasser aus einer Quelle, das vom Propheten gesegnet wird. Das Wasser wird an alle kostenlos abgegeben, unabhängig von ihrer Religionszugehörigkeit. Eine junge Frau, die 16-jährige Margret, sagte einem ugandischen Journalisten zur Wirkung des heiligen Wassers:

Wenn Du ein Problem hast, musst du nicht zum Arzt gehen. Du musst das Wasser nur in ein Bad tun oder es trinken, und dann wirst Du gesund. Wenn ich Kopfschmerzen habe oder Magenprobleme, lasse ich das Wasser auf mich heruntertropfen, und dann werde ich wieder gesund.

Auch aus vielen anderen unabhängigen afrikanischen Kirchen ermöglicht heiliges Wasser den Gläubigen, wieder gesund zu werden. Das mag naturwissenschaftlich bestimmten Vorstellungen von Heilung widersprechen. Es mag auch den Vorstellungen der etablierteren afrikanischen Kirchen nicht entsprechen, aber es ist Teil der Glaubenswelt und der alltäglichen religiösen Erfahrungen vieler Menschen in Afrika.

Kirchliche Wasserprojekte in Afrika

In den Kirchen, die direkt aus der europäischen Missionstätigkeit hervorgegangen sind, hat Wasser ebenfalls eine große Bedeutung. Dies kommt in den Taufzeremonien zum Ausdruck, die einen hohen Stellenwert im gemeindlichen Leben haben. Die Bedeutung des Wassers zeigt sich aber auch im Entwicklungsengagement dieser Kirchen. Viele Tausend Brunnen und kleine Staumauern sind zwischen Ghana und Malawi durch das Engagement der Kirchen und Gemeinden gebaut haben.

Meist bildet die gemeinsame Arbeit der lokalen Bevölkerung die Grundlage für die Verwirklichung der Projekte und das Geld und die Expertise von Außen ergänzen diese Anstrengungen vor Ort. Das hat zur Konsequenz, dass die Menschen sich mit diesen Projekten identifizieren und dafür sorgen, dass die Pumpe gewartet und der Boden rund um den Brunnen nicht verunreinigt werden.

Ein Beispiel dafür sind die Brunnen, die von Frauengruppen in der Evangelischen Kirche von Togo mit finanzieller Unterstützung der „Norddeutschen Mission“ mit Sitz in Bremen gebaut werden. Anders als bei vielen früheren Wasserbauprojekten werden die Frauen bei diesen Vorhaben an der Planung, Entscheidung und Durchführung aktiv beteiligt. Das hat auch die Stellung der Frauen in ihren lokalen Gemeinschaften gestärkt. Pastorin Maryse Adubra, die Leiterin des Evangelischen Frauenverbandes für Entwicklung und Solidarität in Togo, beschreibt die Veränderung so: „Es ist wunderbar, zu sehen, mit welchen Fähigkeiten und mit welchem Selbstbewusstsein die Frauen agieren.“

In den Gebieten, in denen schon Gemeinschaftsbrunnen gebaut worden sind, müssen die Frauen in der Trockenzeit nicht mehr große Strecken zurücklegen, um Wasser aus Flüssen oder Tümpeln zu holen. Sie sind, wie in vielen Gesellschaften der Welt, für die Beschaffung von Wasser zuständig. Pastorin Adubra beschreibt die Situation so: „Sie brauchen Wasser für die ganze Familie zum Trinken, Kochen, zur Körper-Hygiene, zum Wäsche waschen und zur Bewässerung der Gemüsefelder.“ Frauen müssen also oft Wasser holen, um diesen Bedarf zu decken, und je weiter die Wasserquelle entfernt ist, desto mehr Zeit geht für andere Aufgaben verloren. Vor allem die zunehmende Trockenheit im Norden Togos, wo es acht Monate im Jahr nicht regnet, erfordert dringend Maßnahmen zur Verbesserung der Wasserversorgung. Mit dem Bau von Brunnen verbessert sich die Gesundheitssituation der Familien, weil das Brunnenwasser sauber ist, während das Wasser aus offenen Gewässern häufig so belastet ist, dass es besonders bei Kindern Krankheiten wie Cholera verursacht.

