Frank Kürschner-Pelkmann

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aktuelles --- 09.06.2008 ---

Lesotho: Trotz Staudamm kein Zugang zun Wasser

Der nachfolgende Beitrag von Christian Johannessen, einem freiberuflichen Journalisten in Norwegen, wurde vom Ökumenischen Rat der Kirchen in Genf verbreitet. Dort hat auch das Ökumenische Wassernetzwerk seinen Sitz.

Die riesigen Staudämme, die Südafrika und Lesotho im Hochland des „Königreichs in den Wolken“ gebaut haben, erwiesen sich für die Wirtschaft beider Länder als Erfolg. Der Christenrat von Lesotho befürchtet jedoch, dass das Projekt den umgesiedelten Bewohnern eher zum Nachteil gereicht.

Foto von Malethibela Lits'esane

Malethibela Lits'esane, 35, blickt hoch zu den Gipfeln rings um das Dorf Ha Makhalanyane in Lesotho, dem von Südafrika umschlossenen Königreich. Sie sehnt sich nach ihrem früheren Leben zurück, als sie noch ein paar Meilen jenseits dieser Berge lebte. Vor fünf Jahren waren sie und ihr Mann Emmanuel, 36, gezwungen, ihr Dorf Lamapong Ha Koporala zu verlassen. Als der Mohale-Staudamm gebaut wurde, wurden viele Leute in der Umgebung umgesiedelt, darunter die Lits'eanes.

Malethibela Lits'esane trägt einen Krug, um das kleine Feld zu bewässern, auf dem das Ehepaar Gemüse anbaut und wo seine einzige Kuh in Gesellschaft einiger Hühner weidet. Das Stück Land - von der Größe eher ein Garten - ist nichts im Vergleich zu den Weiden beim Mohale-Damm, wo das Vieh genug Gras hatte und die Menschen Kräuter und Brennholz sammeln konnten.

Zwar bringt das Lesotho-Hochland-Wasserprojekt monatlich Millionen von Dollar ein - dringend notwendige Einnahmen für dieses relativ arme Land -, doch kommt dies kaum den Menschen zugute, die den Dämmen weichen mussten.

Fließendes Wasser - sechs Monate im Jahr

In der Regenzeit kann Malethibela ihren Krug an der Wasserleitung füllen, die für die Häuser, die jetzt ihre Nachbarschaft sind, gelegt wurde. Von Ende Juli bis Januar verändert sich jedoch ihr Alltag. Das Land dörrt aus und es fließt kein Wasser mehr aus dem Hahn.

Dann muss Malethibela vier bis fünf Stunden laufen, um Wasser zu holen. Dabei trägt sie zwanzig bis vierzig Liter auf ihrem Kopf nach Hause. Für die dreißig bis fünfzig Liter pro Person, die das UN-Weltprogramm zur Bewertung der Wasserressourcen als täglichen Mindestbedarf ansieht, kann sie somit auf keinen Fall sorgen. Während der Dürreperiode ist es den Lits'esanes und ihren Nachbarn unmöglich, Gemüse anzubauen, und sie müssen ihr Vieh zu weit entfernt gelegenen Weiden treiben. Die Versprechungen, die man ihnen bei der Umsiedlung gemacht hat, hörten sich ganz anders an!

In dem 80 Haushalte zählenden Dorf Ha Mallani, das auf einem Hügel oberhalb des Katse-Staudamms liegt, warten die Menschen noch immer auf die versprochene Wasserleitung. Über zehn Jahre nach der Fertigstellung des Damms sind sie weiterhin auf einige natürliche, ungeschützte Quellen angewiesen. Oberhalb einer dieser Quellen hat die Baufirma sogar zwei Toiletten aufgestellt, die, so fürchten die Dorfbewohner, undicht werden und die Quelle verunreinigen können. Nur einen Kilometer tiefer liegt der Katse-Stausee. Er hat die alten Felder der Dorfbewohner überschwemmt, doch zu seinem Wasser haben sie keinen Zugang.

