Frank Kürschner-Pelkmann

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aktuelles --- 13.09.2007 ---

Biokraftstoffe gefährden Ernährungssituation der Armen und die Umwelt

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Die internationalen Vorbehalte gegen den Biokraftstoff-Boom nehmen zu. Die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) fordert angesichts von steigenden Lebensmittelpreisen und einer drohenden Zerstörung natürlicher Lebensräume durch den forcierten Anbau von Zucker und Getreide für die Ethanol- und Biodieselproduktion eine Abschaffung der Subventionierung von Biokraftstoffen. Das geht aus dem Bericht „Biofuels: Is the curse worse than the disease“ hervor, den die OECD am 11. September 2007 veröffentlicht hat. Im günstigsten Fall sei mit einer Reduzierung der Kohlendioxidemissionen von drei Prozent durch Biokraftstoffe zu rechnen. Dem stünden neben den Preissteigerungen für Nahrungsmittel und den möglichen ökologischen Schäden sehr hohe Subventionen gegenüber, allein in den USA 7 Milliarden Dollar im Jahr. Die Vermeidung von einer Tonne Kohlendioxid koste so mehr als 500 Dollar, und in Europa seien die Subventionskosten sogar zehn Mal höher.

Im OECD-Bericht wird warnend darauf hingewiesen, dass die Subventionierung der Biokraftstoffe dazu führt, dass Landwirte dazu veranlasst werden, die Erzeugung von Nahrungs- und Futtermittel einzuschränken, um Rohstoffe für die Kraftstoffproduktion anzubauen. Die Folge sind steigende Nahrungsmittelpreise. In dem Bericht heißt es: „Der Drang zu Energiepflanzen birgt die Gefahr in sich, eine Nahrungsmittelknappheit zu verursachen und die Biodiversität zu schädigen, dabei aber nur einen begrenzten Nutzen zu erbringen.“

Bisher wird nur etwa 1% der Energie, die für den weltweiten Straßenverkehr aufgewendet wird, durch Biokraftstoffe gedeckt. Bis 2050 soll dieser Anteil auf 11% steigen, aber in der OECD-Studie wird die Frage gestellt, ob es genügend Ackerland auf der Welt gibt, um sowohl diese Energierohstoffe anzubauen als auch die wachsende Weltbevölkerung zu ernähren. Es sei zu befürchten, dass die steigende Biokraftstofferzeugung zu weiteren Preissteigerungen für Nahrungsmittel führen werde. Zu bedenken sei auch, dass die Rohstoffe für die Biokraftstoffproduktion am preiswertesten in tropischen Regionen erzeugt werden können, hier aber die Gefahr besteht, dass Wälder, Feuchtgebiete und große Weideflächen zerstört werden, um die Produktion zu erhöhen.

Auf diesem Hintergrund wird der kürzliche EU-Beschluss kritisiert, den Anteil der Biokraftstoffe an den gesamten Fahrzeugkraftstoffen auf 10% zu erhöhen: "Die gegenwärtige Politik der Unterstützung von Biokraftstoffen bedeutet, ganz auf eine einzige Technologie zu setzen, obwohl es eine große Vielfalt unerschiedlichster Kraftstoff- und Energiekonzepte als Optionen für die Zukunft gibt." Die nationalen Regierungen werden aufgefordert, keine weiteren Förderprogramme für Biokraftstoffe zu beschließen, sondern politische Entscheidungen zu treffen, die nicht eine Technologie einseitig fördern. Als Beispiel wird eine Besteuerung des Kohlendioxidverbrauchs genannt.

Titelseite der Analyse von OECD und FAO

Schon Anfang Juli 2007 hatte die OECD vor den Folgen des Ethanol- und Biodieselbooms gewarnt. In der von OECD und Welternährungsorganisation (FAO) gemeinsam herausgegebene Analyse „Agricultural Outlook 2007-2016“ wird festgestellt:

Im Betrachtungszeitraum werden bedeutende Mengen an Mais in den Vereinigten Staaten, Weizen und Raps in der EU und Zucker in Brasilien auf die Ethanol- und Biodieselerzeugung entfallen. Das sorgt nicht nur für feste Preise für pflanzliche Erzeugnisse, sondern wirkt sich auch indirekt über die höheren Tierfutterkosten auf die Schlachtviehpreise aus.

Beispielsweise wird in den USA zwischen 2006 und 2016 eine Verdoppelung der für die Ethanolherstellung eingesetzten Maismenge erwartet. Dann wird knapp ein Drittel der US-Maisernte für die Kraftstoffproduktion verwendet. Für den EU-Raum wird prognostiziert, dass sich die Biokraftstoffproduktion zwischen 2006 und 2010 um 170% erhöhen wird. Der Anteil am Benzin- und Dieselverbrauch von Kraftfahrzeugen wird dann trotzdem nur etwa 3,3% betragen.

In China wird die Ethanolproduktion zwischen 2006 und 2016 von 1,5 auf 3,8 Milliarden Liter steigen. Vor allem Mais wird zu Kraftstoff verarbeitet, und dafür sind deshalb 2016 etwa 9 Millionen Tonnen Mais erforderlich, eine Steigerung auf das Zweieinhalbfache. Brasilien gehört schon heute zu den wichtigsten Ethanolproduzenten auf der Welt. Bis 2016 wird die Produktion voraussichtlich noch einmal um 145% steigen. Dann werden 60% der Zuckerernte Brasiliens in Ethanol verwandelt werden, gegenwärtig sind es weniger als 50%.

Gleichzeitig prognostizieren OECD und FAO, dass die Getreideimporte der Entwicklungsländer steigen werden. Die zunehmende Biokraftstoffproduktion, gekoppelt mit einer wachsenden Nutzung von Getreide als Viehfutter, wird gleichzeitig weltweit eine weiter steigende Nachfrage nach Landwirtschaftserzeugnissen und Preiserhöhungen verursachen. Das hat unmittelbare Auswirkungen auf die Menschen, die auf Nahrungsmittelhilfe angewiesen sind oder die in städtischen Armenvierteln leben und nun noch mehr für ihre Lebensmittel zahlen müssen. Die Analysen von OECD und FAO liefert all denen neue Argumente, die skeptisch gegenüber dem Biokraftstoffboom sind.

Internet-Links zu den Studien:

Biofuels: Is the curse worse than the disease

OECD-FAO Agricultural Outlook: 2007-2016

(Frank Kürschner-Pelkmann)

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