Der finanzielle Aufwand für einen 25 Meter tiefen Brunnen ist nicht groß, 400 Euro, plus die Eigenarbeit der Dorfbewohner. Der richtige Standort wird mit Unterstützung eines erfahrenen Wünschelrutengängers gesucht. Dann werden Brunnenbauer für das Ausschachten angestellt, denn man braucht Erfahrung für diese schwierige und gefährliche Aufgabe. Die Dorfbewohner helfen mit und können vor allem bei der Herstellung von Betonringen, die zur Befestigung in den Brunnen eingelassen werden, einen eigenen Beitrag leisten. Auf Motorpumpen, die teuer und störanfällig sind, wird verzichtet. Stattdessen dienen Eimer, Seile und Rollen dazu, das Wasser zu schöpfen. Über eines dieser Brunnenprojekte hat Pastor Hannes Menke von der Norddeutschen Mission im Dezember 2003 geschrieben: „Das Motto der Evangelischen Kirche in Togo lautet: ‘Das ganze Evangelium für den ganzen Menschen.’ Das Wort vom lebendigen Wasser ist bei den Frauen in Todzi-Kao angekommen. Sie erfahren, wie Gottes Liebe bei ihnen Gestalt annimmt.“

Das Recht auf Wasser

Zunehmend engagieren sich die afrikanischen Kirchen nicht nur für einzelne Wasserprojekte, sondern auch in der Gesellschaft für die Verwirklichung des Menschenrechts auf Wasser. Die Katholiken können sich dabei auf den Vatikan berufen. Der hat sich in einem Schreiben an die Teilnehmerinnen und Teilnehmer des Weltwasserforums in Mexiko ausdrücklich dafür ausgesprochen, den freien Zugang zu sauberem Wasser als Menschenrecht zu definieren.

Ähnlich hat sich im Februar 2006 die 9. Vollversammlung des ÖRK geäußert. Im ÖRK-Beschluss zum „Wasser für das Leben“ wird daran erinnert, dass Wasser in der Bibel ein Symbol des Lebens darstellt. Es heißt dann in der Erklärung: „Es ist deshalb richtig, sich zu Wort zu melden und zu handeln, wenn das Leben schaffende Wasser flächendeckend und systematisch bedroht wird.“ Die ÖRK-Vollversammlung betonte, dass „es lebenswichtig ist, die Bedeutung des Rechts auf Wasser zu fördern und alternative Lebensweisen aufzuzeigen, die mehr Respekt gegenüber ökologischen Prozessen zeigen und längerfristig nachhaltiger sind“. Es wird als notwendig angesehen, Bewusstseinsbildung zu betreiben und die erforderlichen Schritte zu unternehmen, um einen exzessiven Wasserverbrauch und die Verschmutzung von Wasser zu verhindern. Auch gelte es, das grundlegende Menschenrecht auf Wasser auf lokaler, nationaler, regionaler und internationaler Ebene zu garantieren und durchzusetzen.

Kirchen und ökumenische Organisationen werden ermutigt, sich am „Ecumenical Water Network“ zu beteiligen. Regierungen und internationale Entwicklungsorganisationen werden in der Erklärung aufgefordert, in angemessenem Umfang Finanzen und andere Ressourcen für Programme bereitzustellen, die den Zugang zu Trinkwasser und eine angemessene sanitäre Entsorgung sicherstellen sollen.

Einer derjenigen, die sich im Stab des ÖRK für die Verteidigung des Rechts auf Wasser einsetzen, ist der tansanische Theologe Dr. Rogata Mshana. In einem ÖRK-Text zum Thema „Wasser, die Quelle des Lebens“ schreibt er u.a.:

ie ökumenische Bewegung hält daran fest, dass Wasser ein Geschenk Gottes und ein fundamentales Menschenrecht ist. Es sollte in öffentlicher Verantwortung bleiben und nicht gehandelt werden. Andere soziale Bewegungen teilen diese Auffassung.

Der tansanische Theologe weist darauf hin, dass viele ländliche Gemeinschaften in Afrika lokale Formen des sorgsamen Umgangs mit dem Wasser entwickelt haben. Für sie ist Wasser heilig. Es muss geachtet und geschützt werden. Wasser ist der Kern des Lebens und muss intakt bleiben. In diesen Gemeinschaften ist das Wasser kostenlos, schreibt Dr. Mshana, „die Menschen zahlen in der Form dafür, dass sie die Wasserquellen schützen“.