Ein sichtbarer Nutzen des Wasserentwicklungsprojekts für die Menschen in der Katse-Region springt allerdings ins Auge: neben fast jeder der traditionellen Rundhütten mit den Strohdächern steht jetzt eine Toilette aus Beton. Die Einwohner erklären, dass sich der Gesundheitszustand besonders der Kinder seither verbessert habe. Der Grund für den raschen Bau dieser Toiletten war, die Wasserqualität im Staubecken zu sichern.

Kirchen als Stimme der Schwachen

Im selben Jahr, in dem Südafrika und Lesotho den Vertrag über das binationale Wasserprojekt unterzeichneten, nahm der Christenrat von Lesotho im sein Engagement für die Betroffenen auf. 1986 gründete er die Kirchliche Hochland-Aktionsgruppe, um die dortigen Gemeinschaften in Fragen der Umsiedlung und Entschädigung zu beraten. Die Gruppe musste ihre Arbeit 1999 aus finanziellen Gründen einstellen, aber der Christenrat greift die Aktivitäten jetzt wieder auf.

„Die Kirche muss ihre prophetische Rolle spielen und sich direkt an die betroffenen Gemeinschaften wenden. Für uns muss Entwicklung ganzheitlich sein - physisch, geistig und moralisch zugleich. Das sehen wir als unseren Auftrag an. Es gibt noch immer Leute, die nicht ausreichend für ihren Verlust entschädigt worden sind, und wir werden die Behörden durch Lobbyarbeit zum Handeln veranlassen“, sagt Seeisa Mokitimi, Koordinator des Programms des Rates zur Armutsbeseitigung.

Im April war der Christenrat einer der Gastgeber einer internationalen Konferenz des Ökumenischen Wassernetzwerks, bei der über Staudamm-Großprojekte im Verhältnis zu dem Menschenrecht auf Wasser diskutiert wurde.

Im Vertrag über das Lesotho-Hochland-Wasserprojekt ist zwar festgelegt, dass niemand durch den Bau der Dämme benachteiligt werden sollte, doch Tom Monaheng Mahlakeng ist nicht zufrieden damit, wie die Entschädigungen gehandhabt werden.

„Die Leute müssen eine angemessene Entschädigung erhalten, bevor mit dem Bau begonnen wird. Manche warten nun schon seit 20 Jahren auf die zugesicherte Entschädigung. Die Hochland-Entwicklungsbehörde von Lesotho muss ihren eigenen Vertrag genauer durchlesen“, sagte Mahlakeng, der Vorsitzende einer kleinen Organisation mit dem Namen Überlebende der Lesotho-Dämme (SOLD) in einem Interview im April: „Wie sie uns behandelt haben, das hat mich verbittert.“

In Mahlakengs eigenem Dorf wurden 173 Häuser in Folge der Sprengungen in einem Steinbruch zerstört, in dem Material für den Bau der Straßen um den Mohale-Staudamm gewonnen wurde. Nur 16 Häuser wurden wieder aufgebaut.

Masilo Phakoe, Leiter der für das Hochland-Wasserprojekt zuständigen Behörde erklärt, ein Grund für das Problem mit den Entschädigungen sei, dass die Baufirma, die mit dem Bau von Toiletten und der Verlegung von Wasserleitungen in der Katse-Region beauftragt war, die Arbeiten nicht ausgeführt habe, obwohl sie das Geld für den Auftrag kassiert hätte. Phakoe versichert, dass die Arbeiten jetzt aber wieder in Gang kommen werden. „Es hat etwas lange gedauert, wir haben etwa zehn Jahre Verspätung, aber wir haben jetzt ein Programm, um die Arbeit zu beenden.“

Malethibela Lits'esane schaut auf das Haus, dass die Behörden für sie bei der Umsiedlung gebaut haben. Es ist stabil, aus Beton, wie die Toilette daneben. Es ist aber auch sehr kalt in der Nacht und es gibt kein Brennholz in der Nähe. Um Feuer zum Kochen zu haben, muss sie von dem Geld, das sie mit dem Verkauf ihrer Hühner verdient, Paraffin kaufen. !Wir sind von den Behörden enttäuscht", sagt sie. "Uns wurde zugesichert, dass alles an dem neuen Ort hohen Ansprüchen genügen würde. Nichts davon. Seit wir hier leben, ist das Leben ein einziger Stress."

