Frank Kürschner-Pelkmann

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aktuelles --- 27.06.2008 ---

Wasser für alle - die es bezahlen können?

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Im „Gesellschafter“-Tagebuch der Initiative dieGesellschafter.de verfassen viele wechselnde Autoren Einträge zu tagespolitischen Anlässen oder Ereignissen ihrer Wahl: subjektiv, persönlich, direkt. Alle Einträge können von Ihnen kommentiert und diskutiert werden. Im Tagebuch-Eintrag vom 27. Juni 2008 geht es um internationale Wasserfragen.

Weltweit haben mehr als eine Milliarde Menschen keinen Zugang zu sauberem Wasser, rund 1,5 Millionen Kinder sterben jährlich an den unmittelbaren Folgen. In dem Artikel „Reiche trinken aus der Flasche“ markiert die TAZ die Wohlstandsgrenze zwischen „den wenigen, die sich abgefülltes Mineralwasser aus Plastikflaschen leisten können, und dem großen Rest, der auf eine unzuverlässige öffentliche Versorgung, Standhähne in Höfen oder gar Flüsse, Seen und Erdlöcher angewiesen ist. Der durschnittliche Europäer benutzt jeden Tag 200 Liter Wasser, der durschnittliche Nordamerikaner 400 Liter, der Durchschnittsarme in einem Entwicklungsland 10 Liter, für die er oft einen höheren Preis bezahlt als der Bewohner eines Industrielandes. Leere Wasserflaschen gehören in armen Ländern zu den begehrtesten Bettelgütern für Straßenkinder.“ Aus Anlass der Internationalen Wasserwoche meldet sich Frank Kürschner-Pelkmann zu Wort.

Vom 23. bis 27. Juni haben sich 5.000 Fachleute in Singapur zur Internationalen Wasserwoche versammelt. Es geht um eine Vielzahl von Wasser-Themen, und zu denen gehört auch ein „anrüchiges“ Thema. Das ist eine gute Nachricht. Etwa 2,6 Milliarden Menschen auf der Welt müssen ohne eine gesundheitlich unbedenkliche sanitäre Versorgung leben. Sie haben kein Klo. Das bedeutet, dass sie großen Gesundheitsrisiken ausgesetzt sind - und dass ihre menschliche Würde bedroht ist. Besonders Frauen leiden darunter, dass sie oft bis zum Einbruch der Dunkelheit warten müssen, um irgendwo halbwegs unbeobachtet ihre „Geschäfte“ verrichten zu können. Und Millionen Kinder sterben an Durchfallerkrankungen und anderen Folgen fehlender Toiletten und Abwässersysteme. Regierungen und Entwicklungsfachleute, aber oft auch die Betroffenen selbst wollten lange Zeit nicht über dieses Thema sprechen. Und schon deshalb ist es gut, dass 5.000 Fachleute aus aller Welt nicht die Nase rümpfen, sondern sich mit den ganz praktischen Fragen beschäftigen, wie Millionen Menschen endlich zu Toiletten kommen. Jedes Klo ist ein kleiner Sieg im Kampf für ein Leben in Gesundheit und Würde für alle. Zudem macht der Stadtstaat Singapur vor, dass man Abwasser so gründlich klären kann, dass es anschließend für viele Zwecke verwendbar ist, zum Beispiel zur Bewässerung von Parks.

Das zweite wichtige Thema in der internationalen Wasser-Diskussion und bei der Konferenz in Singapur lautet, wie die 1,2 Milliarden Menschen ohne sauberes Trinkwasser zu einer angemessenen Versorgung kommen können. In den letzten Jahren hat sich in der internationalen Diskussion die Auffassung weit gehend durchgesetzt, dass ein Schritt auf diesem Weg die Anerkennung des Menschenrechts auf Wasser ist. Denn so wichtig technische Lösungen für die Überwindung der Versorgungsmisere sind, so unverzichtbar sind auch politische Schritte und der Druck auf politische Verantwortungsträger. In Südafrika steht das Recht auf Wasser in der Verfassung, und das hat es der armen Bevölkerung sehr erleichtert, massiven Druck auf die Regierung auszuüben, die Menschen auch tatsächlich mit sauberem und bezahlbarem Wasser zu versorgen. Das zeigte Wirkung: Die südafrikanische Regierung hat im Jahre 2000 jeder Familie einen Anspruch auf 6.000 Liter kostenloses Wasser im Monat eingeräumt und gleichzeitig ein großes Investitionsprogramm durchgeführt, sodass nun die weitaus meisten Einwohner wenigstens ihren Grundbedarf an sauberem Wasser decken können.