Diese Einstellung zum Leben wird auch von Dr. Peri Rasolondraibe geteilt. Der Theologe aus dem Süden Madagaskars erinnerte sich 2005 bei einer Konsultation des LWB in Nairobi so an seine eigene Kindheit: „Wasserverschwendung und das Spielen mit Wasser waren wichtige Tabus, die Kinder von früher Kindheit an gelehrt wurden. Wir durften einmal in der Woche duschen.“ Die Achtung des Wassers prägt heute seine Überzeugungen zur Verantwortung von Christinnen und Christen: „Ich halte es für totale Missachtung und Arroganz, wenn Gewässer, in denen Myriaden von Lebewesen zu Hause sind, als Müllhalden für Industrie- und Giftmüll missbraucht werden.“ Auf dem gleichen Hintergrund lehnt der madagassische Theologe die Privatisierung der Wasserversorgung ab: „Wenn Wasser von privatwirtschaftlichen Unternehmen zur Ware herabgewürdigt wird, stehen die Menschenrechte auf dem Spiel.“

„Privates“ Wasser in Südafrika

Was bedeutet eine Privatisierung des Wassers und warum wehren sich Christinnen und Christen in Afrika dagegen? Um dies zu erläutern, wähle ich das Beispiel Südafrika. Südafrika gehört zu den Ländern der Welt, in denen das Recht auf Wasser in die Verfassung aufgenommen worden ist. Allerdings ist es für die Bürger schwierig, dieses Recht auch einzuklagen.

Seit dem Ende der Apartheid wurden zehn Millionen Menschen an die öffentlichen Wassernetze angeschlossen. Aber noch immer haben Millionen Einwohner Südafrikas keine ausreichende Wasserversorgung und keinen Anschluss an ein Abwassersystem. Viele schwarze Kinder erkranken, weil die Wasser- und Abwasserversorgung desolat ist. Die Kindersterblichkeit in Südafrika ist die höchste in Afrika, wenn man die Höhe des durchschnittlichen Prokopfeinkommens in Rechnung stellt.

In Südafrika spiegelt die Wasserversorgung noch immer in erschreckendem Maße das Erbe der Apartheidzeit wider. Die Wohngebiete in denen überwiegend wohlhabende Weiße wohnen, verfügen über ein gut ausgebautes Wasserversorgungs- und Abwasserentsorgungsnetz. Viele Bewohner der Armenviertel auch weiterhin Schlange stehen müssen, um in Eimern Wasser aus einem zentral gelegenen Gemeinschaftsanschluss zu bekommen.

Die Regierung versucht, die Kluft zwischen Wasser-Reichen und Wasser-Armen zu schließen. Schrittweise werden für die weißen Farmer der Wasserpreis erhöht, zum Teil auch erst eingeführt. Das Wasser aus den Gemeinschaftspumpen der Armen wird hingegen stark subventioniert. Aber dadurch, dass der Status quo der bestehenden Wasserrechte beim Übergang zu einem demokratischen Südafrika bestätigt wurde, verfügen viele weiße Farmer und Industrieunternehmen weiterhin über lukrative Wasserrechte, während die schwarze Bevölkerung und vor allem diejenigen, die aus ihren fruchtbaren Heimatgebieten in dürre Homelands umgesiedelt wurden, das Nachsehen haben.

Die Situation wird dadurch verschärft, dass große Teile Südafrikas zu den wasserarmen Ländern des Kontinents gehören. Bringt die Privatisierung der Trinkwasserversorgung eine Lösung dieser Probleme? Wenn man den Verfechtern einer Privatisierung glaubt, wird dies alles besser, wenn die Versorgung von kommerziell arbeitenden Unternehmen übernommen wird.

In Südafrika gibt es bereits ein halbes Dutzend solcher Privatisierungen. Die Ergebnisse sind nicht überzeugend. Zunächst einmal fällt auf, dass diese Maßnahmen gegen den Widerstand der lokalen Bevölkerung und der Gewerkschaften durchgesetzt wurden. Die Bevölkerung erwartete - wie sich herausstellte zu Recht - Preiserhöhungen. Die Gewerkschaften erkannten die Gefahr, dass die Zahl der Beschäftigten vermindert und die Lohnsituation sich gegenüber dem öffentlichen Dienst verschlechtern würde.