Hintergrund: die Megadamm-Lösung

Im vergangenen Jahrhundert wurden weltweit über 45'000 große Staudämme gebaut, um Wasserressourcen für den Anbau von Nahrungsmitteln, für Hochwasserkontrolle, die Versorgung der Haushalt und für Energiegewinnung nutzbar zu machen. Die 1998 zur Überprüfung der Entwicklungseffizienz solcher Umsummen verschlingenden Projekte eingerichtete Internationale Staudammkommission kam zu dem Schluss, dass viele der Staudämme diese Ziele nicht erreicht hätten und dass die Auswirkungen auf die betroffenen Gemeinschaften und Ökosysteme größer seien als vorhergesehen.

Das vom südafrikanischen Institut für Hoch- und Tiefbau als „Jahrhundertprojekt“ gepriesene Lesotho-Hochland-Wasserprojekt versorgt Südafrika mit Wasser und erzeugt Strom für Lesotho. Es wurde 1986 von den Regierungen beider Länder gestartet. Wasser ist in Südafrika ein knappes Gut. Im bergigen Lesotho, dessen tiefster Punkt 1400 Meter über dem Meeresspiegel liegt, ist durchschnittlich 75 mal so viel Wasser verfügbar wie landesweit verbraucht wird.

Drei der fünf Staudämme sind bereits fertiggestellt: der Katse-Damm, der Muela-Damm und der Mohale-Damm. Südafrika wird bereits seit einem Jahrzehnt mit Wasser versorgt, und die Regierung von Lesotho erhält monatlich 17 Millionen Maloti, also rund 2,2 Millionen US-Dollar Nutzungsgebühren.

Der Vertrag über das Gemeinschaftsprojekt sieht vor, dass den Betroffenen „ein Lebensstandard angeboten werden soll, der nicht unter dem liegt, den sie zum Zeitpunkt der ersten Beeinträchtigung erreicht hatten“. Doch die jährliche Entschädigung, die an 3500 Haushalte für vermutlich 50 Jahre gezahlt wird, ist zu niedrig, um neue Einkommensquellen zu schaffen, und wird oft auch zu spät ausgezahlt. Bis heute sind Entschädigungen in einer Gesamthöhe von circa 40 Millionen Maloti gezahlt worden.

Masilo Phakoe, Leiter der lesothischen Hochland-Entwicklungsbehörde, ist allerdings von den großen Vorteilen der Staudämme überzeugt. Er weist darauf hin, dass das Projekt Arbeitsplätze geschaffen, beruflichen Fähigkeiten gefördert, die Infrastruktur verbessert und dem verhältnismäßig armen Land große Summen Geld eingebracht hat.

Aus Erhebungen seiner Behörde gehe hervor, fügte er hinzu, dass sich Lebensstandard, Einkommensverhältnisse und Gesundheitszustand in den ländlichen Gebieten verbessert hätten. Phakoe räumt allerdings auch Nachteile ein: „Möglicherweise haben wir nicht genug getan, um die Leute auf dem Land auf die Veränderungen vorzubereiten. Soziale Aspekte und Umwelttfragen waren in den 1980er Jahren, als wir mit der Projektplanung anfingen, nicht besonders aktuell. Wir müssen noch einiges tun, um den betroffenen Gemeinschaften zu helfen, aber wir arbeiten daran.“

Foto: Ökuemnischer Rat der Kirchen

(Frank Kürschner-Pelkmann)

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