Demgegenüber ist der Versuch, Wasser zu einer Ware wie jede andere zu machen, meines Erachtens gründlich gescheitert. In den 1990er Jahre prognostizierten Finanzanalysten, dass mit dem Wasser gute Geschäfte zu machen seien. Wo Knappheit herrscht, lassen sich mit der Deckung des Bedarfs hohe Gewinne erzielen, lautete die Botschaft. Konzerne wie RWE stiegen in das internationale Wassergeschäft ein und übernahmen die Trinkwasserversorgung in großen Städten in Europa, Nordamerika und auch im armen Süden der Welt. Aber die vorhergesagten »sprudelnden Gewinne« blieben meist aus. In London wurde die Privatisierung der Wasserversorgung zu einem Desaster. Steigenden Wasserpreisen stehen schlechte Leistungen des privaten Versorgungsunternehmens Thames Water gegenüber. So versickert etwa ein Drittel des Trinkwassers zwischen Wasserwerk und Wasserhahn, weil das Leitungsnetz mangels intensiver Wartung und Reparatur immer maroder geworden ist. Nun müssen Milliardenbeträge investiert werden, und ob solcher Perspektiven hat der Investor RWE sich wieder aus Thames Water zurückgezogen.

Derweil prosperieren kommunale Wasserbetriebe in Europa wie Hamburg Wasser und ermutigen ihre Kunden, Wasser zu sparen, obwohl dies den Umsatz beeinträchtigt. Auch viele kleine Wasserwerke erzielen Gewinne und leisten gleichzeitig wichtige Beiträge zu einem sorgsamen Umgang mit dem Wasser und der Natur. Mein Eindruck ist, dass dies viel zu wenig gewürdigt wird, weil erfolgreiche kommunale Betriebe nicht in das Weltbild vieler hiesiger Wirtschaftsexperten passen.

In Afrika, Asien und Lateinamerika mussten die internationalen Wasserkonzerne lernen, dass es zwar eine große Nachfrage nach Wasser gibt, aber die Kaufkraft fehlt, um die Wasserpreise zu zahlen, die nötig wären, um große Investitionen zu finanzieren und dazu noch beträchtliche Gewinne zu erzielen. Proteste der Bevölkerung gegen steigende Wasserpreise zwangen vielerorts die »Global Player« zum Rückzug. Inzwischen setzen erfreulicherweise immer mehr Regierungen und Entwicklungsorganisationen wieder auf die Sanierung der öffentlichen Wasserversorgungsbetriebe in den Städten und auf kleine dezentrale Versorgungsnetze auf dem Lande. Ein Weltbank-Direktor räumte in Singapur ein, dass in großem Umfang öffentliche Gelder erforderlich sind, um die erforderlichen Investitionen in die Wasserinfrastruktur zu finanzieren. Die Hoffnung, dass die globalen Konzerne die Milliardensummen aufbringen, sind auch bei der Weltbank geschwunden. Der Bau von Wasserleitungen in armen Regionen der Welt rechnet sich schlicht nicht.

Geschäfte lassen sich im Süden der Welt vor allem mit Flaschenwasser machen. Die vielerorts schlechte Qualität des Leitungswassers und die Werbung für die Flaschenwasser von Nestlé, Danone, Coca-Cola etc. zeigen Wirkung. Vor allem in Asien ist ein riesiger Markt entstanden. Die Berge leerer Plastikflaschen am Rand vieler Straßen im Süden der Welt sind zu einem Symbol für eine verfehlte Strategie zur Verbesserung der Wasserversorgung geworden. Mit einem Bruchteil des Geldes, das für den Flaschenkauf aufgewendet wird, ließe sich die öffentliche Wasserversorgung grundlegend verbessern. Da aber das Flaschenwasser bis zu 1.000 Mal so teuer ist wie Wasser aus der Leitung, stellt sich gerade in armen Ländern die Frage: Wasser für alle oder Wasser für alle, die es sich leisten können.

(Frank Kürschner-Pelkmann)

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