Die Bilanz der bisherigen Privatisierungen ist ernüchternd. In einem Fall wurde der Vertrag auf Gerichtsbeschluss annulliert, weil er nicht vorab öffentlich ausgelegt worden war und die Bürger deshalb keine Möglichkeit zu Einsprüchen hatten. In einem weiteren Fall ist die Kommunikation zwischen Wasserunternehmen und den lokalen Behörden völlig zusammengebrochen, in einem dritten Fall ist es in Lohnfragen zu Streiks gekommen, und in weiteren Fällen herrscht Unzufriedenheit der Abnehmer über die Leistungen des Wasserunternehmens und die steigenden Preise.

Ein Zentrum der Auseinandersetzungen ist Johannesburg. Hier erfolgte die Privatisierung der Wasserversorgung im Jahre 2001. Der französische Suez-Konzern hat dort die Konzession erhalten. Von den Gewerkschaften wurde diese Privatisierungspolitik mit Streiks beantwortet. Als Problem für Suez erwies sich von Anfang an, dass viele Familien die Wasserrechnungen nicht bezahlt haben. Angesichts hoher Arbeitslosigkeit fehlte oft das Geld, um die Rechnung zu begleichen. Suez ließ daraufhin Wasserzähler einbauen und hat die Anschlüsse gekappt, wenn die Wasserrechnungen nicht bezahlt wurden.

Das löste großen Zorn in der Bevölkerung aus. Im April 2002 zogen Demonstranten vor das Haus des Bürgermeisters von Johannesburg. Angesichts der großen Verbreitung von AIDS lässt sich schwer erahnen, was es bedeutet, wenn den Betroffenen nach Ausbruch der Krankheit nicht nur der Lohn fehlt, sondern auch die Wasserversorgung abgeschnitten wird. Deshalb kam es zu der Demonstration. Die Leibwache des Bürgermeisters schoss auf die Demonstranten und die Polizei nahm zahlreiche Menschen fest. Daraufhin zogen wütenden Bewohner Sowetos vor die Polizeiwache, in der die Demonstranten festgehalten wurden, und verbrannten ihre ANC-Mitgliedsausweise. Wer weiß, was es in der Apartheid-Zeit bedeutete, Mitglied des ANC zu sein, wie viel Verfolgung damit verbunden war, der kann ermessen, wie groß der Zorn vieler ist.

Suez hat auf die Proteste reagiert. Jetzt wurde eine smarte Lösung eingeführt. Es wurden elektronische Systeme eingeführt. Wasser fließt nur dann, wenn man eine Chipkarte einsteckt. Wenn der Wert der Chipkarte abgelaufen ist, muss man sie neu aufladen. Wem das Geld dazu fehlt, der erhält kein Wasser. Eine andere Methode besteht darin, dass säumige Zahler nur noch tröpfchenweise Wasser aus dem Hahn erhalten.

Der Protest gegen diese Politik hält an. Viele Menschen sind der Auffassung, dass Wasser ein gemeinsames Gut ist, das nicht internationalen Konzernen überlassen werden darf. Angesichts der heftigen Konflikte um das Lebens-Mittel Wasser haben sich die Mitgliedskirchen des Südafrikanischen Kirchenrates und die katholische Bischofskonferenz kritisch mit den Ergebnissen der bisherigen Privatisierungen im Wasserbereich auseinander gesetzt. In der Erklärung vom 6. Juni 2002 heißt es:

Europäische Unternehmen haben ein großes Interesse daran, ihre Wirtschaftsinteressen auf die Wasserprivatisierung auszudehnen und profitieren in erster Linie von solchen Maßnahmen. Aber die Ergebnisse der bisherigen Privatisierungen im Wasserbereich sind furchtbar. So sind zum Beispiel für viele Menschen in Südafrika, vor allem für Menschen mit minimalem Einkommen und arbeitslose Frauen, die Wasserrechnungen plötzlich auf die Hälfte ihrer Monatseinkünfte hochgeschnellt.

Die südafrikanische Regierung hat inzwischen reagiert. Jede Familie erhält jetzt 6.000 Liter Wasser im Monat kostenlos. Zu diesem Erfolg haben auch die Kirchen beigetragen, die sich aus ihren Glaubensüberzeugungen heraus für das Recht aller Menschen auf Wasser eingesetzt haben.

Ökumenische Positionen zum gemeinsamen Gut Wasser

Die „Allafrikanische Kirchenkonferenz“ AACC, der Zusammenschluss protestantischer und orthodoxer Kirchen in Afrika, teilt die Ablehnung der Privatisierung der Wasserversorgung. Pfarrer Mvume Dandala, der Generalsekretär, hielt im November 2005 bei einem ökumenischen Treffen afrikanischer Kirchen zu Wasserfragen eine Begrüßungsansprache. Darin sagte er: „Wassermangel ist genauso zerstörerisch wie Armut, die nicht überwunden werden kann, wenn das Problem des Wassermangels nicht gelöst wird.“ Deshalb sprach Pfarrer Dandala sich auch dagegen aus, Wasser zu einer Ware zu machen, die verkauft und gekauft wird. Er sagte:

Wenn wir Wasser nicht nur als lebensnotwendige Substanz betrachten, sondern als einen unaufgebbaren Teil dessen, was uns als lebendige, atmende Menschen ausmacht, können wir dann zulassen, dass eine Gemeinschaft kein Wasser mehr bekommt, weil sie es nicht bezahlen kann?

Bei der ökumenischen Konferenz in Kenia wurde von den Vertreterinnen und Vertretern afrikanischer Kirchen und einiger anderer Kirchen aus der weltweiten Ökumene wurde ein Dokument für die Bildung eines ökumenischen Wasser-Netzwerkes beraten, aus dem ich einige Passagen zitieren möchte:

Wasser ist die Wiege und die Quelle des Lebens und eines der bedeutendsten Träger von kultureller und religiöser Bedeutung. Leben ist in all seinen Formen nicht möglich ohne Wasser ... Gott, der Schöpfer, gibt das Leben, und Wasser ist gewissermaßen das Instrument, durch das Gott Leben schafft ... Für die christliche Gemeinschaft wird Wasser bei der Taufe zum Bild der Erneuerung, des Versprechens und der Hoffnung. Wasser hat eine tiefe spirituelle Bedeutung ... Wir sind dazu aufgerufen, Gottes Geschenk des Wassers mit Dankbarkeit und zum gemeinsamen Wohl allen Lebens auf dem Planeten Erde entgegenzunehmen. Zu dieser Verantwortung gehört es, dass die Menschen die Verantwortung dafür haben, sich um ihre Nachbarn zu kümmern, ebenso für alles Leben, um sicher zu stellen, dass um der Gerechtigkeit willen niemanden das Wasser vorenthalten wird, die Grundlage des Lebens ... Wasser als Geschenk Gottes und Menschenrecht zu behandeln, bedeutet auch, dass sauberes, frisches Wasser allen Lebewesen zur Verfügung stehen sollte, um ein grundlegendes Bedürfnis zu erfüllen, und nicht als ein privater Rohstoff behandelt werden, der gekauft und verkauft wird.

Wasser im Islam

Ich komme kurz zur Bedeutung des Wassers für Muslime in Afrika. Der Islam hat seinen in den Wüstenregionen Arabiens, und dort war man sich stets der lebensspendenden Kraft des Wassers sehr bewusst. Wasser verkörpert Leben, Fruchtbarkeit und Vegetation. Trockenheit hingegen steht für Wüste und Tod.

Wasser wird von Muslimen als Geschenk Allahs angesehen, so wird an einer ganzen Reihe von Stellen im Koran deutlich. In Sure 50 heißt es: „Und wir senden vom Himmel Wasser, das voller Segen ist, und bringen damit Gärten hervor und Getreide für die Ernte.“ In Sure 35 steht: „Siehst du nicht, dass Gott Wasser vom Himmel niedersendet? Dann bringen wir damit Früchte von vielfacher Farbe hervor.“ Und am Jüngsten Tag wird der Prophet Mohammed die Angehörigen seiner Umma (Gemeinschaft) an einem Wasserbecken erwarten, aus dem die Gläubigen trinken und ihren Durst löschen können. Und in Sure 47 wird angekündigt: „Allah wird jene, die glauben und gute Werke tun, in Gärten führen, die Ströme durchfließen ...“ In den islamischen Paradiesvorstellungen kommt dem kühlenden Wasser eine wichtige Rolle zu. Das arabische Wort, das für Paradies verwendet wird, lässt sich auch mit Garten übersetzen. Und in der Tat ist das islamische Paradies ein großer Garten, durch den zwei große Ströme fließen: Kawthat und Salsabil. Zur Erfrischung gibt es viele Springbrunnen.

Die islamischen Mystiker vergleichen Allah mit einem grenzenlosen Ozean, den Menschen in seiner Vergänglichkeit aber mit einem zerbrechlichen Boot, das in den Wellen treibt. Allah schenkt den Menschen, allen anderen Lebewesen und den Pflanzen das Wasser. Die Oase in einer lebensfeindlichen Wüste ist ein Sinnbild der Zuwendung Allahs zu den Menschen.

Es gehört, so Professor Nadia Mahmoud Mostafa von der Universität Kairo, zu den Pflichten der Gemeinschaft auf nationaler und internationaler Ebene für die Bewahrung von natürlichen Ressourcen wie Wasser zu sorgen, aber, so schreibt er, „dies ist nicht alles, sondern wir müssen vor allem Entwicklung und ein besseres Leben für alle fördern“.

Der Islam, wie viele andere Religionen der Welt, verpflichtet Gläubige zum Eintreten für die Bewahrung der lebenswichtigen Wasserressourcen. Ahmad El Khalifa hat in einem Beitrag für die Website der deutschen Entwicklungsorganisation „muslime helfen“ die Bedeutung von Projekten im Wasserbereich so begründet: „Denn für uns alle ist der Zugang zu sauberem Wasser ein Menschenrecht und der verantwortungsvolle Umgang mit dem Wasser ein Schöpfungsauftrag.“

Ein Beispiel für die Wasserprojekte, die von der muslimischen Organisation gefördert werden, ist der Bau eines Regenwasserspeichers auf der Insel Kiwayu vor der Küste Kenias. Die kleine Insel hat nur 1.200 Einwohner und ist wegen häufiger Stürme auf dem Seeweg schwer zu erreichen. Die Trinkwassersituation ist prekär, weil Meerwasser das Grundwasser versalzt und die Brunnen deshalb kaum noch nutzbar sind. Die Wasserversorgung beruht seither vor allem auf dem Sammeln von Regenwasser. Deshalb ist das Projekt von „muslime helfen“ eine große Hilfe, um Wasser zu speichern und für den häuslichen Gebrauch sowie die bescheidene Landwirtschaft zu nutzen. Es handelt sich um ein Pilotprojekt und des sind Folgeprojekte auf weiteren kleinen Inseln vor der kenianischen Küste geplant.

Christlich-muslimische Zusammenarbeit

Wir kehren dorthin zurück, wo wir unsere Wasserreise begonnen haben, an den Rand der Sahara. Den Kampf gegen die Ausbreitung der Wüsten können die Menschen vor Ort nur gemeinsam gewinnen. Diese Einsicht hat Christen und Muslime im Norden des westafrikanischen Staates Burkina Faso bereits 1969 dazu veranlasst, eine gemeinsame Initiative zu starten. Die „Union Fraternelle des Croyants de Dori“ („Brüderliche Vereinigung der Gläubigen in Dori“) organisiert das gemeinsame Aufschichten von Erdwällen, das Pflanzen von Bäumen und den Bau von Brunnen und Wasserrückhaltebecken.

Zu den Initiativen in der Provinz Dori, die inzwischen vom katholischen Hilfswerk Misereor unterstützt werden, gehören auch die Verbesserung von Landwirtschaft und Gartenbau sowie Kleintierzucht, Alphabetisierung und die Vergabe von Kleinkrediten an Frauen. Reich geworden sind die Bewohner von Dori bei ihrem nun schon drei Jahrzehnte dauernden gemeinsamen Kampf gegen die Wüstenausbreitung nicht. Immer noch muss ein großer Teil von ihnen mit weniger als einem Dollar am Tag auskommen. Aber die Menschen haben ein gesichertes Auskommen, und so konnte die Abwanderung aus der Region gestoppt werden.

Manche Familien, die vor der Dürre geflüchtet waren, sind bereits zurückgekehrt. Andernorts in Westafrika gibt es Konflikte zwischen Christen und Muslimen. In Dori sagte der Imam einem deutschen Fernsehjournalisten: „Kann ich mir hier nicht vorstellen“, und der Bischof nickte dazu. Ihr Motto lautet: „Getrennt beten, gemeinsam arbeiten“.

Weitere Informationen zur religiösen Bedeutung des Wassers können Sie meiner Veröffentlichung „Das Wasser-Buch“ entnehmen, die im Verlag Otto Lembeck erschienen ist.

Foto: pixelio.de, Bernd Loewe

(Frank Kürschner-Pelkmann)

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